Politik & Gesellschaft

Kultureller Leerstand

a3kultur-Redaktion

In den letzten Jahren verloren die Bürger*innen weit mehr als 10.000 Quadratmeter stadteigener Nutzfläche für Theater, Museen, Ausstellungen oder Partys. Die a3kultur-Redaktion hat vor einiger Zeit begonnen, die Leerstände unserer Stadt im Kontext Wohnen, Gewerbe, Dritte Räume und Kultur zu dokumentieren. In diesem Beitrag finden sich einige Beispiele zu diesem Thema.

Der in den letzten Wochen hochkochende Skandal um die Kahnfahrt warf wieder einmal einen Spot auf den gewissenlosen Umgang der Augsburger Politik mit den Kulturorten unserer Stadt. Nach 50 Jahren fällt der Stadt als Vermieterin ein, dass sie seit Jahrzehn­ten einen Schwarzbau zur gastro-kulturellen Nutzung vermietet hat und fordert die Betreiber*innen dieser Institution auf, den Laden dichtzumachen. Das seit Jahren bekann­te Problem wollte von den Expert*innen in Politik und Verwaltung nicht gelöst werden und wurde so zur neusten Augsburger Posse. Damit ist die Kahnfahrt das jüngste Kapitel im Buch der Schande, das die Leerstände in Augsburg dokumentiert.

Eines der bekanntesten Beispiele langjährigen Leerstands dürfte, neben dem Großen Haus des Stadttheaters am Kennedyplatz, die ehemalige Dominikanerkirche in der gleichnamigen Gasse unweit der Maximilianstraße sein. Eigentlich beherbergte sie seit 1966 das Römische Museum der Stadt, um deren reichhaltige römische Geschichte der Öffentlichkeit zu präsentieren. Nicht nur für Schulklassen war dies ein wichtiger Besuchsort, auch Touristen spürten dort der über 2000-jährigen Geschichte der Stadt Augsburg nach. Seit 2012 ist das Gebäude aus statischen Gründen geschlossen und die Sammlung zum Teil in einer Interimsausstellung im Zeughaus untergebracht. Mit dem Fund von 5.500 römischen Silbermünzen vor zwei Jahren und den damit einhergehenden bundesweiten Schlagzeilen fiel die Aufmerksamkeit auch wieder auf das ehemalige Kirchengebäude. Für die Umsetzung eines Stadtratsbeschlusses von 2018, der den Platz neben der Dominikanerkirche am Predigerberg für einen Neu- bzw. Anbau favorisiert, fehlen offenkundig die finanziellen Mittel. Gegenwärtig ist also weiter davon auszugehen, dass sich die museale Darstellung von Augsburgs römischer Geschichte auf absehbare Zeit weiter auf das »Römerlager« im Zeughaus beschränken muss. Die Dominikanerkirche bleibt damit ein zentraler kultureller Leerstand, der immerhin am Tag des offenen Denkmals besichtigt werden kann.

Unweit der Kirche befindet sich mitten in der Maximilianstraße ein neuer Leerstand. In dem Gebäude direkt gegenüber dem Hotel Maximilian’s war bis vor kurzem noch ein Corona-Testzentrum untergebracht – wenn auch nur übergangsweise. Lange Jahre war das Leopold-Mozart-Zentrum in dem städtischen Gebäude untergebracht, bis es in das sanierte ehemalige Postgebäude in der Grottenau umzog. Die jetzige Ausgangssituation des Leerstands ist schnell formuliert: Das Gebäude ist hochgradig sanierungsbedürftig, insbesondere seine Stromleitungen sind lebensgefährlich. Zwar hat die Stadt Ideen für die Nutzung. Allerdings fehlt wie bei vielen anderen Projekten das Geld zur Umsetzung. Dabei wäre eine kulturelle Nutzung gerade in der sonst als Feiermeile und Problemzone verschrienen Maxstraße mehr als sinnvoll.

Auch in den Vorstädten finden sich Leerstände, die für eine kulturelle Nutzung geeignet sind.

