Mens sana in corpore sano
Politische Bildung und so: Die Location »Brechts Kraftklub« versucht, alles zusammenzubringen: Jung und Alt, Hoch- und Subkultur. Teilweise klappt’s.
Bei einem Festival um einen so facettenreichen und in den letzten Jahren zur Popikone aufgestiegenen Literaten wie Bertolt Brecht ein stimmiges Konzept zu erstellen, ist kein leichtes Unterfangen. Schon frühere Ausgaben des Brechtfestivals taten sich schwer, einen zentralen Ort zu schaffen, an dem sich alle treffen können, die meinen, im Schaffen des Dramatikers etwas für sich und ihre Sache herausholen zu können.
Die Neuerung in diesem Jahr, dem zweiten unter der Intendanz von Julian Warner, ist »Brechts Kraftklub« als inoffizielle Festivalzentrale und Anlaufpunkt für alle, die den Crémant als Wegbegleiter erst noch für sich entdecken müssen.
Im leerstehenden Erdgeschoss des ehemaligen Möbelhauses an der Langenmantelstraße (Foto oben), gegenüber dem Plärrergelände – wunderbar unkompliziert erreichbar mit den Straßenbahnlinien 2 und 4 – tut sich in diesen Tagen einiges, und das hat oft wenig miteinander zu tun.
Furios und ratzeputz ausverkauft gleich der erste Abend: die Clubnacht »Touchdown to Paradise«, u.a. mit 8bit-Elektro-Urgestein Sputnik Booster, dessen mit Pappkarton und Alufolie zurechtgestylte, humanoide Roboterschwadron namens (also doch) »Future Posers« einen Veitstanz zwischen 1980er-Atari-Nostalgie und arte povera buchstäblich zum Anfassen vollführt.
Am Sonntag dann – die Scherben auf den Stufen künden noch vom nächtlichen Ringelpiez – die Fortführung des Physischen im Zeichen des BB, mit Boxtraining und Rollerdisko. Wie hier die Kurve zum Literaten Brecht kriegen?
Zumindest vom Boxkampf ist bekannt, dass Brecht als junger Erwachsener wie viele seines Alters im mondänen und auch schon von US-amerikanischen Einflüssen geprägten Jahrzehnt der 1920er-Jahre dieses Spektakel schätzte. Beim auch schon nicht mehr ganz jungen und ebenfalls nicht allzu zimperlichen Sport namens Roller Derby, dessen lokale Vertreter*innen Fabulous Augsburg Rolling Thunder (hihi: F.A.R.T!) in den letzten Jahren an Popularität deutlich zugelegt haben, die Rollerdisko am Nachmittag ausrichteten, wird es schon schwieriger, den Bezug zum Schöpfer des epischen Theaters herzustellen. Einigen wir uns auf: Wo eine »Seeräuber-Jenny« noch in Versen auf Rache sinnt, langt eine »Prügel-Paula« oder »Abrissdirne« schon mal ohne viele Worte hin. Prügel und Poesie, auf diesem Festival liegen sie dicht beieinander.
Auch die Kunst soll das interdisziplinäre Festival wieder bereichern. Die Ausstellung »Mit Brechts Blick durch Augsburg« mit Schüler*innenarbeiten fristet indes ein etwas verlorenes Dasein an der Stirnseite der beeindruckend weitläufigen Halle des Kraftklubs. Budgetfragen hin oder her, aber Jugendliche, die mit derselben Ernsthaftigkeit an das Schaffen Brechts herangehen wie die Erwachsenen, sollten auch ebenso stilvoll und ansprechend präsentiert werden. Diese an den schwarzen Molton gepinnte Zettelwirtschaft ist keine ästhetische Würdigung der ersten literarischen Gehversuche von Mittel- und anderen Schüler*innen. Da wäre sicher mehr möglich gewesen. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht.
