Film

Der kleine Horrorwagen

Thomas Ferstl
6. Oktober 2021

Es ist wieder so weit: ein neuer Horrorfilm mit vielversprechend kuriosem Thema, unter französischer Regie und mit Bezug zu Autos. Warum dieser Film so absonderlich ist und ob auch Sie ihn sich zu Gemüte führen sollten, erfahren Sie wie immer hier — Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im Oktober.

Ich schreibe hier selten über Horrorfilme, weil ich mich ehrlich gesagt ungern grusle und dieses Genre daher eher meide. Manchmal findet ein unheimlicher Streifen allerdings seinen Weg auf meinen Bildschirm, nämlich dann, wenn die Handlung großartig kurios klingt. So zum Beispiel bei Quentin Dupieux’ »Rubber« aus dem Jahr 2011. Es geht um einen zum Leben erwachten Autoreifen, der mittels Telekinese Tiere und menschliche Köpfe zum Explodieren bringt. Herrlich, oder? Nun, zehn Jahre später, ist es wieder so weit: ein neuer Horrorfilm mit vielversprechend kuriosem Thema, unter französischer Regie und mit Bezug zu Autos. Warum dieser Film so absonderlich ist und ob auch Sie ihn sich zu Gemüte führen sollten, erfahren Sie wie immer hier:

In »Titane« (7. Oktober, CinemaxX) trägt Alexia (Agathe Rousselle) seit einem Autounfall in ihrer Kindheit eine Titanplatte im Kopf und hat überraschenderweise ein sehr enges Verhältnis zu den Vehikeln: Sie ist eine erotische Tänzerin, die bei Autoshows auftritt und irgendwann sogar Sex mit einem der Ausstellungsstücke hat. Männer, aber auch Frauen hingegen leben in ihrer Nähe gefährlich. Nach mehreren Opfern, die auf Alexias Konto gehen, muss sie untertauchen. Sie gibt sich fortan als Mann aus und nimmt die Identität des als Kind verschwundenen Adrien an. Adriens Vater Vincent (Vincent Lindon), der lange nach seinem Sohn gesucht hat, nimmt die verkleidete Alexia gutgläubig bei sich auf. Doch der Feuerwehrmann wird schnell zu aufdringlich und bald lassen sich bei Alexia die sichtbaren Zeichen einer Schwangerschaft kaum noch verbergen.

Reiben Sie sich gerade die Augen? Ja, Sie haben wirklich richtig gelesen. Regisseurin Julia Ducournau liefert mit ihrem zweiten Spielfilm eine Mischung aus »Fast & Furious«, Nicolas Winding Refn (»Only God forgives«), Gaspar Noé (»Irreversibel«) und David Cronenberg. Wie einst Cronenberg mit Filmen wie »Videodrome« (1983) und »Crash« (1996), in dem sich die Protagonist*innen beim Ansehen beziehungsweise Verursachen von Autounfällen ihren erotischen Kick abholten, gibt Ducournau im Body-Horror-Genre buchstäblich Gas. Dabei bewegen sich ihre Protagonist*innen ähnlich wie bei Refn durch eine Neonwelt, begleitet von einem atmosphärischen Soundtrack und bizarren Gewaltorgien. Psychologische Abgründe oder archetypische Motive wie in Noés Filmen klingen an, sind aber nicht fest zementiertes Fundament des Films. Die französische Filmemacherin lässt auch gerne eine gewisse Ironie in ihren Szenen mitschwingen und entlarvt an der ein oder anderen Stelle den »male gaze« – in der feministischen Filmtheorie die Bezeichnung dafür, wenn Frauen und die Welt von einer männlichen, heterosexuellen Perspektive aus dargestellt werden.

Die vielversprechend klingenden Zutaten verbinden sich letztendlich aber leider nicht so recht zu einem gelungenen Ganzen. Die Mischung aus politischem Statement und blankem Horror sorgt in vielen der absurderen Szenen leider für eine gewisse Lächerlichkeit.
Fans reiner Filmästhetik und/oder äußert brutaler, lange nachhallender Gewaltszenen werden dennoch auf ihre Kosten kommen – aber bitte anschnallen.

 

Filmfigur des Monats:
Cadillac

• Geboren am: 22. August 1902, Detroit
• Eltern: Henry Ford und Henry Martyn Leland
• Namenspate: Antoine Laumet de La Mothe, Sieur de Cadillac, Gründer der Stadt Detroit
• Beruf: Automarke
• 1903: erstes Fahrzeug Cadillac Model A
• 1914: erste Masseproduktion eines V8-Motors
•1928: Al Capone erhält einen der ersten gepanzerten Cadillacs
• 1957: der Eldorado Brougham ist mit Minibar im Handschuhfach verfügbar

Berühmte Film-Cadillacs:
• »Ghostbusters« – Cadillac-Krankenwagen Ecto-1, 1959
• »Goodfellas« – pinkes Coupé DeVille, 1979
• »Greene Book« – Sedan DeVille, 1962

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