Die Nachhaltigkeitsmaschine – Teil 1
Wie zukunftsfähig ist unsere Gesellschaft? Die a3kultur-Redaktion untersucht in den kommenden Monaten den Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit aus verschiedenen Blickwinkeln unseres Lebens. Ausgangspunkt für diese Dokumentation ist das Nachhaltigkeitsengagement in Augsburg.
Dies ist der Start unserer Reihe »Die Nachhaltigkeitsmaschine«. Wir beschäftigen uns darin mit dem Nachhaltigkeitsprozess in Augsburg und den benachbarten Regionen. Wir werden den Fragen nachgehen: Was ist Nachhaltigkeit? Wie nachhaltig agiert unsere Gesellschaft, wie wir selbst? Wie setzen wir unsere Nachhaltigkeitsziele um? Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen sprechen wir in den kommenden Monaten mit unterschiedlichen Menschen, Nachhaltigkeitsexpert*innen, Wirtschaftsakteur*innen, Kulturschaffenden und anderen. Alle sind bei diesem Thema gefragt. Die Idee Nachhaltigkeit funktioniert nur in Gemeinschaft.
Nachhaltigkeit – ein Wort, das uns überall begegnet. Nachhaltige Lebensmittel, nachhaltige Mode, nachhaltiger Strom, nachhaltiges Bauen – nachhaltige Stadt? Alles wird immer grüner, nachhaltiger und umweltbewusster. Eigentlich eine sehr schöne Entwicklung. Allerdings stellt sich die Frage: Ist alles, auf dem »grün« draufsteht, auch wirklich grün? Oder wird das Wort zu inflationär gebraucht? Der Begriff Greenwashing beschreibt eine PR-Strategie, die ein umweltfreundlicheres und verantwortungsbewussteres Image suggerieren soll. Um differenzieren zu können, was wirklich nachhaltig ist, müssen wir verstehen, was das Wort Nachhaltigkeit genau bedeutet.
Die Definition von Nachhaltigkeit
Laut dem Politiklexikon der Bundeszentrale für politische Bildung stammt der Begriff ursprünglich aus der Forstwirtschaft und beschreibt einen sparsamen und verantwortungsvollen Umgang sowohl mit erneuerbaren (z.B. Fisch oder Waldbestände) als auch nicht erneuerbaren Ressourcen (z.B. Erdöl). Oder wie der Duden Nachhaltigkeit einfacher beschreibt: »Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann«.
Es geht also darum, ein Bewusstsein für unsere Umwelt zu schaffen, schonend mit unseren Ressourcen umzugehen und diese nur in einem Verhältnis zu konsumieren, in dem eine Regeneration gewährleistet ist. Das ist wichtig, denn aktuell leben wir alle auf Pump. Seit den 1970er-Jahren überstrapazieren wir die Möglichkeiten, die unser Planet bietet. Wir verbrauchen viel mehr, als das komplexe System unserer Erde hergeben kann, ohne in Schieflage zu geraten. Besonders wirtschaftlich starke Länder wie Deutschland tragen einen großen Teil zu diesem Raubbau bei. Um den Ressourcenbedarf unseres Landes zu decken, bräuchten wir den Planeten und seine Ressourcen dreimal. Im Vergleich: Der globale Mittelwert dieses Missverhältnisses liegt laut Global Footprint Network immer noch bei 1,7 Planeten. Wer mitgerechnet hat, merkt, dass auch dieser Wert noch deutlich zu hoch liegt und auf lange Sicht zu Ressourcenknappheit führt. Es muss also eine dauerhafte Entwicklung stattfinden, die die Bedürfnisse der Gegenwartsbevölkerung befriedigt, ohne zu riskieren, dass das für künftige Generationen nicht mehr möglich ist. Das ist eine globale Herausforderung, die gemeinsames Handeln unverzichtbar macht. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch vor Ort tätig werden und konkrete Handlungsstrategien finden, um unseren Lebensraum zu schützen.
Auf dem Weg zur zukunftsfähigen Stadt?
1992 findet die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro statt. Vertreter*innen aus 178 Ländern erarbeiten gemeinsam das Konzept der nachhaltigen Entwicklung als internationales Leitbild. Abgeleitet hiervon entsteht die Agenda 21, ein entwicklungs- und umweltpolitisches Aktionsprogramm mit konkreten Handlungsempfehlungen für das 21. Jahrhundert. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erklärt die Motivation dafür folgendermaßen: »Hinter dem Beschluss stand die Erkenntnis, dass wirtschaftliche Effizienz, soziale Gerechtigkeit und die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen gleichwertige überlebenswichtige Interessen sind, die sich gegenseitig ergänzen.« Das Handlungsprogramm der Agenda 21 kann und soll auch auf lokaler Ebene umgesetzt werden, und so kommt 1996 in Augsburg der Stein ins Rollen. Angespornt von den internationalen politischen Entscheidungen beginnen die Entwicklung eines Nachhaltigkeitsprozesses und die Umsetzung der Lokalen Agenda vor Ort. So kann die Stadt 2021 auf einen 25-jährigen »Lokale Agenda 21«-Prozess zurückblicken.
Seit Beginn dieser Nachhaltigkeitsarbeit hat sich viel getan. