Ausstellungen & Kunstprojekte
Politik & Gesellschaft

Die letzten Zeugen

a3kultur-Redaktion

Eine Wechselausstellung in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber beschäftigt sich seit 1. Dezember mit dem medialen Vermächtnis derer, die die Grauen des Holocaust noch selbst erlebt haben.

Was folgt, wenn die letzten Überlebenden des Holocaust verstorben sind? Selbst Menschen, die in diese Zeit hineingeboren wurden, werden nicht mehr lange unter uns sein und als Zeit­zeug*innen zur Verfügung stehen. Was bleibt, sind Fotos, schriftliche Zeugnisse, unzählige Videointerviews und die Frage, wie wir Nachgeborenen in Zukunft mit diesem Erbe umgehen wollen.

Im Mittelpunkt der bis Juni 2022 laufenden Ausstellung »Ende der Zeitzeugenschaft?«, in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Hohenems und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, steht die Überlieferung der Erinnerung an den Holocaust, in Form von Interviews und Aufnahmen von öffentlichen Auftritten der Zeitzeug*innen.

Zu diesem Themenkomplex stellen wir der Direktorin des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben, Barbara Staudinger, im Vorfeld der Ausstellungseröffnung einige Fragen.

a3kultur: Nicht alle Zeitzeug*innen des Holocaust wollen oder können über das Durchlittene sprechen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Barbara Staudinger: Da gibt es wirklich sehr unterschiedliche Lebenswege. Manche sprechen davon, nur überlebt zu haben, um später Zeugnis ablegen zu können. Für sie ist es selbstverständlich, über das Erlebte zu berichten. Da ist das Gefühl der Verantwortung größer als jedes individuelle Wollen. Auch wenn das Berichten fast zu schmerzhaft ist, um es immer wieder aufs Neue durchzustehen. Ich kenne aus eigener Erfahrung Überlebende, die regelrecht von Alpträumen begleitet wurden und nicht schlafen konnten, wenn sie Termine für Schulbesuche oder Ähnliches hatten, und trotzdem immer wieder aufs Neue Zeugnis ablegten. Andere Überlebende sprachen nie. Es gibt ein Recht der Opfer zu schweigen und ein Recht zu vergessen. Auch diesen Entscheidungen gebührt Respekt.

Wie findet man als Direktorin eines jüdischen Museums den richtigen Weg zwischen dem Leisten von Erinnerungsarbeit und dem Respekt vor denen, die vergessen wollen?

Ich weiß nicht, ob es den richtigen Weg gibt. Aber es gibt bestimmt einen respektvollen Weg. Den sollten wir versuchen zu finden und zu beschreiten. Das geht aber nicht, ohne sich selbst zu hinterfragen. Wir tragen eine Verantwortung, der wir gerecht werden müssen. Es geht um die Fragen: Wie wollen wir erinnern und wie werden wir erinnern?

Welche Rolle spielt der oder die Interviewer*in bei Zeit­zeug*­innengesprächen?

Natürlich formt auch der oder die Interviewende die Erinnerung. Unsere Aufgabe als Museum ist es, dies auch zu zeigen. Offenzulegen, wie Interviews gemacht und gestaltet wurden und werden. Wir können und wollen die Ergebnisse nicht ändern, aber wir müssen offen damit umgehen und verstehen, dass Geschichte in gewisser Weise immer gemacht ist.  

Welchen Einfluss hat die Zeit auf Zeitzeugnisse?

Natürlich oftmals einen großen. Wie im Übrigen auch die Erwartungshaltungen der Interviewer*­innen. Manches Zeugnis verändert sich mit jeder Erzählung. Manche Erinnerung verschwimmt und wieder anderes wirkt eingeübt. Die eigene Wahrheit der Erinnerung wird aber auch von der öffentlichen Erzählung geprägt. Zeug*innen wollen zuverlässig und authentisch sein. Dabei erfährt das eigene Wissen durch Erfahrung einen Abgleich mit später erworbenem Wissen. Jeder kennt Geschichten von seiner frühesten Kindheit, die tausend Mal im Familienkreis erzählt wurden, bis sie Eingang in die vermeintlich eigene Erinnerung hielten. So gibt es auch Auschwitz-Überlebende, die von Mengele berichten, obwohl sie ihn gar nicht erleben konnten. Erinnerung geschieht ebenso bewusst wie unbewusst.

Das heißt, historisches Wissen und Erzählungen von Zeitzeug*innen müssen gegeneinander abgewogen werden?

Es ist nicht an uns, diese Zeugnisse zu bewerten. Nehmen wir sie, wie sie sind, aber mit einem geschulten, historischen Blick. Der Wert der direkten Begegnung wird uns bald fehlen. Er wird uns verloren gehen. Dabei ist der echte Kontakt so wertvoll. Menschen wollen Menschen erleben und nicht nur informiert werden.
 
Welche Rolle kommt der zweiten oder dritten Generation Holocaust-Überlebender zu?

Es gibt eine Verantwortung, sich damit zu beschäftigen, wie es ist, als Kind Überlebender aufzuwachsen und immer wieder nach dem Leben der Eltern befragt zu werden. Es gibt Studien über Traumata von diesen Menschen der zweiten Generation. Sie sind oft in einem großen Schweigen aufgewachsen, das viele von ihnen erst Jahre später verstanden haben.

Für den Augsburger Ausstellungsort wurden die Inhalte wesentlich überarbeitet und mit Augsburger und schwäbischen Zeitzeugendokumenten versehen. Begleitet wird die Ausstellung von Führungen durch die Kuratorin Anika Reichwald aus Hohenems und ihren Augsburger Kolleg*innen des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben.

www.jmaugsburg.de

Bild
H1-Text
Zur Person:
H2-Text
Barbara Staudinger
Textbereich

Staudinger (geboren 1973 in Wien) studierte Geschichte, Theaterwissenschaft und Judaistik an der Universität Wien.
2001 promovierte sie mit einer Studie zur »Rechtsstellung und Judenfeindschaft am Reichshofrat 1559-1670«.
Seit September 2018 leitet sie das Jüdische Museum Augsburg Schwaben.
Im Juli 2022 übernimmt sie die Leitung des Jüdischen Museums Wien.

Das könnte Sie auch interessieren

Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte

Malerische Landschaften

Im Grafischen Kabinett des Höhmannhauses sind seit dem 25. September Philipp Röths malerische Landschaften zwischen Spätromantik und Impressionismus ausgestellt.
Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte

Formen die Leuchten

Michael Kiessling, Galerist des Kunstraums am Pfarrhof Leitershofen, erzählt gerne, wie er Sandra Tröger im Münchner Ausstellungsraum »Sandkasten« kennengelernt hat – und wie schnell aus diesem ersten Kontakt die Idee für eine gemeinsame Ausstellung entstand. Noch im selben Jahr wurde daraus Wirklichkeit: »Form Farbe Raum« zeigt eine äußerst sehenswerte Auswahl von Trögers Werk in den Räumen von Leitershofen.

Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte

Wegrennen ist einfach!

Der Kunstverein Augsburg startet am 19. September mit der Videoarbeit »Running away is easy, it's the leaving that's hard« (2025) in den Herbst.