Literatur

Lyrik? Unbedingt!

Juliana Hazoth
10. September 2021

Die Lyrik, so Dichter Knut Schaflinger, hat es nirgendwo einfach, doch in Augsburg noch weniger. Ein Gespräch mit dem Mitorganisator der Langen Nacht der Poesie.

Am Freitag, 17. September, kommen sechs Augsburger Autor*innen zur Langen Nacht der Poesie zusammen, um unter dem Motto »Im Wort zuhaus« die Liebe zu Wort und Klang zu leben. Carmen Jaud, Sarah Kiyanrad, Knut Schaflinger, Max Sessner, Siegfried Völlger und die Mezzosopranistin Sabine Lutzenberger wollen der Lyrik in unserer Stadt nach einer langen Zeit der Stille nun endlich wieder Raum geben.

Knut Schaflinger ist gut gelaunt, als ich ihn zum Gespräch treffe. Seit vielen Jahren prägt der gebürtige Österreicher die Literatur- und insbesondere die Lyrikszene der Stadt Augsburg entscheidend mit. Er ist regelmäßig Teil von Lesungen, Buchvorstellungen und hat auch im Literarischen Salon einen festen Platz. Für mich ist Schaflinger also der ideale Gesprächspartner, denn ich möchte von ihm wissen: Wie steht es denn um die Lyrik in unserer Stadt?

Schnell zeigt sich: Die Lage könnte besser sein. Die Lyrik, so Schaflinger, hat es nirgendwo einfach, doch in Augsburg noch weniger. Dafür sieht Schaflinger vielerlei Gründe. Einer davon sei der berühmte Sohn der Stadt Bertolt Brecht. Man orientiere sich natürlich oftmals an Brecht, der schließlich als einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt, wodurch allerdings andere Formen der Poesie, vergangen wie gegenwärtig, in dessen Schatten stehen. Es geht aber schlicht auch um die Frage des Engagements für die Lyrik und deren Vermittlung. In der Kritik steht hier in erster Linie die Politik der Stadt. Hier gebe es kaum spürbares Interesse daran, Poesie zu fördern, ihr einen Raum zu geben. Stattdessen liege es gänzlich an Privatpersonen, die Lyrik am Leben zu halten.

Gemeinsam mit seinen Kolleg*innen setzt sich Knut Schaflinger dafür ein, der Lyrik mehr Präsenz zu verleihen. Die Organisation der Langen Nacht der Poesie liegt ihm daher besonders am Herzen. Die Veranstaltung soll nicht nur dem durch Corona »ausgehungerten Publikum« ein ansprechendes Angebot sein, sondern gleichzeitig ein Versuch, die lyrischen Stimmen der Stadt zu bündeln. Autor*innen, insbesondere im Bereich der Lyrik, sind meist Einzelgänger*innen. Sie sind nicht Teil eines Ensembles, eines Vereins oder haben einen festen Arbeitsort, den sie gemeinsam mit Kolleg*innen besuchen. Dementsprechend gibt es auch wenig Vernetzung untereinander – ein Umstand, den Schaflinger ändern möchte: »Das sollte jetzt passieren. Wir sollten uns nicht weiter diversifizieren, sondern gemeinsam Möglichkeiten schaffen und Raum einfordern, um dem Wert der Lyrik öffentlich gerecht zu werden.«

Weitung des Blicks, Vielfalt, Bereicherung

Das Wertvollste an der Lyrik liegt für den Autoren auf der Hand: »Jedes Gedicht erweitert das Spektrum, mit dem wir sehen, mit dem wir die Welt betrachten. Und für mich ist das eine Bereich­erung.« Ihm sind die Vorurteile gegenüber der Lyrik, sie sei schwierig oder gar elitär, durchaus bewusst. Doch Poesie ist ebenso vielfältig wie jede andere Kunstform.

