Maximal ein ganzes Leben
Franz Doblers Gedichte sind geprägt von Widerspruch und Witz, von Gefühl und Härte, vom Schmerz über den Lauf der Welt. Der neue Band »Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will« vereint 35 neue Gedichte und alles aus den ersten zwei Lyrikbänden des Autors. Das Buch schließt mit einem Gespräch des Herausgebers Manfred Rothenberger (»starfruit publications«) mit Franz Dobler, das a3kultur hier in Auszügen präsentiert.
Manfred Rothenberger: Eine ganz blöde Frage gleich zu Beginn – hilft Rauchen beim Gedichteschreiben?
Franz Dobler: Du triffst sofort voll in die Problemzone. Rauchen ist nicht gut und ich rauche viel zu viel, vor allem, wenn ich am Schreibtisch sitze. Nicht rauchen geht nur dann gut, wenn ich drei Stunden durch die Stadt gehe oder auf dem Sofa liege und fernsehe. Beim Gedichteschreiben hilft das Rauchen nicht, aber aus irgendeinem Grund rauche ich dabei immer.
Wann schreibst du am liebsten?
Das wechselt. Ich habe keinen festen Plan, nicht so wie manche Kollegen: jeden Tag von 9 bis 15 Uhr. Bei etwas Längerem, wenn es immer intensiver wird, komm ich auch mal tief in die Nacht rein, arbeite nur noch nachts.
Du hast bis heute »nur« zwei Gedichtbände veröffentlicht. Braucht es, wie es in einem Text von dir heißt, tatsächlich neun Monate, bis ein Gedicht zur Welt kommt?
Das hat eher was mit besonderer Konzentration zu tun, ich muss mich einschießen können auf dieses Format. Aber ich bin nicht der Typ, der sich vornimmt, jeden Tag oder jede Woche ein Gedicht zu schreiben. Es ist eher so wie beim Fotografieren. Ich sehe was, ich denke was, und dann schreibe ich’s auf, vielleicht nur einen einzelnen Satz, der dann ewig liegen bleibt. Weil ich gerade an was anderem arbeite. Da liegt immer ein ganzer Stapel rum mit halbfertigen Sachen. Ich schreibe oft nur so viel auf, dass ich den jeweiligen Gedanken wieder fassen und mich an diesen speziellen Moment erinnern kann. Ich schreibe auch erst mal nur mit der Hand.
Handgeschrieben bleibt es noch in der Intimität. Und wenn es mit der Maschine geschrieben ist, geht es hinaus in die Welt?
Es ist komisch – bei Prosatexten schreibe ich immer direkt in die Maschine, da brauche ich diese Maschinenschrift und den Bildschirm. Aber Gedichte schreibe ich nie direkt in die Maschine, sondern immer in Notizbücher.
Beobachtest du, was in der Gegenwartslyrik passiert?
Ja, schon, aber nicht so genau wie bei Romanen. Das interessiert mich wesentlich mehr. Bei den Leuten, die ich kenne und schätze, sind relativ wenig Gedichteschreiber dabei. Wie in vielen Dingen ist Friedrich Ani da wie ein Bruder für mich. Die deutsche Lyrik ist ja sehr akademisch geprägt. Ich glaube, ich bin einer der Wenigen, die nicht studiert haben. Das kann man auch ablesen an meiner Art der Literatur, und das zeigt sich bei Gedichten stärker als bei der Prosa. Kommt mir jedenfalls so vor. Mein erster Gedichtband »Jesse James und andere Westerngedichte« war auch eine Form von Protest.
Mit dem du dich bewusst außerhalb des Lyrikfeldes gestellt hast.
Ich habe halt gesagt, ich schreibe jetzt Westerngedichte, also Action, quasi B-Gedichte wie B-Movies. Als Erster in Deutschland. In den USA gibt es eine richtige Tradition der Westerngedichte, was ich damals aber noch nicht wusste. Da treten dann Dichter bei irgendwelchen Rodeo-Festivals auf und thematisieren das.
