Die Methode Warner
Das Brechtfestival 2025 ist Julians Warners letzte Nummer in Augsburg.
Seit drei Jahren gibt Julian Warner den Vortänzer zum Thema Brecht in Augsburg. Mitte Dezember präsentierte der Künstler, Wissenschaftler und Verführer das Programm seiner dritten und letzten Festivals zu Ehren des größten Sohnes unserer Stadt.
Die Pressekonferenz fand in den behaglich geheizten Räumen des Cafés Tür an Tür statt, in Sichtweite des erneuten Festivalzentrums am nahen Plärrergelände. Wobei Konferenz ein denkbar falscher Begriff ist für das, was dort geboten wurde. Es fühlte sich eher an wie ein Julian-Warner-Fanclubtreffen. So darf dieser halbe Vormittag getrost als erste Veranstaltung des Programms zum Brechtfestival 2025 verstanden werden.
Zum Programm: »Brechtfestival ohne Brecht«, so kolportierte Warner die Kritik der vergangenen Jahre in Zwiesprache mit Brecht himself. In dem Fall einer Handpuppe, charmant geführt und klug gesprochen von Florian Loycke von der Gruppe Das Helmi. 2025 ist das natürlich gar nicht so.
Julian Warner kann Spektakel, und in diesem Fall steht Brecht drauf.
André Bücker zeigt die Courage und Mahagonny und inszeniert zum Festival »Eine Übung in digitalem Dämonenfaschismus« von Dietmar Dath. Ein Drittel der Programmpunkte beim nächsten Brechtfestival dürfte dem Genre Theater zugeordnet werden können.
Außerdem wird eine »Insektinnen-Parade« versprochen, eine Lesung deutsch-chinesischer Science-Fiction, eine Wiederaufnahme der Wrestling-Show von 2023 und eine wie immer vorzüglich von Girisha Fernando kuratierte Lange Brechtnacht, unter anderem mit Blue Bendy aus London, den Sternen aus Hamburg, Josy aus Augsburg und dem Fire! Orchestra aus überallher.
Und es wird viel getanzt. Das passt, geht das Festival doch tatsächlich fließend in die Hochphase des Faschings über – einem ebenso depressiv stimmenden wie unabwendbaren Fixpunkt im lokalen Terminkalender. Seit Tagen schon wird für einen 48-Stunden-Tanzmarathon geworben, wie er in der großen US-Depression zwischen den 1920er- und 1930er-Jahren populär war. Der Spiegel schrieb dazu: »Aus absurden Spaßwettbewerben entwickelte sich eine umsatzstarke Industrie, die in der Weltwirtschaftskrise Hungrige, Verzweifelte und unseriöse Veranstalter anlockte – aus Romantik wurde Folter.«
Folter findet in Augsburg in der Justizvollzugsanstalt statt und nicht bei einem Tanzmarathon für Selbsterfahrungssuchende. Als Preisgeld winken 5.000 Piepen. Ein verlockender Betrag. Nicht zuletzt für Akteur*innen aus allen möglichen, bald totgesparten Bereichen der freien deutschen Kulturszenen. Die Mittelakquise der Preisgelder übernahm übrigens eine verdiente Veteranin der guten Laune und des festlichen Auftritts in unserer kleinen Fuggerstadt. Über Jahre hinweg war Ursula Baier Pickartz die Grande Dame des Opernballs, im damals noch brauchbaren Stadttheater. Der Grund für ihren plötzlichen Wechsel in die graue Welt kommunaler Amtsstuben gibt noch heute Rätsel auf.
Ende November wurde bekannt, dass 2026 bis 2028 Sahar Rahimi und Mark Schröppel das Festival kuratieren werden. Was wünschen wir uns vom Brechtfestival der Zukunft? Dass mehr Brecht drin ist? Vielleicht, muss aber nicht unbedingt sein.
Eine Brechtstadt sollte das ganze Jahr über einen ausreichend gestalteten Rahmen für seinen größten Sohn bieten.
B-Stadt wird man nicht qua Geburt. Diesen Ehrentitel muss man sich Jahr auf Jahr erarbeiten. Davon ist Augsburg trotz Brechtpreis, Brechthaus, Brechtbühne und Brechtbüro noch immer meilenweit entfernt. Vielleicht sollten die Themen unserer Zeit ein stärkeres Echo im Programm finden. Bei der Methode Warner scheint kaum Platz dafür zu sein. Hat er den Mut zu diesen Debatten verloren? Dabei beherrschen gerade diese fehlenden Formate das Feld wie der sprichwörtliche rosa Elefant den Raum. Und was für ein Spektakel ließe sich damit inszenieren! Da möchte man gar nicht dran denken.