Komplexe Welt
Slowenien war in diesem Jahr Gastland bei der Frankfurter Buchmesse. Einer der bekanntesten Autoren aus diesem Nachfolgestaat Jugoslawiens ist Goran Vojnović.
Goran Vojnović ist Filmemacher, Theaterregisseur, Basketballspieler und Autor. Der 1980 Geborene gehört zu den aufrichtigsten und spannendsten Künstlerpersönlichkeiten seiner Generation in der Region des ehemaligen Jugoslawiens. Diese Bezeichnung darf bemüht werden, weil sich die Geschichten in seinen Büchern ganz wesentlich mit diesem Teil des Balkans beschäftigen und den Menschen, die dort leben – oder eben auch nicht mehr. Seine Romane zeichnen Leben nach, die vom Zusammenspiel der Veränderungen in diesen Ländern geprägt und beschädigt sind.
Goran Vojnović lebt in Ljubljana. Er ist in Fužine, einem der Vororte der slowenischen Metropole, aufgewachsen. Wie Marko, der Held von zweien seiner bisher vier Romane (auf Deutsch alle bei Folio), hat er bosnische, in Teilen auch serbische Wurzeln. Seine Eltern waren bis zum Beginn des Jugoslawienkriegs 1991 Gastarbeiter*innen im eigenen Land. Und danach Gastarbeiter in einem anderen Land. Ohne je die Grenze zu wechseln. Das Konstante in ihrem Leben ist das Fremde. Von den Slowen*innen werden sie Tschefuren gerufen, was nicht als Kosename gedacht ist. »Tschefuren raus!« So titelt auch Vojnovićs Erstling von 2008. In knappen Kapiteln werden wir von Marko nach Fužine mitgenommen. Erfahren von den Codes in den Vorstadtblocks. Hören über die Feind- und Freundschaften der Jungen und Alten. Sind Zeug*innen von gescheiterten Träumen und neuen Flausen. Die Offenheit, mit der hier das Leben und seine Bedingungen verhandelt werden, machte nach Erscheinen des Buches Schlagzeilen und sorgte für heftigen Widerspruch im gesamten Raum Ex-Jugoslawiens. Form und Sprache der Texte sind fesselnd. Klaus Detlef Olof hat es in der erst seit 2021 vorliegenden Übersetzung geschafft, den Sound Fužines und seiner Menschen für uns erlebbar zu machen, den Witz verständlich.
Im Sommer dieses Jahres erschien nun mit »18 Kilometer bis Ljubljana« die Fortsetzung von Markos Geschichte. Mehr als zwölf Jahre und zwei in der Zwischenzeit erschienene Romane später (»Vaters Land«, 2016 und »Unter dem Feigenbaum«, 2018) nimmt Vojnović den Erzählfaden wieder auf. Der Autor weiß, wovon er schreibt. Bis hin zur ungestillten Leidenschaft für Basketball teilt er viel mit seiner Hauptfigur, ohne mit ihr zu verschmelzen. Mit der schnellen Abfolge der Kapitel, seinem Sprachwitz und seiner schnörkellosen Art gewinnt er auch eine Leserschaft, die eigentlich – meint man – nur noch im digitalen Raum zu erreichen ist.
Damit steht Goran Vojnović auf einer Stufe mit Kollegen wie Behzad Karim Khani, der 1977 in Teheran geboren wurde und im letzten Jahr den grandiosen Roman »Hund, Wolf, Schakal« (Hanser) vorgelegt hat. Form, Sprache, Inhalt, Humor … bis hin zum Buchcover verblüffen die Gemeinsamkeiten dieser beiden Bücher. Sie unterhalten, ohne banal zu sein, und beziehen Stellung, ohne den Zeigefinger zu erheben. Sie sprechen eine Einladung aus, Lebenswelten kennenzulernen, die direkt vor unserer Nase stattfinden.
Zum Interview trafen wir Goran Vojnović im Lili Novy, der Gartenbar des PEN-Clubs in Ljubljana, gleich beim Tivoli-Park.
Welche Gemeinsamkeiten haben Sie mit Ihrem Romanhelden Marko Dordić?
Ich bin im selben Viertel wie Marko aufgewachsen. Aber ich habe ein etwas anderes Leben geführt als er. Meine Eltern waren ebenfalls Einwanderer und ich habe als Kind Basketball gespielt, aber wir waren zumindest damals eine fast typische Mittelschichtsfamilie. Ich war auch ziemlich gut in der Schule und hatte nie das Gefühl, in einer »Tschefurenidentität« gefangen zu sein wie Marko und seine Freunde. Mir standen viele Möglichkeiten offen, ich bin aus der Nachbarschaft weggezogen und habe Filmregie studiert.
Haben Sie noch Kontakt zu Kollegen und Nachbarn aus dieser Zeit?
Nicht viele. Meine Eltern leben immer noch dort und ich bin ziemlich oft zu Besuch, aber die meisten meiner Freunde sind aus der Stadt weggezogen. In den letzten zwanzig Jahren wurde Ljubljana zu einem sehr teuren Wohnort, und selbst Fužine wurde für die dort aufgewachsenen Menschen unerschwinglich. So kommt es, dass ich die Eltern meiner Mitschüler öfter treffe als diese.
Spielen Sie noch Basketball?
Ja! Zum Spaß, mit meinen Freunden. Das ist eines der Dinge, die ich an Slowenien und Ljubljana am meisten liebe. Hier ist es ganz einfach, zehn bis fünfzehn Leute zu finden, die jede Woche mit einem Basketball spielen und danach ein Bier trinken.
Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Ich habe es schon immer geliebt, zu schreiben, aber eine Zeitlang dachte ich, dass ich nur Drehbücher für meine Filme schreiben würde. Aber dann hatte ich eine Geschichte im Kopf, für die ich mir einfach nicht vorstellen konnte Geld zu bekommen. Also habe ich stattdessen einen Roman geschrieben.
Wurde Ihnen schnell klar, dass Ihre Texte autobiografische Züge tragen würden?
Als ich mit einem Drehbuch zu kämpfen hatte, kam mir eine Erleuchtung und mir wurde klar, dass ich über Dinge schreiben muss, die ich wirklich gut kenne. Also schrieb ich meinen ersten Roman über die Welt meiner Kindheit, über Dinge, die wirklich passierten, über echte Menschen, die ich kannte. Ich habe in diesem Buch nicht wirklich viel erfunden, sondern nur viele verschiedene Geschichten aus dem wirklichen Leben zu einer fiktiven zusammengefügt. In meinen anderen Romanen gibt es vielleicht etwas mehr Fiktion, aber sie sind alle sehr stark in meinem Leben verwurzelt. Ich verwende Fiktion, um eine sehr intime, persönliche Geschichte zu übersetzen.
Marko ist Serbe, Bosnier, Slowene … seine Geschichte wäre einfacher, wenn er nur einer dieser Gruppen angehören würde. In gewisser Weise definitiv. Unsere Welt hat immer noch ein großes Problem damit, komplexe, multinationale Identitäten zu verstehen, ein Problem damit, zu akzeptieren, dass Menschen viel Verschiedenes sein können, dass sie vielen verschiedenen Welten oder Kulturen angehören können. Allerdings ist es manchmal einfacher, diese komplexe Welt zu verstehen, wenn man selbst ein wenig komplex ist.
Ist die Region des ehemaligen Jugoslawiens als Vorbild für andere Regionen geeignet, in denen sich ehemalige Nachbarn, Kollegen und Freunde im Krieg befinden?
Leider nein. Ich nehme an, Sie könnten uns immer als schlechtes Beispiel nehmen. Man konnte sehen, wie ein ethnischer Konflikt eine Gesellschaft zerstören kann und wie die meisten Menschen auch noch nach dreißig Jahren mit den Folgen dieses Konflikts leben müssen. Man konnte auch sehen, dass dieser Konflikt nicht endet, wenn ein Krieg endet, sondern dass alle durch den Krieg begonnenen Prozesse, einschließlich der ethnischen Säuberung, nur mit anderen Mitteln weitergeführt werden.
Welchen Status haben »Tschefuren« im heutigen Slowenien?
Heutzutage verstehen wir viel besser, dass unsere Gesellschaft ungleich ist und dass »Tschefuren« eine von vielen Seiten dieser Ungleichheit sind. Lange Zeit lebten wir in der Illusion, dass wir alle gleich seien. Der jugoslawische Sozialismus ließ uns daran glauben, und viele wollten einfach nur daran glauben, aber jetzt wissen wir, dass es damals eine Lüge war und heute eine noch größere Lüge ist. Menschen, die wir als »Tschefuren« betrachten, sind meist Menschen der Unterschicht und werden auch als solche behandelt. Die Tatsache, dass es sich um Einwanderer der ersten oder zweiten Generation handelt, verschlimmert ihre Situation nur. Gleichzeitig erleben wir derzeit eine Einwanderung aus Afrika und Asien, und wir müssen zugeben, dass es diese Einwanderer viel schwerer haben als die aus dem südlichen Balkan. Sie können nicht so tun, als wären sie Slowenen, wenn ihnen danach ist. Für Bosnier reichte es manchmal aus, die slowenische Sprache zu lernen, damit die Slowenen begannen, sie wie Ihresgleichen zu behandeln. Für Menschen aus Bangladesch ist das bei Weitem nicht genug.
Organisiert ihr euch in irgendeiner Form gemeinsam gegen Diskriminierung?
Es gibt viele Menschen, Gruppen oder Initiativen gegen Diskriminierung, konsequenterweise, da die Gesellschaft in den letzten zwei Jahrzehnten viel sensibler geworden ist, wenn es um Fremdenfeindlichkeit und Rassismus geht. Ich gehöre allerdings keiner Bewegung an und bin mir nicht einmal sicher, ob es in Slowenien so etwas gibt, was wir eine Bewegung nennen könnten.
Marko ignoriert Codes, wie sie ein politisch korrektes Leben in unserer Gesellschaft erfordert – und hat oft ein schlechtes Gewissen deswegen.
Genau aus diesem Grund liebe ich Marko. In gewisser Weise ist er wie ich, aber er ist auch ein ganz anderer Mensch. Er hat ein starkes Gewissen, er lässt sich sein Verhalten einfach nicht von seinem Gewissen diktieren. Dafür ist er zu impulsiv, zu instinktiv. Und außerdem: Er hat eine sehr klare Sicht auf alles. Für ihn ist die Welt ein schwarz-weißer Ort, er unterscheidet Richtig von Falsch, während ich unermüdlich alles aus unterschiedlichen Perspektiven betrachte, an meinem Urteilsvermögen zweifle und nach anderen Meinungen suche. Er ist das Produkt einer Welt, in der Zweifel als Schwäche und Unsicherheit angesehen werden, einer männlichen Machowelt, die starke Meinungen liebt, auch wenn sie nicht mit ihnen übereinstimmt.
Sind unsere sozialen Interaktionsregeln zu streng?
In Slowenien ist das definitiv nicht der Fall. Wir befinden uns in einem Grenzbereich zwischen der slawischen, der romanischen und der deutschen Welt, daher sind unsere sozialen Regeln etwas chaotisch. Meistens sollten Menschen in ihrem Verhalten einfach ihrem Instinkt folgen.