Kunst kann auch digital
Zahllose DIN A4-Blätter bedecken die lange Wand der Ecke Galerie, Maria Justus hat ihren Chat mit Galatea ausgedruckt. Doch Galatea – von Justus in Anlehnung an Pygmalions Werk, das die Natur übertrifft, so benannt – erweist sich als Schöpfung der Künstlerin mit Hilfe einer App. Im Laufe der beiderseitigen Gespräche lernt die digitale Person und wird so zunehmend zur auf Justus zugeschnittenen Gesprächspartnerin, einer intelligenten Freundin. Die im Zwiegespräch gelebte vermeintliche Nähe legt die Künstlerin offen, in dem sie die Protokolle ihres Austauschs offenlegt. Diesem analogen Statement in Form einer Wandarbeit ist jedoch die digitalisierte Welt eingeschrieben. Virtuell und real, privat und transparent sind nicht mehr zu trennen. Oder? Galatea ist ein digitales Wesen, das ohne Körperlichkeit auskommt, im Gegensatz zu androiden Robotern, mit deren Eigenschaften und Fähigkeiten sich die Künstlerin in einer Videoarbeit auf Basis einer Kurzgeschichte von Ian McEwan auseinandersetzt. Ein Android reflektiert das Besondere seiner Gattung und sich selbst. Sind Roboter mit Menschen zu vergleichen? Was können und fühlen sie? Welche Rechte und Pflichten sollen sie haben? Umgesetzt hat Justus dies in bewusst ruckelnder Optik als Verweis auf den artifiziellen Charakter des Androiden und ebenso der Diskussion hierüber.
Die Ausstellung beschreitet – ungewohnt für das Profil der Ecke Galerie – einen Weg ins 21. Jahrhundert (das ja auch bald 20 Jahre alt ist). Für Digital Natives natürlicher Lebensraum, für die etwas Älteren ein Anstoß, über den Tellerrand des Kunstverständnisses hinauszugucken. Hingehen!
Die Winterausstellung des Kunsthauses Kaufbeuren untersucht Menschenbilder, ganz analog und auf Papier. Gerade in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, stellte sich vielen Künstlern die Frage des Menschseins in Krisenzeiten. Kurator Jan T. Wilms hat 180 Arbeiten von Ernst Barlach, Otto Dix, George Grosz und dem weniger bekannten Niederländer Samuel Jessurun de Mesquita ausgewählt. Abgerundet wird die Schau durch eine Publikation mit Werkabbildungen und Textbeiträgen.
Die MEWO-Kunsthalle in Memmingen setzt vorzugsweise auf Kunst der Gegenwart und bietet so gut wie immer sehenswerte Ausstellungen. Noch bis März verhandelt »forest.enter.exit« das Spannungsfeld um Mensch und Wald. Die von Axel Städter kuratierte Schau vereinigt die Positionen von 12 Künstler*innen. Ab Ende Februar ist dann das Kunst-Duo Monica Germann und Daniel Lorenzi mit einer Solo Show zu Gast.
Im Kunsthaus Bregenz mit seinem großartigen Zuhause in einem Bau von Peter Zumthor schließt sich der Kreis. Begonnen haben wir unsere Rundschau bei Maria Justus’ Auseinandersetzung mit digitaler Lebenswirklichkeit in der Ecke Galerie. In Bregenz steht der sehr gefragte britische Medienkünstler Ed Atkins auf dem Programm, der mit hyperrealen Bilderwelten – ein Avatar seiner selbst inbegriffen – über Zukunft, Vergangenheit und den Verlust der eigenen Mitte im digitalen Zeitalter nachdenkt.
www.eckegalerie.de
Maria Justus: something old, something new, something borrowed, something blue | bis 2. März
www.kunsthaus-kaufbeuren.de | Menschenbilder | bis 22. April
www.mewo-kunsthalle.de
forest.enter.exit | bis 3. März
Monica Germann & Daniel Lorenzi: Dreht sich die Spiegelkugel zum Punktlicht | ab 23. Februar
www.kunsthaus-bregenz.at
Ed Atkins | bis 31. März
Abbildung: Ausstellungsansicht, 2. OG, Kunsthaus Bregenz, Ed Atkins: Hisser, 2015 (Foto: Markus Tretter)
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