Literatur

Max maximal eingefangen

Martin Schmidt
22. Februar 2021

Max Klinger – die Ausstellung, die angesetzt im Gedenkjahr 2020, bis dato nicht richtig zum Zuge kam. Zum 100. Todesjahr des Leipziger Wegbereiters der Moderne hatte das Museum der bildenden Künste Leipzig (MbK) eine fulminante Einzelausstellung, »Max Klinger 2020«, für den Zeitraum 6. März bis 16. August 2020 aufgefahren. Eine thematisch verlagerte Fortsetzung sollte vom 16. Oktober 2020 bis 31. Januar 2021 in der Bundeskunsthalle Bonn folgen: »Max Klinger und das Kunstwerk der Zukunft«. Was Corona für die beiden Ausstellungen bedeutete, ist bekannt. Die Ausstellung in der Bonner Kunsthalle, einer der besucherstärksten Museen in Deutschland, wurde bis 5. April 2021 verlängert.

Für alle diejenigen, die die Ausstellung nicht – oder immer noch nicht – besuchen konnten, liegt mit dem im renommierten Hirmer-Verlag erschienenen Katalog zu beiden Ausstellungen ein prächtiges Surrogat vor. Der über 300 Seiten dicke Band in grauem Leinen mit 4c-Bildvignette trägt schlicht den Namen »Klinger«. Ein Titel, der bereits, berechtigt, andeutet, dass hier die Klinger-Forschung ein neues Standardwerk ans Licht der Welt bringt.

Der Leipziger Künstler Max Klinger (1857–1920) gilt als einer der bedeutenden Bildhauer der Jahrhundertwende, der aber auch bedeutende Gemälde schuf, ebenso als Grafiker und Medailleur arbeitete. Aufenthalte und Werksphasen in unter anderem Paris, Wien, Rom oder Brüssel konturierten ihn als eine zentrale Figur auf der europäischen Kunstbühne. Herausragende Werke von ihm sind die monumentale Beethoven-Statue, die Skulptur »Die neue Salome« und das in Rom gemalte »Die Kreuzigung Christi«.

In Grafik, Satz und Typo tritt der der opulente Band bewusst eigenwillig auf, oszilliert spielerisch zwischen Jugendstil und mutiger Post-Moderne, im Innenteil mit Papierwechsel. 299 farbige Abbildungen, meist als Text-Einklinkerungen, in den Bildstrecken aber auch ganzseitig, durchziehen den Band. Klassisch, tief und bereichernd die Beiträge: Jan Nicolaisen, Hauptkurator der Leipziger Ausstellung, widmet sich Max Klinger im Spannungsfeld der französischen Gegenwartskunst – Klinger zwischen Manet und Degas, Gérôme und Rodin. Die Klinger-Expertin Conny Dietrich trägt mehrere spannende Arbeiten bei. Zum einen zeichnet sie die Jahre des Bildhauers in Rom nach, beschäftigt sich mit Klingers Athletenfiguren im Kontext der frühen Bodybuilding-Bewegung und geht auf ein nicht realisiertes Raumkunstwerk Klingers ein: der geplanten Ausmalung des Treppenhauses im Museum der bildenden Künste (MbK) Leipzig.

Jeannette Stoschek, stellvertretende Direktorin des Leipziger MbK sowie Chefkuratorin der Graphische Sammlung, versucht eine einsichtsreiche Deutung von Max Klingers letztem Grafikzyklus »Zelt«. Entsprechend ist zentral im Band die Bildstrecke zum Grafikzyklus platziert. Marcus Andrew Hurttig lotet Max Klinger im Kontext der Wiener Secession aus und beleuchtet, verbunden mit einer Bildstrecke, auch den Themenkomplex Klinger und Paris. Nicolaisens Beitrag »Zu den späten Zeichnungen Rodins«, läutet eine Bildstrecke von Rodinschen Zeichnungen und Werken Klingers ein.

Spannend auch der flankierende Beitrag von Friederike Berger und Sithera Weeratunga. »Von Ghosts Artists und Genies«, einem Plädoyer zur Erforschung »kongenialer Künstlerpaare und -netzwerke«. Auch Max Pommers Arbeit packt die Leser*innen: Er beleuchtet das Verhältnis von Bild und Musik in Klingers praktischem als auch theoretischem Schaffen. Susanne Petri schließlich gibt eine dokumentarische Bestandsaufnahme zum Spannungsfeld Käthe Kollwitz und Max Klinger.

Die 2020er-Ausstellung in Leipzig umfasste mehr als 300 Exemplare. Im Mittelpunkt der rund 200 Exponate aus allen Schaffensbereichen Klingers präsentierenden, aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle Bonn steht die berühmte, monumentale Beethoven-Skulptur Klingers. Sie reist damit in die die Geburtsstadt des Künstlers des Komponisten, dessen Jubiläumsgedenkjahr »BTHVN2020« mit zahlreichen Veranstaltungsausfällen von den Pandemie-Auswirkungen überschattet war.

Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle ist bis 5. April 2021 angesetzt. Freilich: Es ist immer noch offen, wann die Museen wieder öffnen dürfen. Auf der Webseite der Bundeskunsthalle führt Kuratorin Agnieszka Lulińska in 15 Videoclips in das Werk Klingers ein. Außerdem: In Augmented Reality ist jeden Mittwoch (18 bis 19 Uhr) und Sonntag (10.30 bis 11.30 Uhr) das Klingerwerk »Die Kreuzigung Christi« (1888-1891) in 3D-Effekten und holografischen Bildern zu erleben. Mehr Infos hier.

Jan Nicolaisen, Hauptkurator der Klinger-Ausstellung 2020 am Museum der bildenden Künste in Leipzig und Mitautor des Ausstellungskatalogs, sprach im August 2020 mit a3kultur-Redakteur Martin Schmidt in dessen Mixcloud-Klangfeuilleton »The ear in earth« über Max Klingers Bezüge zu Lyrik, Literatur und Musik.

»Klinger«, 312 Seiten, 299 Abbildungen in Farbe, ISBN: 978-3-7774-3533-6, Hirmer Verlag 2020.

Bild: Max Klinger auf einer Photographie von Nicola Perscheid, 1915

Weitere Positionen

23. Juni 2021 - 16:06 | Marion Buk-Kluger

Das gleichnamige Broadway Musical bestimmt die Freilichtbühnen-Spielzeit in Augsburg bis zum 31. Juli …und bringt Leichtigkeit gepaart mit durchaus Kritik an einer schnelllebigen, oberflächlichen Zeit mit sich!

22. Juni 2021 - 10:15 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die »Brechtnacht« 2021 legte nach und präsentierte am Freitagabend mit der Poetry-Slammerin Tanasgol Sabbagh – begleitet von der Drummerin Steffi Sachsenmeier und dem Jazzer André Schwager an den Synthies - und der Allround-Musikerin Charlotte Brandi zwei charismatische Künstlerinnen auf der leider nur mäßig besuchten Kulturbühne im Gaswerk.

18. Juni 2021 - 13:55 | Renate Baumiller-Guggenberger

Mit einem energiegeladenen, jungen Darsteller-Quintett hat Staatstheater-Regisseur David Ortmann die berühmte romantische Verskomödie »Cyrano de Bergerac« von Edmond Rostand für lauschige Sommernächte auf dem »Kunstrasen« inszeniert und die Zuschauer »mit der Nase« auf die Bedeutsamkeit innerer menschlicher Werte gestoßen.

17. Juni 2021 - 19:00 | Martin Schmidt

Am 12. Juni war es soweit: Die Ständige Konferenz der Kulturschaffenden in Augsburg traf zusammen und diskutierte im Glaspalast rund sechs Stunden zum Thema »Kultur post Corona – Zurück an den Start oder wohin?«. Vier spannende Gesprächspanels mit Positionen, Einsichten, Kritik und Zustandsbeschreibungen. Hier die Video-Dokumentation – ebenfalls zu finden auf dem Youtube-Kanal von a3kultur!

16. Juni 2021 - 10:19 | Iacov Grinberg

Anlässlich des 300-jährigen Geburtstages von Johann Heinrich Schüle widmet das Grafische Kabinett der Kunstsammlungen und Museen Augsburg dem Kattunfabrikanten eine Ausstellung in ihren Räumen. Iacov Grinberg hat die Ausstellung für uns besucht.

14. Juni 2021 - 10:18 | Renate Baumiller-Guggenberger

In seinem bewusst mit »Plakat«(iven) - Mitteln und hohlen Phrasen operierenden Theaterstück »Wahlschlacht 2021« rückt Regisseur Sebastian Seidel im Krisen-und Wahljahr den internen Machtspielchen der fiktiven LWP-Regierungspartei(en) auf den Leib. Am Ende lässt er das Publikum über die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens als echte Alternative für die Zukunft abstimmen…

8. Juni 2021 - 14:52 | Renate Baumiller-Guggenberger

GMD Domonkos Héja erfüllte vor knapp 300 Zuhörenden, gemeinsam mit den energiereichen Augsburger Philharmonikern, auf wunderbare Weise sinfonische Publikumswünsche. Endlich durfte sich im 7. Sinfoniekonzert auch der junge Pianist Evgeny Konnov als souveräner Beethoven-Interpret präsentieren.

8. Juni 2021 - 14:32 | Anna Hahn

Das Staatstheater Augsburg lud nach langer Pause wieder zu einer Premiere in die Brechtbühne ein. Auf dem Programm stand die Stückentwicklung »Klang des Regens«. Mit Maske, Abstand und in kleiner Runde wurde gefeiert.

31. Mai 2021 - 13:14 | Bettina Kohlen

Das tim zeigt Fotografien von Nikolas Hagele, der in seinen Bildern Hybride – skulpturale Mischwesen aus Mensch und Textil – erstehen lässt.

31. Mai 2021 - 12:23 | Anna Hahn

Dem Büro für gesellschaftliche Integration der Stadt Augsburg ist es zum dritten Mal gelungen, die EU von einem Projekt zu überzeugen.