Ausstellungen & Kunstprojekte

Mischwesen aus Mensch und Mode

Bettina Kohlen
31. Mai 2021

 

Das tim zeigt Fotografien von Nikolas Hagele, der in seinen Bildern Hybride – skulpturale Mischwesen aus Mensch und Textil – erstehen lässt.

Modefotografie im tim – das scheint folgerichtig, doch der Schein des ersten Blickes trügt, denn die Arbeiten von Nikolas Hagele gehören keineswegs eindeutig in dieses Genre. Der in Berlin und Augsburg arbeitende Hagele nähert sich in seinen Arbeiten bewusst der Bildsprache angesagter Modemagazine und erzeugt damit betörende Bilder. Sein Konzept lenkt den Blick der Betrachter*in zunächst auf die das jeweilige Foto dominierenden Kleider, da die darin steckenden Körper nur ausschnittweise zu sehen sind – der Weg der Erkenntnis führt hier über die textile Oberfläche durch einen Zwischenraum zu einem verborgenen Darunter und Dahinter.

Für die Ausstellung »Hybrids«, die im Foyer des Museums und an den Wänden des Restaurants inszeniert wurde, hat Hagele mit Tänzern zusammengearbeitet, die in einer während des Shootings unwillkürlich entstehenden Choreografie sich in immer neuen Figuren zusammenfinden und so zu hybriden Skulpturen aus Textil und Mensch werden. Der Fotograf steckte seine Akteure jedoch nicht in High Fashion, sondern in Second-Hand-Kleidung wie karierte Sakkos, Anzughosen oder bunte Skianzüge. Damit schrammt er haarscharf, aber präzise an aktuellem Großstadtchic vorbei, doch die Kleider und Stoffe werden nicht schlicht angezogen, sondern umgestülpt, schief geknöpft, übereinander geschichtet und auch von mehr als einem Menschen zugleich getragen, wodurch unklare Binnenräume entstehen und die Abgrenzung zwischen Individuum und Textilem wie auch von Individuen untereinander unscharf wird. Auf diese Weise entwickeln sich allmählich performative Skulpturen als irritierende poetische Mischwesen – Hybride.

 

Hageles Farbfotografien lassen sich als Stills eines performativen Aktes lesen, erweisen sich aber ebenso als in sich ruhende Kompositionen, die durchaus mit kunsthistorisch fixierten Mustern, wie beispielsweise der Pietà, spielen (Abbildung oben). Sie greifen einen Moment des Bewegungsablaufes der sowohl miteinander als auch mit den Textilien agierenden Tänzer heraus, so dass dieser eine Augenblick im Abbilden einer Pose eine neue Bedeutung erfährt. Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Kleidung in der Bewegung als Ausdruck innerer Zustände zeigt ein die Ausstellung begleitendes Video (über die Website des tim abrufbar), ein eigenständiges filmisches Kunstwerk, das aber auch den Entstehungsprozess der Fotografien erhellt.

Hageles Fotografien lassen sich in verschiedenen Bedeutungsebenen erfahren, so verweist die Verwendung der Second-Hand-Kleider auf die dürftige Nachhaltigkeit des Modesystems. Zentrales Thema ist jedoch die Frage nach dem Wesen der Identität des Einzelnen – in der bildlichen Dekonstruktion, Schichtung und Durchdringung generieren sich zugleich neue und andere Identitäten. Hagele komponiert zusammen mit seinen Akteuren Bilder von hohem Reiz, hinter deren stiller Schönheit der Oberfläche immer eine gewisse Traurigkeit und Sehnsucht aufschimmert.

Zur Ausstellung erscheint ein gut gemachter Katalog, der der Spiel mit der Modemagazin-Ästhetik weitertreibt und neben einer Vielzahl von Fotografien auch mit klugen Texten punktet.

Hybrids – Fotografien von Nikolas Hagele | Di bis So 9 bis 18 Uhr | Katalog: Barbara Kolb / Karl Borromäus Murr (Hg.): Hybrids – Fotografien von Nikolas Hagele, Augsburg 2021

www.timbayern.de

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