Da nehmen die Jungen zuweilen das Zepter lieber selbst in die Hand: Um Punkt 18 Uhr ertönt der Gongschlag, dann haut die junge, wütende Generation auf die Pauke, in der stayfm-Radioshow. Da wird dann gnadenlos losgerantet, gegen die CSU, gegen den »verf*ckten Kapitalismus« (unterbrochen von Fake-Werbung, Ordnung muss sein!) und, ja auch gegen den etablierten Kunstbetrieb, zu dem sich auch ein Street-Art-Künstler wie Banksy inzwischen zählen lassen muss. Moderator Fred und seine Gäste, die jungen Antifas Levy und Emily, hauen unbekümmert – vielleicht ein bisschen zu unbekümmert – ihre politische Sicht der Welt in dieselbe hinaus, getreu dem Winston Churchill zugeschriebenen Motto »Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz« ( ... und wer mit 40 immer noch einer ist, kein Hirn – so der zweite Teil des Zitats – Anm. mls).
Manisch-bissige Soundcollagen unterstreichen diese Leidenschaft eines Lebensalters, das vor allem lieben oder hassen will. Dazu wummern die Beats. Genug »Baal« für Sie, Herr Brecht?
Politik, Sport, Literatur, Film und Party
In diesem Feuerwerk der Subversion gehen zwangsäufig auch Zwischentöne unter, vor allem in einer so großen Halle, in der so viel gleichzeitig passiert, so z.B. auch die Präsentation einer kleinen Auswahl von Filmen. Während man sich mittels VR-Brille und Kopfhörer noch in Lynette Wallworths nachdenkliche »Collisions« (AUS, 2016) zwischen australischen Aborigines und dem zerstörerischen Fortschritt des Westens zurückziehen kann (mit Musik von Nick Cave und Max Richter!), wird der auf Leinwand gezeigte Film »Negus« über den Rastafari-Messias Haile Selassie gnadenlos von den aus den stayfm-Boxen scheppernden Sex Pistols mit ihrem Frontmann Johnny Rotten und deren in diesem Fall sinnstiftender Parole »No Future!« überschrien. Einige Vorhänge weiter wartet geduldig die Diskussionsrunde um die russische Theatermacherin Elena Kovalskaia und Veronika Maurer das Ende des Krawalls ab, um mit einem gesitteten Gespräch über Theater und Widerstand zu beginnen.
Punks und Rastas, junge Heißsporne und olle Sozen, Politik und Lebenslust, Sport, Literatur, Film und Party unter einem Dach – willkommen in der postmodernen Welt der Gleichzeitigkeit! Und der »Kraftklub« bringt sie auch tatsächlich alle zusammen, in durchaus nicht unfröhlicher Atmosphäre.
Manches läuft noch nicht so ganz rund, z.B. die Vermittlung von Brechts Literatur im Kontext der gebotenen Attraktionen. Auch nicht die Gastro, die in dieser antikapitalistisch aufgeladenen Atmosphäre ihren Schnitt machen will. Und auch nicht der Spagat zwischen offenem Treff und durchorganisierter Eventlocation. Aber als Herz(ens)stück des Festivals kann diese von außen graue und von innen bunte Muckibude mit großzügiger Eingangsterrasse sich sehen lassen. Wenn nach dem 3. März in dieser Ecke der Stadt wieder nur mehr der gegenüberliegende Plärrer für Entertainment in dieser Umgebung sorgen wird, wird man diesen zehn Tage währenden Experimentierort vermissen. Und sich für 2025 wieder etwas Vergleichbares wünschen.
»Brechts Kraftklub« ist noch bis einschließlich Sonntag, 3. März täglich zwischen 17 und 22 Uhr geöffnet. Bei der Brechtnacht am Freitag, 1. März werden ab ca. 20 Uhr diverse Postpunk-Acts auftreten. (u.a. KALTE HAND, GÜNER KÜNIER, DAS FORMAT), und zum Abschluss am Sonntag, 3. März stellt Festivalleiter Julian Warner noch einmal seine persönliche Playlist vor).
Der Preis für ein Tagesticket beträgt in der Regel 5 Euro (außer Sonderveranstaltungen).
Das ganze Programm im Kraftklub unter