Es gilt: einfach ausprobieren. Dafür empfiehlt Schaflinger Anthologien, also Sammlungen von Gedichten verschiedener Autor*innen. Das mag zu Beginn etwas überfordernd wirken, aber wenn ein Gedicht nicht gefällt, ist es auch vollkommen in Ordnung, erst einmal weiterzublättern – »Beim nächsten bleiben Sie hängen!«

Lyrik kann vieles sein: Kunst und Handwerk, Ratgeber und Träumerei, Erklärung und Verschleierung. Sie ist ein Spiel mit Sprache und Emotion. Vor allem aber ist Lyrik eines: für alle da. Es ist also auch an uns allen, die Lyrik leben zu lassen. Es ist natürlich einfach, die Gründe für ein poesiearmes Augsburg in der Politik oder im vermeintlich mangelnden Angebot zu suchen, und da ist sicherlich auch etwas dran. Doch letztlich bestimmt die Nachfrage des Publikums die Kulturlandschaft. Jede Veranstaltung, jedes Engagement der Autor*innen ist eine Gelegenheit für Lyrikliebende ebenso wie interessierte Neulinge, Poesie zu erleben. Also, einfach mal ausprobieren. Knut Schaflinger würd’s freuen!

»Im Wort zuhaus – Die Lange Nacht der Poesie« findet statt am Freitag, 17. September (20 Uhr), im Brunnenhof am Zeughaus in Augsburg.

www.buchhandlung-am-obstmarkt.de

Weitere Positionen

16. September 2021 - 10:00 | Marion Buk-Kluger

Für den September können wir Kabarett- und Comedy-Fans (fast) aus dem Vollen schöpfen, denn es ist angerichtet. Quergelacht – die a3kultur-Kolumne von Marion Buk-Kluger im September.

15. September 2021 - 10:47 | Bettina Kohlen

Die erste Premiere der neuen Spielzeit des Staatstheaters setzt digitale Zeichen mit einer VR-Brillen-Produktion, dem Ballett »kinesphere«.

15. September 2021 - 10:34 | Sarvara Urunova

Das Festival »Mozart @ Augsburg« ging am Wochenende zu Ende. a3kultur-Autorin Sarvara Urunova besuchte das Konzert von Sebastian Knauer und Daniel Hope.

14. September 2021 - 13:38 | Sophia Colnago

»Lisa & me« ist die neue Podcastreihe von a3kultur: zwei Personen, ein Mikrofon und jedes Mal ein anderes Thema. Jürgen Kannler und Lisa McQueen im Talk. Hier anhören!

13. September 2021 - 16:06 | Anna Hahn

Ein Hotelzimmer, drei Frauen, ein gemeinsamer Plan – Das Staatstheater feierte Premiere und widmet sich dem Rape and Revenge-Genre.

12. September 2021 - 0:00 | Iacov Grinberg

Iacov Grinberg besucht ungern Wahlveranstaltungen. Für die von Ulrike Bahr (SPD) ausgerichtete Podiumsdiskussion zum Thema »Gut aufwachsen und zusammenleben in der Stadt« machte er eine Ausnahme. Eine Zusammenfassung.

10. September 2021 - 15:00 | Bettina Kohlen

Anlässlich des 500jährigen Bestehens der Augsburger Fuggerei richtet eine Ausstellung des Diözesanmuseums St. Afra den Blick auf das Weltgeschehen der Zeit um 1521.

9. September 2021 - 15:10 | Bettina Kohlen

Hinter dem Augsburger Rathaus kann noch bis Mitte Oktober eine hölzerne Rauminstallation des Saarbrücker Bildhauers Martin Steinert erlebt werden.

8. September 2021 - 13:55 | Jürgen Kannler

Ein Gespräch im Rahmen der a3kultur-Serie »Theater.Macht.Zukunft.« mit Philipp Miller, Kontrabassist und Personalrat am Staatstheater Augsburg.

4. September 2021 - 10:00 | Gast

In dem Roman geht es um Reisen, um die Suche nach Heimat und Identität, um die Verortung in der Flut von Informationen aus aller Welt, die es zu verarbeiten gilt, um Freundschaft und Solidarität. Eine Rezension von Dr. Karin Perz.