Politik & Gesellschaft

Mathematiker und Aktivist

Gastautor

Ingo Blechschmidt ist leidenschaftlicher Mathematiker und gleichzeitig kämpferischer Klimaschutzaktivist. Wie das zusammenpasst und welche Auswirkungen die verstörenden Aussagen von Greta Thunberg haben, erzählte er unserem a3kultur-Autor Alexander Möckl in einem ausführlichen Interview.

a3kultur: Wie gehen die Fridays-for-Future-Bewegung und speziell du selbst mit den sehr verstörenden und antisemitischen Aussagen der Initiatorin der FFF-Bewegung Greta Thunberg um?

Ingo Blechschmidt: Ich selbst kann mir nicht erklären, warum Greta das gemacht hat. Ich und auch die FFF-Bewegung in Deutschland und natürlich auch alle hier in Augsburg distanzieren sich ganz klar von diesen Aussagen und somit auch von Greta Thunberg. Dazu hat Luisa Neubauer auch ganz unmissverständlich Stellung bezogen. 

Zudem muss man auch wissen, dass Greta nicht die Galionsfigur für uns an sich war, obwohl die Medien das immer gerne so hingestellt haben. Klar, sie hat mit ihrer Aktion der Schüler*innen-Proteste etwas losgetreten, das letztlich dazu geführt hat, dass sich die Politik etwas ernsthafter mit dem Thema Klimaschutz beschäftigt. Aber wir agieren natürlich eigenständig. Daher ist es sehr schade, dass Greta sich da selbst demontiert hat. Das ändert aber gar nichts an unserer Arbeit und schon gar nicht am Festhalten an unserem Ziel, die Welt klimafreundlich zu machen.

Wie kommt ein Doktor der Mathematik dazu, Klimaschutzaktivist zu werden?

Kurz vor Weihnachten 2018 habe ich Gretas »Mein Appell an die Welt« gehört. Diese Rede hat mich doch sehr aufgerüttelt und mein Entschluss, Aktivist zu werden, stand schnell fest. Zunächst habe ich mich mit Greenpeace beschäftigt, bin aber danach schnell zur FFF-Bewegung gegangen. Die Energie dieser jungen Menschen hat mich echt begeistert. Dabei habe ich aber gemerkt, dass wenige Erwachsene und Student*innen dabei sind. Daher habe ich im Sommer 2019 hier an der Uni und der Hochschule zusammen mit Freund*innen die »Students for Future« gegründet.

Wie kam das an?

Wir haben sehr viel Werbung für uns gemacht, sind von Hörsaal zu Hörsaal gezogen, um auf die Demos hinzuweisen. Denn uns war klar und ist es immer noch, dass sich nur etwas ändern kann, wenn wir gemeinsam auf die Straße gehen. Daher sind die Demos ja so enorm wichtig. Hierdurch erreichen wir auch Menschen, die sich der Wichtigkeit dieses Themas nicht unbedingt bewusst sind. Es braucht aber nach wie vor viel Überzeugungsarbeit, um kontinuierlich präsent zu bleiben.
 

Es gibt eben ein Risiko, wenn man sich engagiert


Als Aktivist hattest du öfter mit der Polizei zu tun. Sogar das SEK hat mit einem Hubschrauber versucht, dich an einer Aktion zu hindern. Was ist da passiert?

Konkret ging es um die bevorstehende Rodung des Forsthauses Kasten bei München, um den Kiesabbau weiter ausbauen zu können. Am 18. Mai 2021 sind je zehn Aktivist*innen aus Augsburg und München dorthin gefahren, um einen ersten Besetzungsversuch zu starten. Natürlich hatten wir die Presse im Vorfeld informiert und waren sehr schnell Tagesthema. Es folgten weitere Besetzungsversuche und Mahnwachen, zunächst noch am Boden. Das Ziel war jedoch, in den Bäumen Baumhäuser zu errichten und dort auszuharren, bis die Rodung abgesagt wird.

Im Juni 2021 hatten wir es dann endlich geschafft: Die Rodung wurde letztlich gestoppt. Inzwischen wurden auch alle Anklagepunkte gegen mich fallen gelassen.

So in der medialen Welt präsent zu sein und dazu noch mit kontroversen Themen – schadet das deiner Karriere als Mathematiker?

Natürlich werde ich oft darauf angesprochen. Die Presse hat mich ja sehr prägnant als Kopf dieser Aktion stilisiert. Aber ich erlebe die Gespräche darüber meist als Interesse an meinem Engagement als Aktivist. Tatsächlich ist es eher so, dass ich für mich deshalb entschieden habe, Mathematiker und gleichzeitig auch Aktivist zu sein. Das bedeutet, dass ich für beides viel Zeit brauche. Das hindert mich natürlich daran, im Unibetrieb die große Karriere zu machen. Doch dafür meine Ideale zu opfern, macht mich auch nicht glücklich. Daher bin ich zu 50 Prozent Mathematiker und zu 50 Prozent Aktivist und nehme ganz bewusst in Kauf, gute und spannende Angebote anderer Universitäten auf der ganzen Welt ausschlagen zu müssen. 50/50 sind eben meine 2 mal 100. Anders will ich es nicht. Es gibt eben ein Risiko, wenn man sich engagiert. Aber auch eines, wenn man sich nicht engagiert, um es mit den Worten meiner Freundin auszudrücken.
 

