Literatur

Jugend zwischen Synagoge, Fußball und Existenzkampf

Dieter Ferdinand
30. Januar 2020

Ludwig Seligmanns Vater Isaak kommt als Feldwebelleutnant Ende 1914 zum Heimaturlaub nach Ichenhausen an der Günz. Mit der Familie geht er zum Chanukka-Gottesdienst. Aber nach dem Kampf im Schützengraben ist er ernüchtert, zumal 1916 im Heer eine »Judenzählung« erfolgt, die Juden als Drückeberger brandmarken soll.

In seinem biografischen Roman »Lauf, Ludwig, lauf!« schildert der 72-jährige Rafael Seligmann in Ich-Form die Jugendgeschichte seines Vaters (1907–1975). Er beschreibt die Synagoge, einen frühklassizistischen Bau von 1781; die dortige Gemeinde war die größte jüdische Landgemeinde in Bayern.

Die väterlichen Einnahmen fallen im Krieg aus, nur Ludwig kann ins Gymnasium gehen, nicht sein älterer Bruder Heinrich (1905–1990). Ein Lehrer sagt zu Ludwig: »Du bist ja gar kein richtiger Deutscher, Seligmann.« Vater kommt schwermütig geworden aus dem Krieg zurück, mit kleiner Kriegsrente. In der Ermordung Kurt Eisners am 21. Februar 1919 sieht er ein schlechtes Vorzeichen.

Am 1. Februar 1920 wird Ludwig 13. Am Schabbat darauf wird er bei der Bar Mizwa in die Gemeinschaft jüdischer Männer aufgenommen. Er blickt gerne hinauf zur Frauenempore zu schönen Frauen, besonders seiner Mutter. Ludwig beendet das Gymnasium und geht in die Kaufmannslehre bei Vaters Geschäftspartner Lazarus Bodenheimer in Ulm. Dessen Vorbild war der am 24. Juni 1922 an einem Schabbath ermordete Walther Rathenau. Nach der Schwester Thea wird Bruder Kurt geboren. 1923 kommt die Inflation. Mutter Klara bittet Ludwig, nach Ichenhausen zurückzukommen. Die älteren Brüder gehen mit Textilien (»Schmattes«) hausieren.

Ludwig (Foto links: © privat, klick hier zum Vergrößern) spielt früh im Fußballverein. Bei einem Spiel 1924 gegen den Erzrivalen Günzburg wird er als Schnellster angefeuert: »Lauf, Ludwig, lauf!« Er schießt das 1:1 nach einem Rückstand. Ichenhausen gewinnt 2:1, Ludwig wird von allen gefeiert.

In der jüdischen Gemeinde hilft Ludwig bei der Versorgung Verstorbener. »Der Anblick des seelenlosen Körpers nahm mir die Angst vor dem Toten.« Ludwig schildert die Zeremonien bis zur Bestattung.

1925 wird Hindenburg Reichspräsident. Vater Isaak: »Sobald es schlimm kommt, dienen wir wieder als Sündenböcke.« »In Augsburg erwarb ich einen neuen Chevrolet«, berichtet Ludwig. Die Geschäftsreisen werden ausgeweitet. 1928 eröffnet Bodenheimer ein neues Kaufhaus im Augsburger Zentrum.

1929 brechen die Aktienmärkte zusammen. »Bald waren Millionen Deutsche ohne Arbeit«. In Ichenhausen entsteht eine NSDAP-Gruppe. SA-Männer schreien: »Juda verrecke!« Bei den Wahlen 1932 werben die meisten Plakate für Hitler.

»Ulmer Kaufhausbesitzer begeht Selbstmord«, steht in der Zeitung. Lazarus Bodenheimer hatte sein Leben beendet, nachdem die Firma Insolvenz anmelden musste. Ricarda, seine Tochter: »Ich wandere ein für alle Mal in unsere Heimat (Palästina) aus.« In Ansbach wird Ludwig von Nazis zusammengeschlagen. An Jom Kippur, dem Versöhnungstag mit seiner Bedeutung des Verzeihens ist er wieder zuhause.

30. Januar 1933, Hitler wird Reichskanzler. In der Zeitung »Stürmer« werden Heinrich und Ludwig der Rassenschande bezichtigt. SA-Leute pinseln an Seligmans Schaufenster: »Kauft nicht beim Juden.« Am 13. April erfahren die Brüder, dass sie verhaftet und nach München gebracht werden sollen. Der katholische Prälat Sinsheimer drängt: »Lauf, Ludwig, lauf, so schnell und weit du kannst! Wer das Kreuz verachtet und die Juden hasst, ist vom Teufel.« Karl Seiff, ein Polizist, Sportsfreund von früher, fährt beide mit dem Polizeiauto nach Günzburg, wo sie den Zug nach Stuttgart nehmen und von dort nach Winterthur in die Schweiz flüchten. Karl mahnt: »Ihr müsst zurückkommen! Das Pack darf nicht das letzte Wort haben.«

Rafael Seligmann schildert im Epilog das weitere Schicksal der Familie und wie sie 1935 in Palästina zusammenfindet. Ein Glossar erläutert die häufig gebrauchten hebräischen Worte. Die Ichenhausener Synagoge (Foto links: das Gebäude heute, © Jüdisches Museum Augsburg Schwaben/Ilya Kotov, klick hier zum Vergrößern) wurde 1938 geschändet. Bis heute leben keine jüdischen Menschen mehr in der Kleinstadt. Erst vor kurzem wurde Adolf Hitler aus der Ehrenbürgerliste Ichenhausens gestrichen.

Rafael Seligmann – Lauf, Ludwig, lauf! Eine Jugend zwischen Synagoge und Fußball, LangenMüller Verlag, 320 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-7844-3466-7

www.herbig.net/verlage/langenmueller

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