Lästige Verwandtschaft

23. Dezember 2020 - 10:43 | Jürgen Kannler

Das Ende dieser Pandemie ist absehbar. Das Ende der Krise nicht. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Wir beschließen das Jahr im Lockdown. Seit Monaten gefährlich hohe Corona-Fallzahlen, vor allem auch in Augsburg. Längst werden Fragen laut, inwieweit die Stadtregierung Mitverantwortung an dieser alarmierenden Situation trägt. Unterschätzte das nach der Wahl beschlossene Bündnis aus CSU und Grünen die Risiken beim Wechsel der Verantwortungen mitten in der Pandemie?

Das in der Coronakrise maßgebliche Ordnungsreferat bekam im Mai eine neue Führung und tat sich schwer, nicht nur sommerliche Party-Hotspots unter Kontrolle zu bringen. Gleichzeitig verfügte die neue Koalition, die Verantwortung für das Gesundheitsamt vom schwarzen Ordnungs- ins grüne Umweltreferat zu verlegen. Liegt auch in dieser – politisch motivierten – Rochade eine Ursache für die dürftige Vorbereitung des Amtes auf die schon im Frühling prognostizierte zweite Coronawelle? Wie im Ordnungs- gab es auch im Bildungsreferat einen Wechsel an der Spitze. Zur Ausarbeitung wirklich coronatauglicher Konzepte für unsere Schulen blieb zu wenig Zeit. Das war, alles in allem, ein denkbar schlechtes Timing.

Die Wahlsiegerin Eva Weber konnte nicht mit Regierungserfahrung als OB in der Krise punkten. So blieb auch ihre Erklärung, das bis Oktober führungslose Kulturreferat der Stadt in der Interimszeit zur Chefinnensache zu machen, weitgehend wirkungslos. Jürgen Enninger, seit Herbst Kulturreferent in Augsburg, fand in seinem Haus nur bedingt brauchbare »Kultur trotz Corona«-Konzepte vor. So wurden Optionen für Raumal­ternativen nicht konsequent gedacht und Corona-Projektförderungen wenig transparent vergeben. Die einberufenen runden Tische werten Akteur*innen der lokalen Szenen als »zahnlose Tiger«. Was Enninger in seinen ersten Wochen einbringen konnte, überzeugte die Kultur­macher*innen kaum. Derweil sinkt die Stimmung bei den Kulturschaffenden der Stadt weiter. Enttäuschung macht sich breit. Wut bricht sich Bahn. Die Kritik zielt vor allem auf die Politik auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.

Weitere Vorwürfe: Die angekündigten Förderungen vom Bund greifen nicht richtig. Sie kommen zu spät. Und vor allem: Die Regierenden lassen es zu oft am gegebenen Respekt fehlen. Sie behandeln Kulturmacher*innen wie lästige Verwandtschaft, die sich aushalten lässt. Agieren als Verhinderer, wo Optionen möglich wären. Konsum steht über allem. Das heißt, Einkaufen bis die Coronazahlen den Kassenschluss unumgänglich machten, bei gleichzeitiger Schließung sämtlicher Kulturorte, trotz aufwendig erarbeiteter Hygienekonzepte. Die  Kultur- und Kreativwirtschaft wird nicht als die wirtschaftlich leistungsfähige Branche anerkannt, die sie seit langem ist. Der Kulturstandort Deutschland wird in seiner heutigen Form aufs Spiel gesetzt. Wenn sich in dieser Zeit der bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Bernd Sibler mit anderen Kulturpolitiker*innen der CSU zum ungeschützten Austausch am »Stammtisch« im Landtag trifft, passt diese Szene leider nur zu gut in das schräge Gesamtbild.

Die Gesichter werden länger, die Etats werden schmäler. Längst ist hinter den Kulissen der Verteilungskampf entbrannt. Dabei gilt im Kleinen wie im Großen häufig das Prinzip: alle gegen alle. Einige bayerische Städte legen die Karten schon offen auf den Tisch. Sprechen von Kürzungen, auch im Kulturhaushalt. In Bamberg sollen es 2,5 Prozent werden. In München 6,5 Prozent – die freien Szenen sollen davon nicht betroffen sein.

Augsburg ist vorerst davon ausgenommen. Die Ausgaben der Stadt für Kultur pro Kopf liegen gewohnheitsmäßig weit unter dem Schnitt vergleichbarer Kommunen. Einige könnten über Jahre kürzen, ohne dabei auf das traurige Niveau der Fuggerstadt herabzusinken. Gut möglich, dass bisher lediglich das Festhalten an den umstrittenen Bauplänen für das Staatstheater, zu denen sich die schwarz-grüne Koalition trotz Kostenexplosion uneingeschränkt auch in Coronazeiten bekennt, für den Status quo in Sachen Kulturetat verantwortlich ist. Einsparungspläne im Kulturbereich hätten die Festtagsruhe zwischen den Jahren erheblich gestört. Selbst für die trägsten Kulturträger*innen könnte dieser Schritt einer zu viel sein und in der Folge den Regierungen das Lametta vom Christbaum wehen.

Ab Ende Dezember wird in Deutschland gegen Corona geimpft. Das Ende dieser Pandemie ist absehbar. Das Ende der Krise nicht. Nach den Feiertagen gilt es, versäumte Lektionen nachzuholen, neue Konzepte und Wege des Zusammenlebens und Arbeitens zu denken, zu erproben und umzusetzen – nicht nur in der Kultur. Unser Ziel sollte nicht heißen: weitermachen wie zuvor. Unser Danach muss anders aussehen. Bei diesem Prozess sind alle gefordert.

Abbildung oben:
Ein Land – zwei Systeme
Während der H1 – Raum für Kunst in der Lockdownphase bis zum 15. Dezember seine Ausstellungsräume geöffnet hatte und die Arbeiten diverser Künstler*innen aus unserer Region im Rahmen der Großen Schwäbischen zeigen durfte, blieb gegenüber das H2 – Zentrum für Gegenwartskunst mit der international besetzten Schau »The Blue Planet« geschlossen. Während das H2 als Museum firmiert und damit Kunstort ist, wurde aus dem H1 ein Verkaufsort gemacht. An der Schnittstelle dieser »konkurrierenden« Systeme steht die eilig zum Verkauskiosk umfunktionierte Kasse. Nach dem 15. Dezember wurden H1 und H2 in bleierner Stille wieder vereinigt und vor dem Publikum geschlossen.          

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