Politik & Gesellschaft

Intensive Zeit

Seit einem Jahr ist Dr. Carmen Reichert Direktorin des Jüdischen Museum Augsburg Schwaben. a3kultur blickt mit ihr zurück auf das vergangene Jahr und in die Zukunft.

a3kultur: Sie sind nun seit einem Jahr Direktorin des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben. Sind Sie gut angekommen? Wie lautet Ihr Resümee?

Carmen Reichert: Ich bin sehr dankbar, mit welch offenen Armen und wie viel Unterstützung von sehr vielen Seiten ich hier aufgenommen worden bin, sowohl im Museum als auch in der Stadtgesellschaft. Das hat es mir leicht gemacht, mich hier einzufinden, obwohl es gleichzeitig – in der Krisenzeit und mit den quasi gleichzeitig mit meinem Einstieg begonnenen Bauarbeiten bei uns im Hause – eine sehr intensive Zeit war.
Solche Umbruchzeiten bringen gleichzeitig aber so viele Möglichkeiten, die Weichen für die nächsten Jahre zu stellen, und ich freue mich sehr, dass ich an diesem wichtigen Prozess mitwirken darf.

Die Renovierung der Synagoge steht an. Können Sie uns etwas zum aktuellen Stand und zu den Eckdaten sagen? Wann beginnen die Bauarbeiten, wann sollen sie enden? Wie viel
sollen die Renovierungsarbeiten kosten?


Im Sommer 2022 haben die ersten Arbeiten begonnen, seitdem steht das Baugerüst an der Westseite der Synagoge. Die Architekten und Baufirmen sind nun dabei, ihre ersten Erfahrungen mit dem Gebäude zu sammeln – bei einem über hundert Jahre alten Haus, das während der Sanierung von zwei Institutionen genutzt wird (der Gemeinde und uns), ist das kein leichtes Unterfangen. Wie lange genau die Arbeiten dauern werden, ist im Moment noch unklar, aber wir rechnen mit mindestens sechs Jahren. Neben der baulichen Instandhaltung geht es bei den Renovierungsarbeiten auch um eine Optimierung der Sicherheit und des Brandschutzes und wir werden barrierefrei, sodass auch Museumsbesucher*innen mit Behinderung endlich Zugang zu unserer Ausstellung bekommen. Die Gesamtkosten belaufen sich nach meinem Kenntnisstand auf 26 Millionen Euro.

Inwieweit wird die Renovierung Einfluss auf Ihre Arbeit und die des Museums haben?

Im Moment läuft der Betrieb noch weitgehend störungsfrei. Wir nehmen die Sanierungsarbeiten auch zum Anlass, eine neue Dauerausstellung zu erarbeiten, denn die jetzige Ausstellung ist von 2006 und inzwischen in die Jahre gekommen. Daher müssen die Ausstellungsräume für einen gewissen Zeitraum geschlossen werden, allerdings erst in einigen Jahren. Wir haben schon im vergangenen Jahr begonnen, die ersten konzeptionellen Fragen zur neuen Dauerausstellung zu stellen. Es ist uns wichtig, diesen Prozess im Dialog mit der jüdischen Gemeinschaft und mit den Augsburger Bürger*innen zu gestalten. Deshalb haben wir am Europäischen Tag der jüdischen Kultur und auch mit unserem mobilen Lastenrad Besucher*innen, aber auch Passant*innen angesprochen und gefragt, was sie von uns als Museum erwarten und was sie am Judentum interessiert. Zudem wollen wir die Schließzeit nutzen, um vermehrt außerhalb des Museumsgebäudes präsent zu sein, neue Formen der Vermittlung auszuprobieren und auch Menschen zu erreichen, die sonst vielleicht gar nicht in unser Museum kommen würden.

Welche Projekte, Veranstaltungen und Kooperationen stehen in nächster Zeit für Sie und Ihr Team an?

Im Moment läuft das Rahmenprogramm zu unserer Ausstellung »Feibelmann muss weg«, im Rahmen dessen wir uns vor allem mit dem aktuellen Antisemitismus befassen. Das ist ein Thema, das uns gewiss auch über die Dauer der Ausstellung hinaus begleiten wird. Manche jüdischen Museen schrecken vor diesem Thema zurück – mit einer gewissen Berechtigung, denn Antisemitismus hat ja nichts mit jüdischer Kultur zu tun, sondern mit den Ängsten und Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft –, aber ich halte es für wichtig, dass wir unsere Möglichkeiten nutzen, um dafür zu sensibilisieren. Ein Highlight wird sicher unser Körperworkshop »Mitgehangen/Mitgefangen« mit Ensemblemitgliedern des Balletts Augsburg in Kooperation mit dem Staatstheater. Besonders wichtig ist mir auch das Konzert »Gemeinsam befreit« am 8. Mai im Abraxas. Wir feiern zum ersten Mal gemeinsam mit dem Verband der Roma und Sinti den Jahrestag der deutschen Kapitulation 1945, und das an einem ehemaligen Täterort, im ehemaligen Offizierskasino der Wehrmacht. Damals haben die meisten Deutschen diesen Tag nicht als Befreiung, sondern als Niederlage erlebt. Dass viele das heute anders sehen, ist für mich auch ein Grund zu feiern. Im Sommer wird außerdem unsere Pop-up-Ausstellung auf dem Lastenrad wieder auf Tour gehen, mit neuen Themen – lassen Sie sich überraschen!

