Ausstellungen & Kunstprojekte

Die Kraft der Stadt

Klare Linien und wilde Farbexperimente – die aktuelle Ausstellung des Kunstvereins Augsburg bringt Leben in die Bude – und darüber hinaus. 
 

So viel Zulauf und vor allem so viel junges Publikum dürfte das oft übersehene Kunsthaus unterhalb der Maxstraße am Holbeinplatz lange nicht erlebt haben. Gute Laune letzten Freitag an diesem vielleicht letzten Hochsommerabend, kühle Getränke vor, in und hinter dem Haus zogen die Aufmerksamkeit der Flanierenden (und nicht zuletzt des Ordnungsamts) auf sich. 

Was war geboten? Der Kunstverein Augsburg hatte zur Vernissage der Ausstellung »Groundfloor Playground #5« geladen und unter Leitung von Christian Thöner neben dem Gastkünstler Alex Senna aus São Paulo auch die halbe Augsburger Graffiti-Sprayer-Szene unter seinem Dach versammelt.

Alex Senna, Jahrgang 1982, arbeitet eher mit dem Pinsel als mit der Sprühdose. Dennoch erschafft er teils gewaltige Murals in verschiedenen internationalen Städten. Das große Mural »Acrobats« am Stellwerk des Augsburger Hauptbahnhofs trägt z.B. seine Handschrift. Es entstand zum Friedensfest 2022.
Geschichten will er erzählen, trotz der enormen Formate leise und reduziert. Seine figürlichen Zeichnungen in Schwarzweiß, wie Charaktere aus einer Graphic Novel, wirken bemitleidenswert und regen doch zum Schmunzeln an.

Schwarzweiß + 1 Farbe war auch die Vorgabe bei der Gestaltung der ca. 40 bemalten und besprühten Würfel, die der Graffitiverein Die Bunten e.V. den Werken Sennas gegenüberstellt, jeder von einem Mitglied der Bunten bemalt oder besprüht (welcher Würfel zu wem gehört, kann mittels QR-Code ermittelt werden). 
Und wenn Kulturreferent Jürgen Enninger in seiner Einführungsrede den Berliner Technoclub »Berghain« erwähnt, ist man in der Tat geneigt, das Ganze als eine große, bunte Playlist zu sehen, in der sich vertikal aufgetürmt alles findet, von Hiphop über Dub bis Ambient oder Minimal. 

Playground extended

Aller Melancholie und Verwegenheit zum Trotz: eine fröhliche Ausstellung, in der sich die Kraft und Kreativität der Stadt und der Straße manifestiert. Und sie wird mit Ablauf des Ausstellungszeitraums nicht ganz vorbei sein: 

Die aktuelle Ausstellung trägt den Zusatz »extended«. Das hat seinen Grund: »Groundfloor Playground #5« durchbricht die durch die Fenster gesetzte Grenze des Holbeinhauses, ja sogar die Grundstücksgrenze, und setzt sich in den Laubengängen, die sonst nur vom Geißgässchen aus zugänglich sind, fort.

Diese Laubengänge sind ein wahrer Schandfleck im zunehmend herausgeputzten Lechviertel. (Hier hätte sich das Ordnungsamt in den letzten Jahren doch eher mal blicken lassen sollen als beim Kunstpublikum mit Kippe und Roséwein.) Zwar leuchtet jetzt im Sommer manches Röslein nach Leibeskräften gegen die es umgebenden Wände an. Doch an diesen spiegeln sich Tristesse, Langeweile und Vereinzelung wider, verbildlicht durch unlesbare Tags, die unvermeidliche Zahl 187, Pimmelbilder und dilettantische Farbspuren von offensichtlich weniger talentierten Sprühdosenbesitzern. Ziemlich fertig sieht sie aus, diese Laube, die doch ein Spiel- und urbaner Wohlfühlplatz sein soll.

Dem Ghettocharakter möchte der Verein Die Bunten kreative Gruppendynamik entgegensetzen: In einem einwöchigen Workshop werden die betaggten Wände kontrolliert gestaltet. Ein jahrelanger Hickhack mit dem Amt für Grünordnung ging dieser Aktion voraus, doch Daniel Tröster, seine Frau Sophie T. und der Verein haben sich die Freigabe für eine künstlerische Nutzung der Wände letztlich doch erstritten. (Edit: Wie der Vorstand des Kunstvereins mitteilt, sieht die Gestaltung der Wände so aus, dass Alex Senna selbst zwei Wände dauerhaft mit Murals versehen wird. Die anderen Wände werden temporär vom Verein Die Bunten mit vorgefertigten Tafeln behängt. Die gesamte Aktion steht aber aufgrund der aktuellen Witterungslage auf etwas unsicheren Füßen.)

Die Ergebnisse der »extended«-Aktion werden dann am Freitag, den 23. September um 19 Uhr im Rahmen der Finissage präsentiert.

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