Küchentisch statt Großleinwand

1. Februar 2021 - 8:47 | Thomas Ferstl

Filme über Brettspiele, Brettspiele zu Filmen – »Projektor«, die a3kultur-Kinokolumne, zeigt: Beides kann funktionieren.

Neuer Monat, gleicher Lockdown. Herzlich willkommen zu einer weiteren Ausgabe »Projektor empfiehlt Streaming-Angebote und fordert Sie anschließend auf, sobald wie möglich wieder ins Kino zu gehen«. Diesmal überraschenderweise mit einer Serie und einer gekonnten Überleitung, die den Küchentisch in der Überschrift erklärt. Um welches Werk es sich handelt und was Sie diesen Monat noch im Internet sehen können, erfahren Sie, wie immer, hier:

Das Leben von Beth Harmon (Anya Taylor-Joy) ist ein stetiges Hin und Her. In den 1950er-Jahren wächst sie in einem Waisenhaus in Kentucky auf. Dort entdeckt sie ihr Talent zum Schachspiel und möchte in diesem männerdominierten Sport bestehen und Weltmeisterin werden. Dabei stehen ihr die im Heim erworbene Medikamenten- und später auch Alkoholabhängigkeit immer wieder im Weg. »Das Damengambit« (2020, Netflix) überrascht in mehrerlei Hinsicht positiv. Zum einen wären da die hübsche Ausstattung und die coolen Fünfziger- und Sechzigerjahre-Kostüme, die schon die Kolleginnen bei der Vogue ins Schwärmen brachten, zum anderen die brillant besetzte Hauptrolle. Anya Taylor-Joy schafft es, einer verschlossenen, spröden, ganz untheatralischen Figur mit reduziertem Spiel so viel Leben und Sympathie einzuhauchen, dass man mit Beth fiebert, trauert und sich freut. Dabei stehen Taylor-Joy nahezu ebenbürtige Kollegen in den Nebenrollen zur Seite. Moses Ingram, Thomas Brodie-Sangster oder Harry Melling, Harry-Potter-Fans bekannt als Dudley Dursley, verschaffen der siebenteiligen Serie mit ihren gekonnten Darbietungen weitere Tiefe.

Dann wäre da noch die Geschichte hinter der Geschichte: Bevor Netflix das Heft in die Hand nahm, gab es bereits zwei erfolglose Versuche, den gleichnamigen Roman von Walter Tevis zu adaptieren. 1983 erwarb der New-York-Times-Journalist Jesse Kornbluth die Drehbuchrechte, aber das Projekt wurde abgebrochen, als Tevis 1984 starb. 1992 kaufte der schottische Drehbuchautor Allan Scott die Rechte von Tevis’ Witwe, aber aus seinem geplanten Arthouse-Film wurde nichts. Im Jahr 2007 arbeitete Scott mit Heath Ledger an dem, was Ledgers Regiedebüt gewesen wäre, bevor dieser im Januar 2008 starb. Bei der Netflix-Serie fungierte Scott nun als Co-Creator und Co-Executive Producer. Zuletzt wäre da noch das Sujet des Films. »Das Damengambit« macht mächtig Lust auf das »verstaubte«, komplexe Spiel Schach.

Allerdings erfordert das Schachspiel reichlich Intellekt, ist also nicht jedermanns Sache. Wie gut, dass es für Filmfans wie uns aber auch einige andere Brettspiele gibt, mit denen wir uns glänzend unterhalten können. Zudem gleicht der kurze Spaziergang vom TV zum Küchentisch im Lockdown immerhin den mangelnden Fußweg zum Kino minimalst aus. Vor der Glotze haben wir doch alle mittlerweile mehr als genug Zeit verbracht. Geniale Überleitung, oder?!

Besonders viel Spaß haben mir an den vergangenen Feiertagen die Spiele »Disney Villainous« (Ravensburger) und »The Networks« (Board & Dice). In Letzterem übernehmen ein bis fünf Spieler*innen die Geschicke eines Fernsehsenders. Dabei sind alle wichtigen Entscheidungen zu treffen: Welche Serie wird produziert, welchen Star nehme ich dazu, wenn es erlaubt oder nötig ist? Kann ich Werbung platzieren? Ziel ist es, nach fünf Runden die meisten Zuschauer mit seinem Sender zu erreichen. Die Teile des Spiels sind hübsch und humorvoll gestaltet. Die etwas schlecht aus dem Englischen übersetzte Anleitung macht den Anfang zwar etwa schwer, nach einer etwas holprigen ersten Partie sitzen aber alle Regeln und das fröhliche Wirtschaften im Fernsehgeschäft kann umso furioser von Neuem beginnen. Bei »Disney Villainous« schlüpft man in die Rolle der Bösewichter des Disneyuniversums. Es gewinnt, wer stets sein finsteres, zur Figur passendes Spielziel im Blick behält und den Mitstreitern lästige Helden und Aktionen in den Weg stellt. Durch die unterschiedlichen Spielziele erhält man schnell Zugang zum Spiel und kann die Schwierigkeit mit der Zeit steigern, so geht die Spannung auch bei mehrmaligem Spielen nicht verloren. Die Figuren und Karten sind wunderbar gestaltet, aber das würde man bei einem Disneyprodukt sicherlich nicht anders erwarten. Im Grundspiel sind Captain Hook, Jafar, Prinz John, Ursula, Maleficent und die Herzkönigin enthalten. Durch zahlreiche Erweiterungen kann man sich aber auch die Lieblingsschurkin oder den Lieblingsschurken nach Hause holen.

Foto oben: Hochbegabt, schön und erfolgreich – doch Beth (Anya Taylor Joy) hat nicht nur mit ihren Schachgegnern zu kämpfen. (© Netflix)

 

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