Kulturräume im Konjunktiv

2. April 2021 - 6:33 | Martin Schmidt

Das Wittelsbacher Schloss in Friedberg: ein Kulturort, an und in dem sich Mechanik und Drama der Lockdown-Regelungen in ihrem ganzen Spektrum abspielen. Museum, Indoor- und Outdoor-Veranstaltungen sowie ein Café unterliegen jeweils anderen Öffnungs- und Schließungsmodalitäten.

Am Schlosstor, unter dem Bogen, empfängt mich die Veranstaltungsmanagerin im Schloss: Sonja Weinfurtner – energisch, tatkräftig, geradeheraus. Trotzdem ist sie momentan dazu verurteilt, im Konjunktiv zu leben: Sie will planen, veranstalten, machen, tun. Allein: Corona sorgt für fehlende Planungssicherheit. Wir treffen uns vor der Bundes-Länder-Konferenz vom 22. März – Weinfurtner kann nur auf Sicht, wenn nicht sogar nur Verdacht arbeiten, Inzidenzwerte geben den Takt vor. Wenige Tage später nach unserem Schlossrundgang vermeldet das Landratsamt Aichach-Friedberg einen anhaltenden Inzidenzwert über 50, eine weitere planerische Hiobsbotschaft für Weinfurtner. Am 22. März folgte dann die Verlängerung des Lockdowns bis vorerst 18. April.

Von allem Ungemach weiß aber der elegante, schöne und helle Schlossinnenhof abzulenken. Hier, im offenen Atrium der Renaissance-Anlage, hat man Blick auf die zwei Herzkammern des Schlosses. Im linken Flügel der weiß gehaltenen Architektur verbirgt sich das Museum samt Café, im rechten Flügel befindet sich auf zwei Stockwerken das Raumensemble für Veranstaltungen. Für jedes der Kulturmodule – Museum, Café, Kultur indoor, Kultur outdoor plus private Eventbuchungen – greift ein eigenes Regelszenario im Fünf-Öffnungsschritte-Plan, den die Bundesregierung Anfang März vorlegte.

Eventmanagerin Sonja Weinfurtner stehen, den nicht überdachten Schlosshof mit einberechnet, mehr als 1.400 qm Veranstaltungsfläche zur Verfügung. Pures Potenzial, wäre nicht Corona. Alleinstellungsmerkmal des Kulturortes ist nicht nur das unschlagbare Ambiente des jahrhundertealten Baudenkmals. Fünf Multifunktionsräume von 50 bis 334 qm Größe stehen zur Verfügung, können modulartig selektier- und kombinierbar gebucht werden. Mit tollen Raumszenarien wie steinernem Kreuzgewölbe, historischem Dachboden mit illuminierbarem Holzgebälk, Stuckzimmer. Veranstaltungs- und Medientechnik sowie WLAN inklusive. Zum Indoor-Portfolio kommt noch die Outdoor-Einheit: der Schlosshof – ein 542 qm Open-Air-Raum, maximale Kapazität: 500 Leute. Mit seiner Veranstaltungsfläche kann das Schloss locker alle Aggregatzustände soziokultureller Begegnung bedienen und begleiten. Hochzeit, Jazz, Tagung, Kabarett, Pop.

U50, Ü50, Ü100

Eigentlich stehen alle Zeichen auf: Aufbruch, Neustart, endlich wieder Schlosskultur. Eine neue zweite Catering-Küche entsteht, in der Remise stehen große Rundtische bereit, die Klaviere werden demnächst nochmals gestimmt. U50, Ü50 und Ü100 – dieses Ziffern- und Buchstabengestotter steht jedoch für das gestaffelte Kursbuch, an das sich Weinfurtner bei der Veranstaltungsplanung halten muss. Dazu kommen Tagesfristen mit den in ihrer Symbolik fast mythisch-biblisch anmutenden Zahlenwerten 3, 7 und 14.

U50 bedeutet eine 7-Tages-Inzidenz von unter 50, Ü50 steht für 7-Tages-Inzidenz von über 50, Ü100 für über 100. Für jeden Kulturort im Schloss – Museum, Veranstaltung indoor, Veranstaltung outdoor und Cafébetrieb – gilt ein anderes U50-, Ü50- und Ü100-Bedingungsgefüge. Und Ü100 heißt jeweils: nach drei Tagen Inzidenzwert über 100 erfolgt die so genannte »Notbremse«: Schließung der Kulturstätte, Reset des Öffnungs-Schließungs-Szenarios auf den Stand vor 8. März.