Diese Dichter können wahrscheinlich auch alle reiten.
Ich nicht, ich hasse Pferde, obwohl ich weiß, dass sie in der Regel sehr nett sind. Auf jeden Fall mag ich Gedichte meistens nicht, wenn sie so stark akademisch geprägt sind. Als dürfte und könnte man nur schreiben, wenn man studiert hat oder auf einer Schreibschule war. Lyrik ist oft total verstellt, sodass man wahnsinnig aufpassen muss, was meinen die eigentlich mit dem, was sie da schreiben. Man hat den Eindruck, alles ist dreifach kodiert, und wenn da steht: »Es waren schwarze Wolken am Himmel«, dann bedeutet das etwas ganz anderes, etwa Unheil – das Geschriebene ist also nur eine Metapher. Wenn bei mir steht: »Es waren schwarze Wolken am Himmel«, dann ist damit auch genau das gemeint, was da steht. Im Titelgedicht von »Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will« mache ich mich über genau diese Wolken lustig.
Du spielst also im Gedicht mit offenen Karten?
Ja, das liegt meistens alles ganz offen da und unverstellt.
Ich mache für mich gerne einen Unterschied zwischen Lyrik und Dichtung. Lyrik und Lyriker*innen gibt’s wie Sand am Meer, entsprechend häufig knirscht es ziemlich auf dem Papier und im Gehirn. Richtig gute Dichtung hingegen ist rar, aber die fährt direkt ins Herz und lässt die Synapsen tanzen. Wir erleben in den letzten Jahren ja eine gewisse Blüte der Lyrik, und ich bin auch tief beeindruckt von der Virtuosität und Komplexität dieses häufig bis in astronomische Höhen der Abstraktion getriebenen Umgangs mit Sprache. Ich sehe die hohe Kunst und die große Anstrengung, aber ich spüre nichts. Vielleicht bin ich ja zu doof, etwas zu spüren? Aber vielleicht ist diese Art von virtuosem und sprachreflexivem Schreiben auch abgekoppelt von jeder gemeinsamen Erfahrung und Lebensader? Deine Gedichte sind das komplette Gegenteil. Sie plustern sich nicht auf, sind sehr einfach und haben fast etwas Ärmliches. Man spürt dich in jedem Wort und in jeder Zeile, du verbirgst dich nicht, sondern legst dein Denken und Fühlen offen.
Ich glaube, meine Gedichte hatten von Anfang an viel mit Musik zu tun. Die Musik war das Netz, das mich gehalten hat. Ein einfaches Netz. Ein ärmliches Netz. »Ärmlich« ist ein Ausdruck, der mir sehr gut gefällt. Obwohl er missverständlich ist. »Ärmlich« ist für viele Leute wahrscheinlich »platt« oder »dumm«, für mich gar nicht. Meine Gedichte sind keine Songs, aber sie sind beeinflusst von so »ärmlichen« Sachen wie Bluestexten, die ja sehr einfach funktionieren, immer heart to heart. Gedichte sind für mich auch deshalb so wichtig, weil sie wie die Musik sofort eine Verbindung zu anderen Menschen herstellen, eine viel unmittelbarere und lebendigere Verbindung als etwa bei einem Roman. An einem Roman sitze ich ein Jahr, und je länger ich an einem Text sitze, desto einsamer werde ich – und am Ende ist es ein Brocken, der in gewisser Weise auch einsam konsumiert werden muss. Ich find’s auch immer schwierig, für Lesungen aus einem Roman ein paar Teile herauszulösen. Meine Gedichte aber bringen mich oft mit Musikern zusammen, sind Auslöser für gemeinsame Auftritte, führen direkt zum Publikum.
Das gibt Gedichten eine andere Dimension – oder vielleicht sogar: Wirkkraft.
