Politik & Gesellschaft

Kultur und Nachhaltigkeit

Gastautor

»Wir können nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war von Anfang an das Problem« (Pandemie-Graffiti). Ein Gastbeitrag von Peter Bommas

Nachhaltigkeitsüberlegungen im Zusammenhang mit Kultur, Kunst und Ästhetik sind seit dem Tutzinger Manifest 2001 angesagt und als Lippenbekenntnis auch in der regionalen und lokalen Kulturpolitik angekommen – Kultur als viel beschworene vierte Säule im Agendaprozess.

Der Diskurs über eine Verbindung von ökosozialen Reformen (Klimakrise, ökologischer Fußabdruck etc.) und kulturellen Bildungsprozessen (andere Formen von Kulturproduktion, neue Förderpolitiken etc.) ist jedoch ins Stocken geraten und die Auswirkungen der Pandemie auf die Kunst- und Kulturwelt haben dafür gesorgt, dass völlig neu gedacht werden muss.

»Kaum ein Kulturprojekt kann konkrete Daten zum Ökologischen Fussabruck vorlegen«

Zwar nehmen Ausstellungen, Projekte, Theaterproduktionen und Musikfestivals, die sich mit der Zerstörung der allgemeinen Lebensgrundlage durch den Menschen und der globalen ökologischen Krise befassen, dauernd zu, aber die Konsequenzen, die Institutionen und kulturpolitische Instanzen für sich daraus ziehen, befinden sich dagegen auf einem sehr niedrigen Level, so, als würde man zum ersten Mal von den »Grenzen des Wachstums« hören.

Eine Umfrage des Kunstmagazins Art 2020/2021 unter 70 Museen im deutschsprachigen Raum sowie 10 internationalen Biennalen hat zutage gebracht, dass kaum konkrete Daten zum ökologischen Fußabdruck vorliegen. Keine einzige der befragten Institutionen weiß wirklich Bescheid, welchen Einfluss ihre Arbeit auf die Umwelt nimmt, kennt die Energiebilanz des Gebäudes, den horrenden Ressourcenverbrauch und wie es sich mit dem größten Umweltschädling, dem Besucher, verhält – wenn z.B. eine Million Menschen eine Biennale besuchen und dafür 300.000 Flüge gebucht werden. Aus der Krise ergeben sich also dringende Forderungen an den Kultursektor zu den neuen Prioritäten der Kulturvermittlung:

1. Neue Prioritäten für den Betrieb von Einrichtungen bezüglich umweltrelevanter Belange, Lieferketten, grauer Energie, Verbrauchen der Besucher*innen, CO2-Ausstoß, Baumaterialien etc.
2. Kooperation statt Konkurrenz, weg vom Wettbewerb der Zuschauerzahlen, vom Statusdenken hin zu Ressourcenschonung, Entwicklung neuer kuratorischer Konzept
3. Inhalt statt Prominenz, weniger »Must Sees« der Publikumsströme, weniger Konsummarkt, mehr regionales/lokales Standing ohne riesiges Reiseaufkommen
4. Intensität und Kreativität statt Exklusivität, nicht Event als Nonplusultra, mehr geduldige Prozesse, Museen als interaktive, diskursive (Lern-)Orte, intelligente Sammlungspräsentationen, Neudefinition der Rolle und Funktion von Museen und Ausstellungen

Die Pandemie hat gezeigt – und der aktuelle Ukraine-/Klimadiskurs verstärkt dies noch –, wohin der beschleunigte Antragswahn im alten Stil führt: sehr viel Geld sehr hastig für die­jenigen, die das System besonders gut durchblicken. Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit sehen anders aus! Und dafür braucht es eine neue Förderlogik: Weg von einer Förderpraxis, die auf sofort und zweifelsfreie Innovation und Einmaligkeit setzt und diese durch Wettbewerb, Formalität, Kontrolle und rigides Zeitmanagement erzwingen will. Aktuelle Förderstrukturen verlangen, künstlerisches Schaffen am ständigen Outputzwang innerhalb kürzester Zeitfenster zu messen – doch das bedeutet unökologische Arbeitsweisen, Verschleuderung künstlerischer Energien und finanzieller Mittel. Was wir in Kultur und Kunst dringend benötigen, ist vielmehr …

•    die Einrichtung kommunaler/regionaler Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit als echte, umsetzbare Querschnittsaufgabe der Ressorts
•    Förderung und Belohnung nachhaltiger Produktionsbedingungen und eine stärker prozessorientierte Förderung bzw. mehrjährige Konzeptionsförderungen für vertiefendes, zukunftsorientiertes Arbeiten – z.B. von einer Zweijahresförderung zur dreijährigen Förderung etc. und damit Abkehr von kurzlebiger Projektförderung mit Zwang zur Dauerproduktion
•    Vertrauen und Stabilität in Arbeitsprozesse, in Infrastruktur in Form von Proben- und Lagerräumen kombiniert mit produktionsunabhängiger Förderung zum Aufbau kontinuierlicher Künstler*innenbiografien
•    bei den Zuwendungsbedingungen weg vom »sparsamen Wirtschaften« hin zum »ressourcenschonenden Wirtschaften« (auf vorhandenes Material zurückgreifen, Umwidmung von Bauten, Recycling belohnen!)
•    bessere Arbeitsbedingungen für die »Ressource Mensch« und Anpassung der Förderhöhen an faire Standards mit »Honoraruntergrenzen«, die gerne überschritten werden können
•    Mitbedenken der kulturellen Infrastruktur im nachhaltigen Sinne durch »Materialumverteilungsinitiativen« als Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und – nicht zuletzt – mehr Planungssicherheit durch Verstetigung von sogenannten »Zwischennutzungen« und den derzeit beliebten »Pop-up Stores«
    

Einladung zur Ständigen Konferenz

Kulturarbeit und Nachhaltigkeit

Freitag, 7. Oktober, 15 bis 18 Uhr: »Speeddating«
Die Teilnehmer*innen haben die Möglichkeit, sich mit Expert*innen zum Thema Nachhaltigkeit im Kontext ihrer Arbeit zu besprechen, Fragen zu stellen, Informationen zu sammeln.

Samstag, 8. Oktober, 11 bis 17:30 Uhr: Performing 4 Future – Nachhaltige Förderstrukturen im Fokus der Freien Darstellenden Künste.

www.staendige-konferenz.de

 

 

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