Politik & Gesellschaft

»Der Kahlschlag war beispiellos«

Jürgen Kannler
8. September 2021

Ein Gespräch im Rahmen der a3kultur-Serie »Theater.Macht.Zukunft.« mit Philipp Miller, Kontrabassist und Personalrat am Staatstheater Augsburg.

Es sind die letzten Tage vor den Sommerferien. Die Mitarbeiter*innen des Staatstheaters Augsburg (STA) bereiten sich auf die freien Wochen zwischen den Spielzeiten vor. Der Weg zum Personalratsbüro liegt etwas versteckt auf dem weitläufigen Martini-Park-Gelände im Gebäude B6, 2. Etage. Philipp Miller em­pfängt mich als Noch-Vorsitzender des Personalrats am STA. In dieser Position ist der Kontrabassist freigestellt. Er gibt diese Rolle, die er als die des »Ersten unter Gleichen« umschreibt, bald an Sally du Randt ab. Er kennt und schätzt sie als engagierte Künstlerin und als eines der wichtigsten Gesichter des Hauses, die nach außen wirken können. Im Übrigen freut er sich auf seine Rückkehr zu den Kolleg*innen im Orchestergraben. Miller kam vor elf Jahren direkt nach dem Studium zum Orchester nach Augsburg und blieb.

a3kultur: Was macht ein Personalrat im STA?
Philipp Miller: Unsere Aufgabe besteht darin, die rund 700 Mitarbeiter*innen des STA vor dem Arbeitgeber zu vertreten. Im Streitfall führt ihr erster Weg in der Regel zum Personalrat.

Was unterscheidet das STA in Hinsicht auf Personalvertretung von anderen Unternehmen vergleichbarer Größe?
Wir haben eigentlich die Aufgaben eines Betriebsrats, jedoch deutlich weniger Macht. Das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) greift bei uns nicht. Erschwerend hinzu kommt, Bayern hat eines der schwächsten Personalvertretungsgesetze. Gerade im künstlerischen Bereich. Und dazu zählen am STA absurderweise auch Kolleg*innen aus der Öffentlichkeitsarbeit oder angestellte Nichtmusiker*innen im Orchester. Hier hat der Stiftungsvorstand, das sind beim STA der Staatsintendant und der Geschäftsführende Direktor, eine schier unglaubliche
Machtfülle bei Vertragsschließungen oder deren Verlängerungen, quasi ohne jedes Mitspracherecht der Personalvertretung. Alles legitimiert auf Basis des Normalvertrags (NV) Bühne.

Das hört sich wenig zeitgemäß an.
Das sind wohl noch Relikte aus absolutistischen Zeiten. Die Politik weigert sich jedoch bis heute beharrlich, daran etwas zu ändern. So entscheidet der Stiftungsvorstand über Engagements von Sänger*innen, Schauspieler*innen, Tänzer*innen, sowie eben in diversen anderen Bereichen. Das Fatale ist, dass diese Verträge nach den ersten 24 Monaten jährlich von der Theaterleitung verlängert werden können. Die betroffenen Kolleg*innen werden theoretisch ein Arbeitsleben lang von Jahr zu Jahr, von Vertrag zu Vertrag durchgereicht.

Begünstigt oder zementiert dieses System Machtmissbrauch an Theatern?
Ich würde sagen ja, das tut es.

Wir sprechen dabei auch von unterschiedlichen Maßstäben im künstlerischen Bereich. Für Orchester­musiker*innen z.B. gelten andere Regeln.
Richtig. Hier entscheidet das Orchester über Neueinstellungen ganz wesentlich mit. Üblich ist ein Verfahren über drei Runden. Die erste davon ist anonym, es wird hinter einem Vorhang vorgespielt. Die Voten des Orchesters entscheiden. Und nach einem Probejahr wird noch einmal abgestimmt. Bei guter Bewährung und damit einem positiven Abstimmungsergebnis winkt ein unbefristeter Vertrag.  

Wird auf diese Weise auch die GMD-Stelle besetzt?
Nein, diese Berufung wird vom Stiftungsrat vorgenommen. Ebenso wie die des Staatsintendanten und des Geschäftsführenden Direktors. Der Rat ist das einzige Gremium, dem die Theaterleitung verpflichtet ist.

In diesem Bereich wird Transparenz nicht besonders groß geschrieben. Bis heute weiß zum Beispiel niemand, für wie lange die neuen Verträge mit dem GMD und dem Intendanten ausgehandelt wurde. Hier
treffen ein großes Machtvolumen und Intransparenz in Personalentscheidungen aufeinander. Wie sind die Auswirkungen?      
Der Deutsche Bühnenverein zementiert über den NV Bühne diese unverhältnismäßige Stärke der Intendanten, und damit gleichzeitig die Schwäche der Arbeitnehmer*innen und Ihrer Vertretung.
So kommt es bei einem Intendantenwechsel häufig zu einer unglaublichen Entlassungswelle. Der Kahlschlag bei André Bückers Antritt war wohl beispiellos. Mit der Folge, dass erfahrene Teams auseinander gerissen oder komplett durch neue Leute ersetzt werden, die dem neuen Intendanten dienen. Auf ewig dankbar, dass sie in bessere Verhältnisse gebracht wurden.