Und mir auch. Manchmal arbeite ich Gedichte für Auftritte noch mal um, vereinfache sie und bringe ein bisschen Songstruktur rein. Ich war richtig stolz, als Danny Dziuk – einer der tollsten Songwriter, den ich kenne – mit seiner Band mein Gedicht »Der mit der Gitarre« vertonte. Ich hatte das Gedicht schon vorher immer sehr musikartig vorgelesen, so John-Lee-Hooker-mäßig: immer wumm-wumm-wumm mit dem Fuß dazu den Takt gestampft. Aber Danny hat es mit seiner Band dann noch mal ganz anders und viel besser hingebracht. Das war die größte Auszeichnung, die ich für eines meiner Gedichte jemals gekriegt habe. Seit einigen Jahren spiele ich immer mal wieder ein Konzert mit der Band Das Hobos, und kürzlich haben wir mein Nico-Gedicht »Verhängnisvolle Frau« auf Vinyl rausgebracht, animiert von deiner Nico-Ausstellung und dem Nico-Buch.
Wumm-wumm-wumm – da muss ich komischerweise an Jan Wagner und sein oft zitiertes Giersch-Gedicht denken. Was wohl herauskäme, wenn man das vertonen würde? So eine Art Hintergrundmusik für die Gartenabteilung eines Baumarktes?
Hahaha, oder ein tranceartiger Schlümpfe-Techno.
Das ist jetzt etwas fies von uns …
… aber genau das richtige Thema, darüber habe ich mich schon öfter lustig gemacht. Diese neue große Mode, diese ganzen Natur- und Tiergedichte, da sage ich: Fuck, das ist jetzt aber nicht euer Ernst! Natürlich sind die Naturgedichte auch wieder kodiert, da steht dann was über eine Pflanze, die nur im Schatten wächst und blablabla. Natürlich als Symbol für irgendeine Entwicklung in unserer Gesellschaft. Aber diese Art von Codes, oh je … so möchte ich das nicht machen, so möchte ich nicht schreiben.
»Ein Intellektueller drückt etwas Einfaches kompliziert aus. Ein Künstler drückt etwas Kompliziertes einfach aus.« Charles Bukowski hat die Dinge manchmal recht gut auf den Punkt gebracht.
Der musste sich ja auch verteidigen als Nichtintellektueller, als einer, der bei der Post gearbeitet hat.
Seine sehr direkte und etwas rüde Art, sich der Welt zu nähern, hat ja ihre Griffigkeit, Giftigkeit und ihren rauen Charme bis heute nicht verloren, aber nicht so richtig durchgewirkt in die deutsche Gegenwartslyrik. Da dominiert häufig sanfte Selbsterforschung unter hoch aufragenden Metapherntürmen.
Das ist tatsächlich und leider weit verbreitet, alle fangen ja beim Schreiben mit Gedichten an. Weil das in der Regel relativ schnell geht, dass man da ein Ergebnis hat. Aber das ist schon das erste Missverständnis. Es geht doch nicht um ein schnelles Ergebnis, um Geschwindigkeit – Poesie ist doch kein Autorennen! Und das zweite Missverständnis ist, dass viele Gedichte immer sofort diesen hohen lyrischen Ton haben. Das funktioniert anscheinend bei einer bestimmten Klientel. Ich weiß nicht mehr, wer das mal gesagt hat in Bezug auf Dichtung: Jeden Tag einen Celan zu schreiben kommt einem ganz einfach vor, aber wenn du versuchst, jeden Tag einen Brecht zu schreiben, merkst du plötzlich, wie schwierig das ist.
Weil du klare Position beziehen musst?
Das ist ja keine Wertung von Celan und Brecht, ich schätze beide, aber scheinbar ist es einfacher, diese Art lyrische Bilder zu bauen, als zum Beispiel zu sagen, was gerade politisch in der BRD los ist. Schreib das mal in einem Gedicht. Na dann viel Spaß. Da merkst du erst, wie schwierig das ist.