Kooperiert Ihr Haus auch mit anderen Synagogen in der Region und in Schwaben, wie in Buttenwiesen oder Ichenhausen?

Ja, natürlich. 2004 wurde unter der damaligen Leitung des Museums das Netzwerk historischer Synagogenorte in Bayerisch-Schwaben gegründet, zu dem aktuell 17 ehemalige Zentren jüdischen Lebens außerhalb von Augsburg gehören. Wir richten jährlich gemeinsam den Europäischen Tag der jüdischen Kultur aus und machen regelmäßig Projekte. Auch die Feibelmann-Ausstellung ist im Rahmen dieser Netzwerkarbeit entstanden. Im April haben wir einen neuen Mitarbeiter bekommen, der sich nun vermehrt um die Vermittlung in Schwaben außerhalb von Augsburg kümmert, also vor allem um Workshops für Guides und Lehrkräfte und um die Beantwortung von Anfragen der Engagierten vor Ort. Im Juni findet in Ichenhausen unser Symposium in Gedenken an Gernot Römer statt und auch zum Beispiel im Rahmen der europäischen Kulturwoche, die wir im November mit der Israelitische Kultusgemeinde gemeinsam ausrichten, versuchen wir, diese historisch bedeutenden Orte unserer Geschichte zu unterstützen. Über diese Arbeit im Netzwerk hinaus forschen wir auch zum schwäbischen Landjudentum, unter anderem in unserem laufenden Bavarikon-Projekt, im Rahmen dessen Objekte aus den Landgemeinden digitalisiert werden.

Vor Kurzem wurde die Ausstellung »Feibelmann muss weg« in der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber eröffnet. Wie wird sie von den Besucher*innen angenommen und wie sind die Reaktionen der Besucher*innen beispielsweise auf die ausgestellten Drohbriefe?

Die Ausstellung ist bisher auf großes Interesse gestoßen, sowohl von der Augsburger Stadtgesellschaft als auch von den Medien. Besucher*innen reagieren meist sehr betroffen. Mir ist es sehr wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Antisemitismus nicht nur in den 1930ern und 40ern brutal, übergriffig und verletzend war. Natürlich ist ein staatstragender Antisemitismus wie damals nicht mit der Situation heute vergleichbar, aber viele Menschen unterschätzen, wie präsent Antisemitismus auch in der Mitte unserer heutigen Gesellschaft ist.

In Ihrer Eröffnungsrede bei der Vernissage haben Sie von Hakenkreuz-Schmierereien und -Schnitzereien in der Synagoge erzählt. Ihr Haus, das Staatstheater und auch das Junge Theater Augsburg beschäftigen sich gerade parallel mit dem Thema Antisemitismus. Er war nie weg?

Nein, es gehört leider zu den Mythen der Nachkriegszeit, dass der Antisemitismus 1945 endete. Wie auch die jüngsten Statistiken zeigen, ist Antisemitismus nicht nur ein Phänomen des rechten Randes, sondern aller Teile unserer Gesellschaft, bis in die Politik, Wissenschaft und Wirtschaft hinein. Durch die aktuellen Krisen sind neue Formen entstanden, die wir auch mithilfe unserer Kooperationspartner*innen adressieren wollen. Wir sind sehr dankbar, dass wir hier nicht allein sind, sondern viele Menschen und Gruppen bereit sind, mitanzupacken.

 

Veranstaltungen des JMAS im Mai:

Konzert: Gemeinsam befreit Montag, 8. Mai (19:30 Uhr) Abraxas Theater

Film & Gespräch: Jetzt – nach so viel’ Jahren Donnerstag, 11. Mai (19 Uhr) Liliom Kino

Workshop: Mitgehangen/Mitgefangen Sonntag, 14. Mai (13:30 bis 17 Uhr) Ballettsaal Gaswerk Augsburg

Internationaler Museumstag Sonntag, 21. Mai beide Standorte

Vortrag von Dr. Malgorzata Stolarska-Fronia: Die Erinnerung an die Shoah in polnischen Museen Mittwoch, 24. Mai (18:30 Uhr) Festsaal der Synagoge

 

Auch das Jüdische Museum Augsburg Schwaben öffnet am Internationalen Museumstag am 21. Mai kostenfrei seine Türen an beiden Standorten. In der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber ist die  Ausstellung »Feibelmann muss weg« zu sehen. In der Innenstadt kann natürlich die Dauerausstellung und die Installation »Pessach – Matzen und mehr« kostenfrei besucht werden. Darüber hinaus werden zwei Führungen angeboten.

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