Kunst im Glaspalast
Zwei neue Ausstellungen locken in den Glaspalast im Textilviertel: Ein Werkkomplex von Denise Green ist in der Halle 1 zu sehen, die Galerie Noah zeigt Skulpturen von Stephan Balkenhol.
Stark vergrößerte, unscharfe Schwarz-Weiß-Fotografien, mit senkrechten Schnitten zerlegt und von zart bemalten Papierstreifen zu etwas Neuem zusammengefügt: Denise Greens’ Werkzyklus »How we remember« stellt – ausgehend von der konkreten Auseinandersetzung mit einem Fotoalbum ihres Vaters – die Frage nach den Formen und Wegen unserer Erinnerungen.
Der Vater, der in Australien aufgewachsenen Künstlerin, war in den Jahren 1940 bis 1941 Soldat. 2016, lange nach seinem Tod, entdeckte die Familie ein Album, in dem er, versehen mit einem Index, kleinformatige eigene und gesammelte Fotografien aus Nordafrika und Griechenland zusammengestellt hatte, die Zerstörung und Alltägliches, Kriegsgefangene und Tote zeigen. Durch diesen Fund wurde das schwierige und zerstörerische Verhalten des Vaters, der nicht über seine Erlebnisse gesprochen hatte, verständlicher – er litt unter einer massiven posttraumatischen Belastungsstörung. Green, die seit Jahrzehnten in New York lebt, setzt sich in 33 Collagen mit diesen bildlichen Erinnerungen ihres Vaters auseinander, richtet ihren Blick aber ebenso das eigene Erleben, zu dem auch der Umgang mit der Alzheimer-Erkrankung ihres Mannes gehört.
Das kollektive Moment dieser Fotos individualisiert Green durch ihre eigenen zarten papierenen Unterbrechungen und Verbindungen, die sich hart mit den alten Fotografien reiben, das Bild stören, sequenzieren und zerlegen, deren Zartheit aber eine Komponente hinzufügt und so einen neuen Kontext schafft. Green hat hier einen in sich geschlossenen Zyklus konzipiert, der dennoch über das engere Ziel weit hinausweist. Die eindrückliche Ausstellung wird durch einen Katalog mit einführenden Aufsätzen und Abbildungen der ausgestellten Arbeiten ergänzt, in dem darüber hinaus auch das zu Grunde liegende Fotoalbum nebst Index zu finden ist.
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de | Denise Green – How we remember | H2 – Zentrum für Gegenwartskunst (Halle 1) | bis 19. September
Eine Etage höher wartet die Galerie Noah mit den unverkennbaren Skulpturen von Stephan Balkenhol auf, die meisten in den letzten beiden Jahren entstanden. Die grob behauenen Männer- und Frauenfiguren aus farbig gefasstem Wawa und Zedernholz, teils auch in Bronze gegossen, setzen sich in Haltung und Darstellung mit Skulpturentypen der Antike auseinander, legen aber in Material und Bearbeitung der Prozess der Bearbeitung offen, lenken den Blick auf das Vorläufige und Unfertige – ganz im Gegensatz zur perfekten Glätte der Antiken.
Die wiederkehrend gleiche Physiognomie der Menschendarstellungen verweist auf eine beabsichtigte Typisierung in Richtung des Existenziellen, die sich auch im eigenartig lakonischen Ausdruck der Figuren zeigt. Gelungen.
www.galerienoah.com | Im Wesentlichen existent. Stephan Balkenhol in der Sammlung Walter | Kuppelsaal der Galerie Noah | bis 5. September
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