Ist Angela Merkel gedichtfähig?
Genau – was sagst du da möglichst prägnant in zehn Zeilen? Die Absturzkante ist viel näher, wenn ich mich in einem Gedicht mit Angela Merkel befasse, als wenn ich über die Vielfalt der Wolken schreibe.
Brecht hat beides gekonnt.
Das politische Gedicht und die Liebesgedichte. Eines der tollsten Erlebnisse bei der Adaption von Brecht durch die städtische Tourismuszentrale in seiner Geburtsstadt Augsburg war das Festival zu seinem 100. Geburtstag, da hat nämlich der damalige bayerische Ministerpräsident Stoiber die Festrede gehalten.
Das ist nun tatsächlich etwas überraschend.
Man könnte sagen, das ist per se eine Unverschämtheit – aber okay, eigentlich war es großartig. Stoiber hat gesagt, dass er ein großer Fan von Brecht sei, aber natürlich vom jungen Brecht, der diese wilden Theaterstücke geschrieben hat und diese schönen Liebesgedichte. Aber das ist eben der einfachste Ausweg für alle, die, sagen wir mal, rechts von der Mitte sind und nicht hören wollen, dass dieser weltberühmte Sohn der Stadt ein Kommunist war … Aber diese Direktheit, auch in den Liebesgedichten, das ist ja die Voraussetzung für alles. Was will ich jemandem sagen und wie sage ich es ihm? Da braucht es auch etwas Action und Spaß, damit die Botschaft ankommt. Wie bei den Songs, die Brecht mit Kurt Weill geschrieben hat …
Wie nahe sind sich Gedichteschreiben und Musikmachen? Du arbeitest ja auch als DJ, ist das bei Gedichten und Songs ähnlich, dass man sich da von Gefühl zu Gefühl hangelt, oder sind das zwei ganz verschiedene Baustellen?
Wenn’s darum geht, Gefühle zusammenzubauen, dann hat das schon eine Ähnlichkeit, ist aber auch sehr weit voneinander entfernt. Gefühle vermitteln sich in der Musik doch viel direkter, deswegen ist Musik für mich auch die schönste Kunstform.
Politik und Religion im Gedicht, das geht selten gut. Aber du hast da keine Berührungsängste.
Ich schaue einfach auf die Dinge, die direkt vor meiner Nase sind. Wir sind ja die ganze Zeit von Diskussionen umgeben, die mit Religion und mit Politik zu tun haben. Und in den letzten Jahren hat sich das intensiviert. Viel mehr Leute reden darüber, was gerade passiert. Gezwungenermaßen. Und diese Dinge behandle ich auch.
Literatur also nicht als mentale Parallelwelt, sondern als ein Instrument der Einmischung.
Absolut. Für mich geht es nur so. Man kann da nichts aussparen oder aussperren.
Was kann ein gutes Gedicht im besten Fall ins Rollen bringen?
So ziemlich alles. Sagen wir mal, minimal macht es einen glücklich für einen ganzen Tag, maximal für ein ganzes Leben. Mich freut es auch immer, wenn ich gute Sachen von anderen lese. Ich kenne Leute, die ertragen das nicht, dass andere auch gut sind oder vielleicht sogar noch besser. Aber mich freut das, wenn ich was Gutes lese, vielleicht sogar von jemandem, den ich überhaupt nicht kenne. Das hat etwas sehr Aufbauendes.
Franz Dobler: Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will (Gedichte 1991–2020)
Erschienen bei starfruit publications, mit Fotografien von Juliane Liebert, Herausgeber: Manfred Rothenberger, Gestaltung: Timo Reger, 284 Seiten, Hardcover, 25 Euro
www.franzdobler.de
www.starfruit-publications.de
Foto oben: Schnelle Shots aus der urbanen Prärie – Juliane Lieberts Fotografien spielen die Begleitmusik zu Doblers Gedichten.