Ein Museum auf »Abwegen«!?!
Für die Publikation zum Ausstellungsprojekt »Augsburg 2040 – Utopien einer vielfältigen Stadt« im tim 2019 schrieb Düzgün Polat einen Beitrag, den wir hier in einer aktualisierten Form gerne wiedergeben möchten.
Als mich das tim ansprach, als Augsburger mit »Migrations- und Diskriminierungserfahrung« an der Ausstellung »Augsburg 2040 – Utopien einer vielfältigen Stadt« mitzuarbeiten, warf dies enorm viele Fragen auf, die ich aus dem bundesweiten Diskurs um diskriminierungs- und rassismuskritische Kunst- und Kulturpraxis kenne. »Schon wieder ein Projekt, bei dem »gnädiger Weise« Menschen mit Diskriminierungserfahrung eine »Objekt«-Rolle einnehmen sollen!«, war der Eindruck, der sich mir aufdrängte. Bei einem Gespräch mit dem Direktor des Museums und einer Mitarbeiterin wurde jedoch klar, dass eine »Revolution« angezettelt werden sollte. Das Ziel war, eine Ausstellung zu schaffen, die die gegenwärtig postkoloniale Dominanz und ihre Definitionshoheit gänzlich in Frage stellt, und einen neuen Referenzrahmen herzustellen, der sich an den unterschiedlichen Lebensrealitäten der Bewohner*innen der Stadt Augsburg orientiert.
Ob und woraus würde ein solcher Rahmen bestehen? Wie würde er ausgefüllt? Welche Narrative würden auftauchen und welche gelten? Wer entscheidet, was sein darf oder eben nicht? Wie sähe die Zusammenarbeit zwischen der Institution Museum und den freiwilligen »Kurator*innen« aus der Stadtgesellschaft genau aus? Das Projekt »Augsburg 2040« eröffnete die Möglichkeit, Antworten auf diese Fragen zu finden und sämtliche Kritik an Institutionen wie Museen durch die Ausstellung »Augsburg 2040« praktisch umzusetzen.
Ich empfand es als mutig, sich als Institution auf solch ein Wagnis einzulassen – jedoch gleichzeitig auch für zwingend notwendig. Das Wichtigste für mich war jedoch, endlich den Beweis antreten zu können, dass partizipativ angelegte Formate im öffentlichen Kulturbereich möglich sind und nicht mit einem Qualitätsverlust einhergehen.
In der Entstehungsphase der Ausstellung zeigte sich für mich in praktischer Hinsicht, was es bedeutet, mit Menschen unterschiedlicher Lebensrealitäten einerseits und mit institutionellen Zwängen andererseits umzugehen – und dies ohne Abstriche an dem Anspruch partizipativer Arbeit. In den zahlreichen Workshops, dessen Teilnehmer*innen sich als Weiß oder PoC (People of Color) verorten, entwickelte sich bei allen ein ausgeprägter Wille, Aushandlungsprozesse jenseits von etwaigen Herrschaftsansprüchen und Privilegien einzugehen.
Die Ergebnisse aus den Workshop-Gruppen in Bezug auf die Ausstellung wurden vom Museum nicht infrage gestellt oder hinterfragt, sondern als notwendiges, unausweichliches Ergebnis diversitätsorientierter und kritischer Handlungspraxis verstanden, getragen und umgesetzt.
Diese Ausstellung und ihr Entstehungsprozess führten den Beweis für neue Handlungspraktiken, Narrative, Multiperspektivität sowie künstlerische Ansprüche für Besucher*innen sowie Kunst- und Kulturschaffende gleichermaßen. »Augsburg 2040« trug Anteil daran, dass Personen, die lange Zeit eine Marginalisierung erfahren hatten, sich nun in Kunst und Kultur behaupten konnten. Augsburgs Kunst- und Kulturinstitutionen werden ihre Arbeit in Zukunft an dieser Handlungspraxis und an dem kritischen Diversitätsanspruch der Ausstellung messen lassen müssen.
Die Ausstellung ist schon lange wieder abgebaut. »Augsburg 2040« ist Geschichte – Geschichte der Stadt Augsburg und ihrer Vielfalt. Doch ist die partizipative Handlungspraxis, die viele begeisterte und beflügelte, in den Kulturinstitutionen aufrechterhalten oder ausgebaut worden? Für das tim kann man die Frage mit einem Ja beantworten. Für andere Institutionen bleibt die Entwicklung meist in bestimmten Formaten oder Projektlogiken verhaftet. Eine Überführung in die Einrichtungskultur zu sehen, findet nur begrenzt statt. Aber ohne die strukturelle Verankerung von diskriminierungskritischer Diversitätsorientierung, ohne die gesellschaftliche Vielfalt in der Institution Museum zur Wirklichkeit zu machen, und ohne neue Narrative werden wir den Rückfall in weiß-dominierte Deutungshoheiten und strukturelle Ausgrenzung schnell erleben.
Düzgün Polat wurde 1973 als Sohn einer Gastarbeiterfamilie aus der Türkei geboren. Seit 1989 beschäftigt er sich (im Rahmen von politischer Jugend- und Bildungsarbeit) mit dem Thema Rechtsradikalismus in Deutschland und Europa.
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