Es entwickelt sich dadurch ein Zwei-Lager-System?
Genau, eben die Kolleg*innen, die mit dem Intendanten gekommen sind, und die, die schon vorher da waren. Das muss jedoch nicht immer so krass laufen. Es gibt Wechsel in Bayern, da wurden nur eine handvoll Nichtverlängerungen ausgesprochen, die ja zuweilen auch Berechtigung haben.
Ansonsten geht beim Wechsel im Leitungsteam das große Zittern los. Wer aus den relevanten Bereichen noch nicht 15 Jahre am Haus ist und somit Kündigungsschutz genießt, könnte auf der Liste stehen. Erklärt wird diese Praxis mit Kunstfreiheit. In Wahrheit ist sie aber nichts anderes als Menschen verachtend.
Es werden Zugpferde der Ensembles entsorgt, weil man seine eigenen Leute und Freunde unterbringen will. Darunter leidet dann wohl auch die künstlerische Qualität.

Wie würden Sie die hierarchische Struktur am STA beschreiben?
Als steil. Entscheidungen müssen zwar einstimmig im Vorstand getroffen werden. In der Regel mischt sich der Staatsintendant aber nicht in wirtschaftliche Bereiche und der Geschäftsführende Direktor nicht in künstlerische Belange ein. Dieses Tandem ist nur dem Rat verpflichtet.  

Welche Rechte hat das Leitungsteam Schauspiel am STA?
Es hat zumindest keine festgeschriebenen Kompetenzen.

Wie wird das Thema Machtmissbrauch am STA diskutiert? Gibt es eine Diskussionskultur zu diesem Thema?
Das habe ich so bisher nicht wahrgenommen. Eine Diskussion kommt wohl meist erst anhand von gewissen Vorfällen zum Tragen. So war es wohl auch bei den Theatern, die zuletzt durch Machtmissbrauch-Skandale in die Schlagzeilen gerieten. Das gab es bei uns zum Glück bisher nicht. Wobei man auch immer genau differenzieren und genau abwägen muss, ob ein Vorfall nicht aufgebauscht wurde. Wir sind Künstler und manchmal denke ich, wir haben hier zuweilen den größten Kindergarten der Stadt. Da ist es manchmal schwierig, ad hoc echte Verfehlungen von Animositäten, Fehlinterpretation oder Momenten der durchgehenden Phantasie zu unterscheiden.  

Es gibt Teambildende Maßnahmen am STA. Wie sehen diese Programme aus?
Da gibt es gute Ansätze. Sie wurden schon vor Corona angestoßen, um die Belegschaft zusammenzuschweißen. Man kennt sich untereinander oft nicht. Das ist natürlich nicht gut. Ich als Orchestermusiker kenne zum Beispiel die Tänzer*innen. Sie mich aber nicht. Weil sie mich in der Regel nie zu Gesicht kriegen. Und nun stellen sie sich das einmal bei einer Belegschaft vor, die so unterschiedliche Aufgaben zu erledigen haben wie die Teams am STA. Also sollten in diversen Programmen zum Beispiel Ballett auf Technik treffen oder das Orchester auf die Verwaltung. Ganz zwanglos. Aber das Fehlen einer echten Kantine begünstigt das Programm nicht gerade. Und die zwei Standorte der beiden Interimsstätten beflügelten den Austausch auch nicht. Den vorläufigen Schlusspunkt setzte dann aber Corona. Da hoffen wir auf die neue Spielstätten.
 
Es gibt am STA einen Kodex für den Umgang miteinander. André Bücker spricht von einem neuen Leitbild. Wie bewerten Sie die Ergebnisse des noch laufenden Prozesses?
Aus meiner Sicht gibt es bisher keine verwertbaren Ergebnisse. Es handelt sich um eine dieser Blendveranstaltungen. Diese werden ja nicht nur an Theatern inszeniert, um nach außen schön dazustehen. Bevor wir zum STA wurden, galt für uns das Leitbild der Stadt Augsburg. Es war umfangreicher und besser als das gegenwärtige Ergebnis. Wir hätten das Geld für die Neuerstellung nicht ausgeben müssen. Es wurde von einem Professor von außen erarbeitet und ist in vielleicht fünf Sätzen gesagt. Der wichtigste davon lautet, man sollte im Umgang miteinander seine gute Kinderstube nicht vergessen. Aber auch diese Weisheit gilt nicht nur für Theater.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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