Betreiber des Schlosses ist die Stadt Friedberg – der Kulturort ist also finanziell abgefedert, weil subventioniert, und muss, auch wenn das Schloss im ersten Jahr nach seiner Wiedereröffnung noch gut eine Million Defizit machte, nicht wie eine kleiner, privat betriebener Kulturort um Einkünfte und seine Existenz bangen. Trotzdem gilt für den Leiter der Friedberger Kulturabteilung, Frank Büschel: »Wir sehnen uns wirklich danach, mit Veranstaltungen endlich wieder auf Betriebstemperatur zu kommen.«

Wartesaal Kultur

Bitter ist, dass das Schloss just in seiner Phase der Neuetablierung nach der dreijährigen, von 2015 bis 2018 dauernden Sanierung, immer wieder ausgebremst wird. 2019 lief das erste Veranstaltungsjahr mit der im November 2017 neu gewonnenen Veranstaltungsmanagerin Sonja Weinfurtner richtig an. Dann, März 2020, brach die Pandemie los. Der erste Coronasommer, der Veranstaltungen eingeschränkt zuließ, gehörte willkommenerweise der Bayerischen Landesausstellung, die (Aichach eingerechnet) immerhin 63.169 Besucher*innen zählen konnte. Danach wäre das weiß leuchtende Schloss eigentlich, erst recht im Kielwasser der Landesausstellung, auf die Zielgerade zur Kontinuität gegangen. Aber Corona blieb und sorgt für Stop-and-go. Seit zwei Jahren ist theoretisch Betrieb – sich durch Kontinuität als feste Größe im kulturellen Bewusstsein des Umlands zu etablieren, war noch nicht möglich.

Steigt der Inzidenzwert über 50 (und bleibt unter 100), darf Weinfurtner Indoor-Konzerte nur noch mit tagesaktuellem Schnelltest anbieten. Bis zur Drucklegung von a3kultur liefen noch die Gespräche und Überlegungen, ob man diesen Weg geht oder Konzerte absagt. Für 21. Mai ist ein Highlight gebucht: der Jazzmagier Tim Allhoff. Was bis dahin ist? Man weiß es nicht. Jede Veranstaltung wird zu einem Mysterium und der Kulturplaner zu einem Sisyphos.

Im Vor-Corona-Jahr 2019 hatten im Schloss rund 60 Kulturveranstaltungen stattgefunden, mit Hochzeiten, Empfängen und Tagungen gut 150 Veranstaltungen insgesamt. Jetzt bereits schon sinken coronabedingt die Hochzeitsbuchungen. Sportlerehrung, auch einige Konzerte zum Jubiläumsjahr der Musikschule: auf 2022 verschoben. Der fest angestellte Teil an Veranstaltungs­helfer*innen und Kräften für den Garderobendienst und Ticketkontrollen ist in Kurzarbeit. »Meine Kalkulierbarkeit in Sachen Veranstaltungsplanung hält sich in Grenzen«, sagt Weinfurtner trocken. Was sie tun kann, ist, täglich auf der Website des Landratsamts den aktuellen Inzidenzwert nachzuschauen. Eine schwierige Zeit für Veranstalter, aber auch für das Kulturpublikum und die Medien: Wann findet was wie und wo tatsächlich statt und wenn nicht, wann, wo und wie dann später? Niemand weiß so recht Bescheid, in die Zukunft schauen kann erst recht niemand.

Trotzdem: »Die Leute haben Verständnis«, sagt Weinfurtner. Durch die gebotene Kontaktnachverfolgbarkeit beim Ticketkauf können die Karteninhaber*innen informiert werden, wenn eine Veranstaltung ausfällt oder verschoben werden muss. Die 47-jährige Eventmanagerin tut dies telefonisch und persönlich. Kundenservice und Kundenbindung galore in einem. Jeder abgesagten oder verschobenen Veranstaltung folgt ein rechter Rattenschwanz an Folgemaßnahmen: neue Tickets mit neuem Datum müssen gedruckt, Pressetexte neu umgeschrieben werden. »Das Problem ist ja auch, dass alle die Termine schieben«, erzählt Weinfurtner. Künstler verschieben, andere Kulturstätten verschieben, Künstleragenturen schieben. »Viele Künstler wissen zum Beispiel auch nicht, ob sie nächstes Mal überhaupt noch ihre Band haben«, berichtet die gebürtige Niederbayerin von weiteren Buchungsproblemen.

900 qm Museumserlebnis

Dr. Alice Arnold-Becker geht es im Vergleich zu ihrer Kollegin Weinfurtner verhältnismäßig gut. Arnold-Becker ist die zweite kulturelle Schlossherrin – im gegenüberliegenden Gebäudeflügel, Herzkammer zwei: Sie leitet das Museum. Die ansprechend präsentierte stadtgeschichtliche Sammlung mit den bedeutenden Friedberger Uhren darf bei U50 öffnen, bei Ü50 bis 100 mit Terminbuchung und Dokumentation. Erst am 12. März hatte das Museum nach dem zweiten Lockdown wiedereröffnet. Fast auf den Tag genau ein Jahr nach den ersten Schließungsszenarien im März 2020. Im Mai 2019 war das Museum nach der mehrjährigen Schlosssanierung in völlig neuer Gestalt wieder an den Start gegangen. 900 Besucher*innen strömten am ersten Tag herbei, innerhalb von zehn Monaten waren es rund 15.000.
 
