Politik & Gesellschaft

Maximilianstraßendesaster

Jürgen Kannler
27. Juli 2021

Eine Innenstadt ohne Kulturorte ist verloren. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Die Maximilianstraße im Herzen unserer kleinen Fuggerstadt  wird von manchen Lokalfolklorist*innen gerne als Prachtmeile besungen. Die Wahrheit ist, dass solche Begriffe wohl schon immer wehrlos ihren Benutzer*innen ausgesetzt waren.

Die Maximilianstraße war in ihrer Geschichte immer wieder Aufmarschzone für jede Art von Hirnverrenkten. Natürlich nicht nur, aber eben auch. Dieses Schicksal trägt sie mehr oder weniger tapfer mit allen Straßen dieser Welt, die breit genug angelegt und zentral genug gelegen sind, um Aufmerksamkeit zu bündeln.

Die räumliche Verbindung zum Rathaus sorgte dabei zuweilen für die ganz besonderen Geschichten. Da gab es zum Beispiel diesen lokalen Spitzenpolitiker, der – wohl in angetrunkenem Zustand – an der Maximilianstraße Wahlplakate seiner politischen Gegner in Brand steckte. Es kam zur Anzeige.

Ein Kollege von ihm trieb es dem Vernehmen nach noch bunter. Er umrundete im Mittelklasse-Pkw den Herkulesbrunnen volltrunken so lange, bis ihn eine Polizeistreife stoppte. Nach dem Öffnen der Fahrertür purzelte den verblüfften Beamten ihr eigener Chef, damals Ordnungsreferent, entgegen.

In einer weiteren dieser unglaublichen Geschichten rottete sich ein Mob vor dem Rathaus zusammen. Mehrere Hundert Augsburger*innen sollen es gewesen sein, vorwiegend mittlere und ältere Jahrgänge, die Professor Markus Lüpertz beim Verlassen des Prachtbaus von Elias Holl abpassten und den Künstler dabei so sehr in Bedrängnis brachten, dass er sich mit seinem Spazierstock zur Wehr setzte. Es gab Verletzte. Der von der Heimatzeitung initiierte Bau eines neuen Prachtbrunnens in der Maximilianstraße, gekrönt von der »Aphrodite« aus der Werkstatt des Meisters, brachte diese Volksseelen zum Kochen. Heute steht die Göttin vor der Verlagszentrale an der Autobahn und ihre Kollegin »Die Philosophin« vor dem Kanzleramt in Berlin.

Im selben Jahr wie der Aphrodite wurde auch dem Festival für Jugendkultur X-Large und dem Filmpalast in der Maximilianstraße der Garaus gemacht. Es ist erst zwanzig Jahre her, da gab es hier vier Kinos in unmittelbarer Nachbarschaft. Mindestens fünf Kulturorte präsentierten regelmäßig Livemusik von Kammer bis House und die Innenstadt hatte Platz für 400.000 friedlich feiernde Jugendliche. Stress zu machen war Sache betrunkener Politiker und des kulturfaschistischen Mobs.

In nur zwei Jahrzehnten verkam die Maximilianstraße zur legalen Saufmeile und illegalen Rennstrecke. Die Politiker*innen wissen dem bis heute – außer ewig gleichen Lippenbekenntnissen –nichts entgegenzusetzen. Vor wenigen Wochen verhalfen Zusammenstöße zwischen vorwiegend unzurechnungsfähigen Fußballfans mit Coronapsychose und der Polizei dem Straßenzug zu neuen Schlagzeilen. Scharfmacher der lokalen Presse riefen Randalenächte aus, während die Kolleg*innen in München, die über vergleichbare Vorkommnissen in ihrer Stadt zu berichten hatten, von Kulturkampf schrieben.

Die Maximilianstraße geht mit politischem Segen in einem schon Jahrzehnte andauernden Prozess vor die Hunde. Und die Menschen dieser schönen Stadt lassen sich das gefallen. Denn sie wissen nicht: Eine Innenstadt ohne Kulturorte ist verloren. Sie verdient unser aller Fürsorge.


Foto oben: »Fürsorge« – auch das Thema des diesjährigen Kulturprogramms zum Hohen Friedensfest, hier bei einem Konzert im tim.

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