Machtfrage

8. März 2020 - 6:41 | Jürgen Kannler

a3kultur scannte zur Kommunalwahl am 15. März die Kandidat*innen auf ihre Kulturkompetenz und gibt einige Wahlempfehlungen für eine überparteiliche Kulturkoalition.

REGIERENDE PARTEIEN

CSU
Sie startet als größte Fraktion in die Kommunalwahl 2020. Auf Platz 3 steht mit Bernd Kränzle ein politisches Urgestein auf der Liste, dessen Netzwerke weit über die Stadtgrenzen hinausreichen. In den letzten Jahren war er immer wieder für einige Kulturprojekte ein wichtiger Ansprechpartner.

Der amtierende Kulturreferent Thomas Weitzel belegt den aussichtsreichen Platz 9 auf der Liste. Lange Zeit galt der erklärte Fachmann für Klassik und Theater als parteiloser Referent. Seine für viele überraschend offenbarte Nähe zur Union sorgte bei zahlreichen Kulturarbeiter*innen der Stadt für Kopfschütteln. Unabhängig von seiner parteipolitischen Heimat ist Thomas Weitzel ein beschlagener Kulturmann, mit organisatorischen Fähigkeiten und verwaltungstechnischer Erfahrung. Seine Bilanz als Referent ist jedoch umstritten.

Benedikt Lika ist Dirigent, Kommunalpolitiker und Inklusionsaktivist. Für Platz 27 nominiert hat er gute Chancen, wie bei der letzten Wahl einige Plätze gutzumachen, um sich so erneut einen Pos­ten als Stadtratsmitglied zu sichern.

Bevor Andreas Jäckel politische Verantwortung im bayerischen Landtag übernahm, war er ein wichtiger Ansprechpartner für die Kulturmacher­*innen der Stadt. Sein Startplatz ist die 33. Nicht wirklich erfolgversprechend, aber der kulturpolitische Sprecher ist auch nicht völlig ohne Aussicht auf ein Doppelmandat in München und Augsburg.   

Einer ihrer wenigen aktiven Kulturarbeiter verbirgt sich bei der CSU auf Listenplatz 60. a3kultur-Redaktionsmitglied Michael Bernicker war lange Zeit kulturpolitischer Sprecher seiner Partei. Heute ist er Bezirksvorsitzender der CSU-Mittelstandsvereinigung in Augsburg. Seine Platzierung ist ehrenvoll, doch in keiner Weise mit Aussicht auf Erfolg. Kurz gesagt, ein Armutszeugnis für die CSU.

Bündnis90/Die GRÜNEN
Mit einem guten Dutzend ausgewiesener Kulturfachleute wollen die Grünen auf ihrer Liste punkten. Leider verweisen sie diese Kompetenz bis auf Verena von Mutius-Batholy (Platz 3) und Pia Haer­tinger (Platz 9) auf die hinteren, auch bei günstigsten Prognosen chancenlose Plätze. Doch allein die Masse gibt Aufschluss, welchen Stellenwert die Kultur bei den Grünen haben könnte. Mit Meinolf Krüger findet sich ein agiler Buchhändler und Kulturveranstalter auf Platz 18. Udo Legner (Platz 20) ist Fachmann für Fragen der kulturellen Bildung und bekennender Bob-Dylan-Fan. Frank Mardaus, Künstler (Platz 26), hat schon für die SPD versucht, sich in Sachen Kultur stark zu machen. Daniel Tröster (Platz 28) macht Graffiti und ist Kopf des Vereins Die Bunten. Der Architekt Christian Z. Müller (Platz 36) ist engagierten Stadtplaner und sowohl aktiver als auch passiver Liebhaber zeitgenössischer Kompositionskunst. Susi Weber (Platz 41) gehört zum Leitungsteam des Grandhotels Cosmopolis, ist Mitinitiatorin einer Wohnbaugenossenschaft und macht ungewöhnlich gute Grafiken. Horst Thieme (Platz 42) ist der Slammaster unserer Stadt und Moderator zahlreicher Kulturthemen. Angela Bachmair (Platz 51) gehört zu den wirklich guten Autorinnen in unserer Region. Eva Leipprand (Platz 53) setzte in ihrer Zeit als Kulturreferentin Maßstäbe in der Museumslandschaft, in der Festivalkultur und im Selbstverständnis der Friedensstadt Augsburg. Claudia Roth (Platz 55) muss an dieser Stelle wohl nicht weiter vorgestellt werden.