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an weiteren Leerständen sowohl in der Innenstadt als auch in den einzelnen Stadtvierteln, die das Potenzial haben – wenn auch als Interimsprojekte –, Kultur zu ermöglichen und damit Leerstand im Allgemeinen zu reduzieren. Das schafften in der Vergangenheit einige Kulturmacher*innen zwar immer wieder, dennoch sind die Hürden hierfür meist extrem hoch. Oftmals besteht bei den Eigentümern leer stehender Immobilien auch nicht das Interesse, Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen. Hier wäre zu überlegen, ob die Stadt nicht als Vermittlerin auftreten könnte. Schließlich hat zuletzt auch das Brechtfestival an verschiedenen Orten in Lechhausen gezeigt, wie sich Theater in abgelegenen und leer stehenden Räumen realisieren lässt.

Besonders sichtbar wird das Problem Leerstand im innerstädtischen Kontext. Doch auch in den Vorstädten finden sich Leerstände, die für eine kulturelle Nutzung geeignet sind. Oft auf den riesigen Konversionsflächen der ehemaligen Kasernen der US-Armee.
Auch wenn 30 Jahre nach dem Abzug der Truppen Gewerbe- und Wohnbebauung den Charakter dieser Quartiere prägt, finden sich noch einige historische Gebäude, deren Leerstand förmlich nach einer kulturellen Nutzung verlangt.    

Zum Beispiel auf dem Gelände der ehemaligen Sheridankaserne im Stadtteil Pfersee. Heute, geprägt durch Wildwuchs unterschiedlicher Baustile und architektonischer Selbstverwirklichung, finden sich auf dem Areal noch einige Gebäude, die vom Abriss, auch aufgrund ihrer historischen Bedeutung, verschont blieben.    
 
Eines davon, ein aufmerksamkeitserregendes Langgebäude – die Halle 116. Sie hat eine derart abwechslungsreiche Geschichte, dass es einen guten Nachmittag mit Führung benötigt zu realisieren, warum damals  der Ankauf durch die Stadt eine gute Idee war. Insbesondere die Funktion als KZ-Außenlager und die Nutzung des Gebäudes durch die amerikanischen Streitkräfte nach 1945 bilden den Mittelpunkt des historischen Bezugs. Dennoch ist auch hier gegenwärtig noch nicht final geklärt, wie das Gebäude nun genutzt werden soll. Weiterhin stehen große Teile des historischen Langbaus weiterhin leer.

Am anderen Ende des Sheridanareals steht verlassen das ehemalige Offizierskasino. Es wurde 1938 errichtet und als Kasino der angrenzenden Kasernen genutzt. Mit der Beschlagnahme der Gebäude durch die amerikanischen Streitkräfte nach 1945 wurde auch das Kasino als solches weitergeführt, samt der Hakenkreuzmalereien auf der Holzdecke in den Gaststuben. Der imposante Bau beeindruckt durch seine enorme Größe. Im Keller finden sich verschiedenste Räume, darunter eine Trinkstube und eine ehemalige Kegelbahn. Im Erdgeschoss gibt es große Speisesäle mit zugehörigen Räumen sowie den großen Ballsaal im von den Amerikanern angebrachten Anbau. Dort fanden unter anderem Empfänge und große Konzerte statt. Mitunter stand auch Roy Black hier auf der Bühne. Hier sind auch die Zugänge zu den Terrassen im Außenbereich. Im ersten Obergeschoss liegen ein Musikzimmer sowie eine ehemalige Verwalterwohnung und weitere diverse Räumlichkeiten. Auf allen Ebenen finden sich Details aus den verschiedenen Nutzungsepochen.

Seit 2006 steht das Gebäude, das auch zur militärischen Konversionsfläche im Sheridanpark gehört, nun unter Denkmalschutz. Leer steht es bereits seit dem Verlassen der Amerikaner in den 1990er-Jahren. Konkrete Pläne, das Gebäude nutzbar zu machen, geschweige denn eine konkrete Nutzungsidee, gibt es gegenwärtig nicht. Dabei gäbe es sicherlich kulturelle Angebote, die sich hier unterbringen ließen.

Vielfach herrscht in unserer Stadt in ehemaligen Kulturorten Leerstand. Diese müssen wieder mit Leben gefüllt werden. Der Bedarf ist enorm. Oft scheitert die kulturelle Nutzung an der finanziellen Impotenz der Stadt. Zuweilen aber auch schlicht am fehlenden politischen Willen.

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