Wir haben noch 9,7 Millionen Tonnen CO₂


In Augsburg kennt man dich vom Klimacamp. Aber ihr habt ja noch viel mehr erreicht. 

Seit dem 1. Juli 2020 betreiben wir das Klimacamp in Augsburg. Jeden Tag. Rund um die Uhr. Wenn nicht mindestens zwei Aktivist*innen vor Ort sind, hat das Ordnungsamt die Möglichkeit, sofort zu räumen. Durch die ewigen Diskussionen darüber sind wir natürlich immer im Gespräch. Aber wir bieten auch ein monatliches Dialogformat an, an dem sich natürlich auch die Stadt Augsburg beteiligen kann und soll. Erst im Frühjahr 2023 hat Oberbürgermeisterin Weber zum ersten Mal daran teilgenommen. Dann sind wir im Nachhaltigkeitsbeirat vertreten und im Klimabeirat. Und ich habe, da komme ich wieder als Mathematiker ins Spiel, das Restmengenbudget an Kohlendioxid für die Stadt Augsburg berechnet. Wir haben noch 9,7 Millionen Tonnen CO₂, die wir bis zur Klimaneutralität verbrauchen können. Diese Zahl hat dann auch der Klimabeirat als Empfehlung übernommen.

Es gibt jeden Tag etwas zu verbessern, anzuregen und umzusetzen. Wir dürfen einfach nicht aufhören, die Finger in die Wunden zu legen. Es lohnt sich, um jeden Baum zu kämpfen, jede Entscheidung der Stadt zu hinterfragen und im Notfall dagegen zu demonstrieren. Letztlich geht es doch darum, dass wir endlich verstehen, dass wir keine Zeit mehr haben, die Realität zu leugnen, wir müssen etwas tun, und zwar sofort!

Update:

Das Interview fand genau eine Woche vor der Farbattacke der Letzten Generation auf das Verwaltungsgebäude der Universität Augsburg am 11. Dezember statt. Natürlich wollte a3kultur in diesem Zusammenhang auch die Position von Ingo Blechschmidt dazu einholen. 

Die Bewegung Letzte Generation hat eine Farbattacke auf das Verwaltungsgebäude der Uni Augsburg verübt. Wie stehst du zu dieser Aktion?

Der von der Letzten Generation ins Feld geführten Situationseinschätzungdes Bundesverfassungsgerichts, dass die Bundesregierung zu wenig zum Erhalt der Lebensgrundlagen unternimmt und so die Freiheit der zukünftigen Generationen zu sehr beschneidet, schließe ich mich natürlich an. Ich stimme auch zu, dass die Universitäten ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht werden. Für mich passt das nicht zusammen: Nur dank der universitären Forschung wissen wir ja erst über die Ursachen und Folgen der Erdaufheizung so genau Bescheid. Aber eine Art Krisenmodus fühle ich nicht, wenn ich mich auf einem Unicampus bewege. Dort herrscht Normalbetrieb wie immer. Den Mathematiker in mir freut das natürlich. Doch es werden meist nicht einmal die Computer im Computerraum über Nacht heruntergefahren. Dabei kommt den Universitäten (wie auch den Kirchen) eine wichtige gesellschaftliche Rolle zu, die sie aber in Bezug auf Klimagerechtigkeit unausgefüllt lassen.

Von manchen meiner Kolleg*innen habe ich vernommen, dass sie das neue Erscheinungsbild ästhetischer finden als das triste Verwaltungsgebäudegrau vor dem Farbprotest. Diese Einschätzung teile ich persönlich nicht. Dennoch bin ich etwas ratlos, wenn ich mich frage, was ich der Letzten Generation raten sollte. 

Vielleicht könnte bei etwaigen zukünftigen Protesten die intendierte Kritik noch präziser vermittelt werden, sodass auch der Bezug zwischen Protestform und Protestadressat noch stärker zutage tritt. Durch ihren Fokus auf die Bundespolitik weiß das die gerade im Aufbau befindliche Augsburger Ortsgruppe der Letzten Generation vielleicht nicht, aber es gibt speziell die Uni Augsburg betreffend allerlei konkrete klimapolitische Themen und Anliegen, die in den zuständigen Gremien nur zögerlich behandelt werden und denen eine öffentlichkeitswirksame Platzierung guttäte.

Zur Person:

Ingo Blechschmidt, geboren 1988, lebt seit der 4. Klasse in Augsburg. 2017 promoviert, arbeitet zurzeit an der Universität in Padua. Seit Ende 2018 Klimaschutzaktivist.

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