Politik & Gesellschaft
Theater & Bühne

Motor oder Bremser

a3kultur-Redaktion

Der Stiftungsrat verlängert den Vertrag mit André Bücker. Kontinuität beim umstrittenen Theaterneubau scheint gesichert. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

André Bückers Werdegang in unserer kleinen Fuggerstadt ist stürmisch. Zuweilen ist Land in Sicht. Eineinhalb Jahre nach der vorläufigen Vertragsbestätigung konnten sich die Verhand-lungspartner*innen Ende November endlich auf eine neue Laufzeit für den Staatstheaterintendanten einigen. Er soll bis mindestens 2028 in Augsburg bleiben. Damit hat Bücker vielleicht eine reelle Chance, die Eröffnung des neuen Hauses am Kennedyplatz im Amt mitzuerleben. Um dieser Problembaustelle, deren Planungschaos bisher alle avisierten Termin- und Budgetgrenzen sprengte, stoisch weiter voranzutreiben, ist Bücker der richtige Mann. Er steht zu den damit verbundenen Fehlentscheidungen der Politik. Diese sind oft mehr als fragwürdig und immer teuer. Zu teuer für eine Stadt wie Augsburg.

Um den Theaterneubau durchzupeitschen, werden nahezu alle anderen, drängenden Aufgaben der Stadt im Kontext kulturelle Entwick­lung für nicht absehbare Zeit aufs Abstellgleis gestellt. OB Weber nennt diese Situation einen Stachel im Fleisch der Stadt. In Nibelungentreue, um dieses Bild zu bemühen, steht André Bücker trotz allem zum Umbauprojekt und wurde nun dafür belohnt. Er, der so gerne der kulturelle Motor der Region sein möchte, gehört mit dem Skandalbau am Kennedyplatz in Wahrheit zu den Bremsern.

Wie aber sieht die Bilanz des Intendanten als künstlerischer Leiter aus?       
Eine Vertragsverlängerung dieser Dimension ist für einen Augsburger Intendanten ein Novum. Allerdings hat die Stadt ja gar kein eigenes Theater mehr. Das Unglück begann, noch bevor Bücker mit der Spielzeit 2017/18 die Leitung beim Theater Augsburg übernehmen konnte. Im Sommer 2016 schloss die Stadt das Haus am Kennedyplatz. Es war längst zur Zumutung für die mutiert, die darin arbeiten mussten, und wurde zunehmend zur Gefahr für alle, die sich darin aufhielten. Über Jahrzehnte hatten Politik, Verwaltung und mehrere Intendant*innen-Generationen den Theaterbau am Kennedyplatz verkommen lassen. Der Freilichtbühne droht in absehbarer Zeit ein ähnliches Schicksal. Mit der Schließung startete der von Beginn an umstrittene Umbau, der sich in den Folgejahren zum Skandal auswachsen sollte.

Statt auf der Bühne fand sich der junge Intendant auf Baustellen wieder. Die Organisation zweier über Nacht notwendig gewordener Ersatzspielstätten gelang ihm jedoch ausgezeichnet. Seine ersten Spielzeiten zeugten von Optimismus, Mut und dem auch einem Künstler gut zu Gesicht stehenden Quantum an Selbstironie.

Währenddessen geriet der Umbau am Kennedyplatz immer mehr zur Farce. Zwei Jahre nach Baubeginn waren die Etat- und Terminpläne komplett außer Kontrolle. Es wurde augenscheinlich, dass die Stadt mit Planung und Umsetzung des Theaterbaus an die Grenzen ihres Machbaren gelangte. Und mitten im Chaos André Bücker.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion entzog Minis-terpräsident Markus Söder den Augsburger-*innen die Verantwortung für ihr Theater und machte das Haus 2018 im Handstreich zum Staatstheater. Bücker, vor wenigen Jahren noch wegen Renitenz gegen die Regierenden von seinem Posten in Dessau entbunden, war nun Staatstheaterintendant in Bayern. Halleluja.

Die Spielplangestaltung blieb mutig. Die Ensembles funktionieren auch im Interim. Die meisten Besucher*innen nehmen die neuen Bühnen an. Besprechungen sind weitgehend positiv. Künstlerisch hält sich das Haus gut, jedoch ohne wirklich überregionale Beachtung für die Inszenierungen einzufahren. Diese Wahrnehmung kommt mit einer der ersten Digitalbeauftragten in deutschsprachigen Theatern. Hier beweist André Bücker einen guten Riecher. Ein Engagement, lange vor Corona, das weitaus prominentere Häuser zu digitalen Nachzüglern werden lässt. Auch seine eigenen Inszenierungen finden Anklang.

Er ist ein Mann mit vielen musikalischen Leidenschaften, bekennender Sciencefiction-Fan und nahbar auch für die Kolleg*innen in den Werkstätten und Büros. Seine Rolle als Vertreter des streng hierarchisch aufgebauten Inten­dant*-innen-Modells wurde bisweilen vom ei­-
genen Personalrat sehr kritisch begleitet. Dennoch ist André Bücker beliebt und gilt als gesellig, wenn auch als leicht reizbar. Ein Eindruck, den unsere Redaktion bestätigen kann. Im Sommer wurde die langjährige Geschäftsbeziehung seines Hauses zum Verlag von a3kultur im laufenden Vertrag beendet, nachdem sechs Monate zuvor eine Anzeige zum Theaterneubau in unserer Printausgabe erschienen war.   
    
Die echten Schwachpunkte in André Bückers Intendantenbilanz finden sich abseits der Bühne. So ist von der seit Jahren geforderten Diversität der Besucher*innen bisher wenig zu spüren. Das Haus schafft es nicht wirklich, sich abseits der gewohnten Blasen zu positionieren. Kooperationen mit Künstler*innen aus den regionalen freien Szenen laufen schleppend. So fällen die führenden Vertreter*innen der Theaterszene über die Zusammenarbeit mit dem Staatstheater ein bedenkliches Urteil. Auch an diesem Urteil ließe sich von André Bücker in den kommenden Jahren arbeiten.

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