SPD
Die SPD zeigt mit ihrem OB-Kandidaten Dirk Wurm im Wahlkampf – bisher als einzige amtierende Regierungspartei – klare Kante in Sachen Kostenexplosion beim Theaterneubau. Es scheint, als zeigten die umfangreichen Gespräche der Genoss*innen mit Kulturmacher*innen unserer Stadt Wirkung. Sie waren nötig, um Kulturthemen bei der SPD von außen her Gewicht zu verschaffen. Mit den Profilen ihrer Kandidat*innen gelang das nicht.

Mit Sieglinde Wisniewski auf Platz 6 finden wir die einzige wirklich politisch erprobte Kulturfrau der SPD auf der Liste. Sie gilt als versierte und erfahrene Streiterin, nicht zuletzt für ihre Stadtteile Lechhausen und Hammerschmiede. Eine Qualität, die ihr bei der von bald allen politischen Kräften geforderten Stärkung der Quartiere zugutekommen sollte.

Ihr folgt auf Platz 10 Tatjana Dörfler. Als Kanzlerin der Hochschule Augsburg ist sie schon vor der Wahl ein Punktgewinn für ihre Partei. Da die Hochschule in ihrem breiten Spektrum auch für die Kultur- und Kreativwirtschaft ausbildet, darf man bei dieser Kandidatin von einem tieferen Verständnis für Kulturthemen ausgehen. Ihr Listenplatz lässt auf einen Einzug ins Rathaus hoffen.        

Im Gegenzug dazu hat Christoph Smija mit Platz 52 eigentlich keine Chancen auf einen Stadtratssitz. Schade, denn der 37-jährige Lehrer ist ein profilierter Kulturmacher und -aktivist unserer Stadt. Er war unter anderem einer der ersten frei gewählten Kulturbeiräte.


OPPOSITIONSPARTEIEN

Freie Wähler
Sie machten in der auslaufenden Legislaturperiode gute Oppositionsarbeit. Ob dieses Niveau mit dem Ausscheiden von Volker Schafitel gehalten werden kann, ist offen. Sie gehen mit dem Journalisten Peter Hummel auf Platz 1 an den Start. Seine publizistischen Schwerpunkte liegen jedoch nicht im Kulturbereich. Hans Wengenmeir (Platz 4) ist verdienter Jugendtrainer, Sportfunktionär und hat viel berufliche Erfahrung mit Präventionsarbeit. Der einzige Vollblut-Kulturmacher auf dieser Liste ist der Autor und Publizist Arno Löb auf Platz 59 – und somit chancenlos.

Die Linke
Zuletzt nur noch mit einem Sitz im Rathaus vertreten, geht die Linke 2020 mit drei Kultur­expert*innen auf den vorderen Plätzen in die Kommunalwahl. Diese guten Positionierungen spiegeln sich auch im Wahlprogramm der Linken, in dem kulturellen Themen breiter Platz eingeräumt wird. Auf Listenplatz 2 ist Christine Wilholm zu finden. Sie ist eine versierte Kennerin vor allem der Programme der freien Szenen und der Clubkultur. Einen Platz dahinter steht Rebecca Lindner (3). Sie engagiert sich für alternative Wohnprojekte und ist aktuell eine von fünf Kulturbeirätinnen in Augsburg. Der Autor Fritz Effenberger (Platz 8) war selbst Musiker und mischt noch heute den Sound bei Clubkonzerten.       

Polit-WG / DiB
Die Listenfusion tritt ohne OB-Kandidat*in an. Dafür finden sich einige spannende Namen aus den Kulturszenen der Stadt, auf ihrer Liste. Der bekannteste dürfte der auf Platz 1 gesetzte Oliver Nowak sein. Er hat in den letzten Jahren mit seinem Kollegen Volker Schafitel die Oppositionsarbeit im Rathaus weitgehend im Alleingang gemeistert und war dennoch häufiger Gast bei Kulturveranstaltungen mit Relevanz und Niveau. Auf Platz 5 folgt die Buchhändlerin Laura Buzón. Manfred Hörr ist seit Jahren einer der wichtigsten Organisatoren von Konzerten in Augsburg. Er hat den Listenplatz 8, dicht gefolgt von Volker Bogatzki auf Platz 9. Der IT-Fachmann ist mit zahlreichen Kulturthemen aufs Beste vertraut. Mark Schröppel (Platz 10) verdient sein Geld als Theaterregisseur. Alexander Lindner (Platz 12) ist Friseur, Klassikliebhaber, Chorsänger und Aktivist bei zeitgenössischen Kunstprojekten.

WSA
Die Liste »Wir sind Augsburg« ist das neue politische Vehikel von Peter Grab. Nach seinem Wechsel von Pro Augsburg steht er dort auf Platz 1. Der ehemalige Kulturreferent ist ein Vater der UNESCO-Idee, hat ansonsten im kulturellen Leben der Stadt aber eher verbrannte Erde hinterlassen. Marcella Reinhardt (Platz 6) ist Vorsitzende des Regionalverbands Deutscher Sinti und Roma Schwaben e.V. Ende Februar verließ sie die Gruppierung. Sie sei nicht informiert worden, dass mit Kampfsportstudio-Betreiber Guido Fiedler ein Kandidat auf der WSA-Liste steht, dem die Nähe zu Rechtsextremisten nachgesagt wird.


NOCH NICHT IM RATHAUS

Augsburg in Bürgerhand
Angeführt wird die Liste von Bruno Marcon. Der Diplom-Psychologe war in den Achtzigern Herausgeber des Augsburger Stadtmagazins. Zuletzt machte er sich einen Namen als siegreicher Kämpfer gegen die Fusion der swa mit Erdgas Schwaben sowie als Aktivist in Sachen solidarischer Landwirtschaft und alternativer Gartenbauprojekte.

Generation Aux
Diese Kandidat*innenliste mit dem etwas bemühten Namen wird von Raphael Brandmiller angeführt. Nach den gescheiterten Versuchen, seinen politischen Einstieg über die SPD oder die grüne Liste zu meistern, könnte es nun für den auf Platz 1 Gesetzten klappen. Erfahrungen im Kulturbereich kann er als ehemaliger Stadtjugendring-Vorsitzender auf alle Fälle vorweisen. Einige erfolgreiche Großveranstaltungen, vor allem in den Bereichen der Jugendkultur, darf er auf seinem Konto verbuchen. Auf Platz 3 der Liste steht der Clubbetreiber Christoph Steinle. Als Gastronom hat er wiederholt ein gutes Händchen bewiesen und der Name des von ihm Produzierten Gins klingt besser als der seiner Liste. Für den guten Sound dort ist wohl eher Frank Gödicke (Platz 23) zuständig. Als DJ, Produzent und Labelchef ist er Fachleuten gut bekannt, vielen Clubgängern als Franky Gee.       

Die Partei
Lisa Katharina McQueen ist Chefin im Käthchen. Dieser Kulturort mit Kaffee und Kuchen gleich beim Dom wurde zur Anlaufstelle für alle möglichen Kulturmacher*innen. Als Aktivistin begleitet und unterstützt sie verschiedenste Projekte. Die Partei hat sie auf Platz 8 ihrer Liste gestellt und gleichzeitig zur OB-Kandidatin gemacht. In dieser Rolle ist sie auch auf dem aktuellen a3kultur-Titel zu sehen. 

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