Die kritischen Caprichos
Zwei Bilderfolgen, zwei spanische Künstler: Im Schaezlerpalais werden die »Caprichos« von Francisco de Goya und deren Interpretation durch Salvador Dalí miteinander gezeigt.
Nein, unbeschwerte Einfälle sind das nicht – »Los Caprichos«, eine Folge von 80 Radierungen des spanischen Künstlers Francisco de Goya (1746–1828) erweisen sich entgegen ihres Titels als böse Satire, die die gesellschaftlichen Verhältnisse in Spanien am Ende des 18. Jahrhunderts ins Visier nimmt. Spanien zu dieser Zeit heißt Absolutismus, Inquisition, ständische Gesellschaft, also durchaus kein Umfeld, in dem derart kritische und zugleich groteske Karikaturen üblich waren. Doch eindeutig und unmittelbar zu entschlüsseln sind Goyas Blätter nicht, es gab zahlreiche zeitgenössische Kommentare und bis heute bleibt vieles rätselhaft. So dürfte das ursprünglich als Titel gedachte Blatt 43 »Der Schlaf [oder auch Traum] der Vernunft gebiert Ungeheuer« bis heute eines der meistinterpretierten Kunstwerke sein. Alltäglicher Wahnsinn, Gier und Begierden, verkehrte Welten, in denen Esel als Menschen agieren, Bilder von Träumen und Albträumen: Goya erschafft mit seiner Grafikfolge einen pessimistischen Kosmos. Ausweg: wohl eher nicht …
Rund 200 Jahr später, gegen Ende des spanischen Faschismus (Franco stirbt 1975, freie Wahlen gibt es 1977) hat der Surrealist Salvador Dalí (1904–1989) Goya seine Reverenz erwiesen und eigene Interpretationen der »Caprichos« geliefert. Als Basis seiner eigenen Radierungen dienten Dalí Heliogravüren von Goyas Blättern. Dessen kontrastreiche Arbeiten, für die dieser meisterhaft Radierung und Aquatinta kombinierte, hat Dalí wahrhaft »überarbeitet«, indem er den Freiraum füllte und zarte Farben hinzufügte: »Seht wie würdevoll!« (Miren que grabes!)
Unter diesem ironischen Motto sind im Schaezlerpalais 39 der insgesamt 80 Bildpaare (Leihgaben der Fundación Museo de Artes do Gravado á Estampa) versammelt, eingerahmt von Goyas Selbstporträt, dem Titelblatt der »Caprichos«, zum Auftakt und einer Fotografie von Dali ganz am Ende. Es gibt viel zu sehen und zu erkennen, doch erschließen sich die Details und Geschichten der kleinformatigen Blätter nicht ohne weiteres – da sind die Erläuterungen zu jedem Bilderpaar also ausgesprochen hilfreich. Die Texte gibt es auch als handliche lesefreundliche Broschüre. Zudem gibt es zahlreiche Führungen: einen Überblick jeweils am Samstag um 15 Uhr, freitags um 14 Uhr werden einzelne Aspekte des Werkes der beiden Künstler vertieft.
»Seht wie würdevoll! Spanische Meistergrafik von Goya und Dalí« ist bis zum 25. Januar 2026 im Schaezlerpalais zu sehen.
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