Viele Besucher, vor allem auch Familien, so Arnold-Becker, besuchen das Schloss auf einer Kulturtour. Zu beobachten sei, dass der Samstag, ansonsten eher der klassische Einkaufstag, nun gleichrangig mit Sonntag ist. »Vor Corona waren sehr viele Besucher aus dem Ausland hier«, so Arnold-Becker. Darüber geben auch die Einträge im Besucherbuch Auskunft – nicht zuletzt die Romantische Straße führt viele ausländische Touristen*innen auch nach Friedberg. Die fremdsprachigen Audioguides im Wittelsbacher Schluss: momentan bleiben sie ungenutzt.

Corona und Aura

Für November plant Arnold-Becker die Sonderausstellung »Zeit in der Kunst«. Auch hier: Planungsstau, Wartesaal, Prinzip Hoffnung. Die Vorbereitungen bei Arnold-Becker laufen trotzdem, müssen bereits laufen: So eine Ausstellung zieht man nicht mal so eben in zwei Monaten hoch. Ebenso plant Arnold-Becker nicht nur am grünen Tisch – es gilt, die Exponate im Original anzuschauen, vor Ort zu sichten, zu prüfen, zu: erleben. Und genau dies ist nicht möglich, viele Sammlungen sind coronabedingt geschlossen. »An sich sollte man die Objekte in echt sehen«, so Arnold-Becker. Es gilt, Wirkung und Raumbedarfe einzuschätzen. Es gilt als Kurator, ganz im Sinne Walter Benjamins, die Aura eines Kunstwerks zu erleben.

Nicht nur braucht Arnold-Becker den Besuch von Ausstellungen auch als Impulsgeber und Ort beruflichen Networkings, sie persönlich ist, so sagt sie, »extrem ausgehungert nach Ausstellungen«. Das Besuchserlebnis lasse sich nicht ersetzen. So sehr der derzeitig verstärkte Ausbau des Digitalen Vorteile bringe – ohne physische, sinnlich erlebbare Realorte der Kultur gilt für Arnold-Becker: »Die Welt wird ärmer werden.«

Andere Coronaregeln wie für das Museum und den Veranstaltungssektor, nämlich die der Gastronomie, gelten für das schöne Museumscafé im Schloss. Der Ort für Kaffeekultur ist selbst ein Kunstort: großformatige, wollene Blumenreliefs der Künstlerin Susanna Taras schmücken die hübschen Räume. Momentan gilt hier: nur Coffee to go. Das Café, momentan optimistisch österlich geschmückt, wird vom Museum selbst betrieben. Das kleine Schlossmodul macht derzeit nicht wirklich Gewinn, aber auch nicht richtig Verlust. Im Sommer, bei entsprechendem Inzidenzwert, kann die Außenterrasse wieder öffnen.

Die Wiege der Stadt

Kulturabteilungsleiter Frank Büschel hält einmal die Woche einen Jour fixe zum Thema Corona und Schlosskultur ab. Die Behördenstruktur im Landkreis bietet keinen ausgewiesenen Ansprechpartner speziell für die Nöte von Kulturveranstaltern in Coronazeiten. Büschel erhält freilich immer wieder Auskünfte, viel Unterstützung erhält er aber auch im Netzwerk Bayerischer Städte »Stadtkultur«, das sich als Verein formiert hat. Auch hier aber hat man dieselben Probleme. Das Wittelsbacher Schloss nennt Büschel »die Wiege unserer Stadt«. Im Vorfeld der Erhebung des Schlosses zum Kulturort war einst viel gestritten worden, Bürgerentscheid und Vermittlungsgespräche mit Nachbarn zählten hier dazu. Nun aber herrsche Einigkeit darüber, dass das Schloss die Perle der Stadt sei, so Büschel, und dies freue ihn.

Der große weiße Kulturriese mit dem ziegelfarbenen Hut – das Wittelsbacher Schloss – ist noch gar nicht richtig dazu gekommen, weitere Schritte in jenen Kulturraum zu machen, in den er eigentlich mit aparten Alleinstellungsmerkmalen weit hineinstrahlt. Es liegt nicht am Riesen, es liegt nicht an den Macher*innen. Wie geht es weiter? In Friedberg, aber auch in Augsburg, in Gersthofen, in Schwabmünchen? Das nächste Treffen der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsident*innen soll es am Montag, 12. April, geben.

Foto oben: Wartesaal Kultur – der lichtdurchflutete Große Saal im Wittelsbacher Schloss. 334 qm groß, 13 m hoch, wartet er auf seine Bespielung.

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