Migrieren statt Spazieren
Mit der Wahl der »Flüchtlingsgespräche« für einen szenisch begleiteten Audiowalk hat das Theaterensemble Bluespots Productions Weitblick bewiesen.
Petrus hatte ein Einsehen mit den Teilnehmer*innen des Outdoor-Beitrags von Bluespots Productions zum diesjährigen, sturmumtosten Brechtfestival. An bloßen Sympathien des Himmels für den Religionsverweigerer Bertolt Brecht könnte das unter Umständen weniger gelegen haben, aber vielleicht an den seit dieser Woche wieder brandaktuellen Themen Krieg und Flucht, die leider beide gerade mehr als nur Inhalte eines Theaterstücks sind, vielmehr grausame Realität, diesmal in unangenehm greifbarer Nähe, mitten in Europa.
»Live. In a Limbo« heißt das diesjährige Experiment der Theater- und Performancetruppe, die schon mit ihrer »Brecht- Geisterbahn« 2013 bewiesen hat, dass sie Garantin für besonders kreative Herangehensweisen an die Brechtschen Inhalte ist.
Diesmal nutzt sie die Möglichkeiten der modernen, portablen Technik und führt ihr Publikum an verschiedene Orte, um – ganz im Sinne ihres Wahlspruchs »Die ganze Stadt ist unsere Bühne« – vor wechselnden Hintergründen und Gebäuden als Pop-up-Bühnen die Worte Brechts, angereichert mit eigenen Dialogen, als Zwei-Personen-Stück vortragen zu lassen.
Bezeichnenderweise am Grand Hotel Cosmopolis im Domviertel beginnend setzt sich der mit Kopfhörern ausgestattete Zug (oder Treck?) in Bewegung, mit unbekanntem Ziel. Der Zuschauer wird selbst zum Migranten im urbanen Raum. Die ca. 30 – vorwiegend jungen – Zuschauer*innen folgen stumm, Ambientklängen lauschend dem vorweg wandernden Licht und kommen am Stadtbach, am SLEPS, dem Alten Hauptkrankenhaus in der Henisiusstraße und bei der Kahnfahrt immer wieder zum Stehen, um die Gespräche des Intellektuellen Ziffel und des Arbeiters Kalle, verkörpert durch die Schauspielerin Anja Neukamm und Schauspieler Martin Schülke, im Licht des mitgeführten Baustrahlers mitzuverfolgen.
Die letzte Szene spielt am Wasser. Die Schauspieler, obwohl noch als Stimme im Ohr präsent, sind nur noch ferne Schatten. Auch sie werden schließlich eins mit der Dunkelheit. Das Stück ist aus, die Stimmen im Kopf werden wieder durch die abendliche Stadtgeräuschkulisse ersetzt, die Sterne leuchten, und jeder kennt seinen Weg nach Hause.
Fotos: Manuel Schedl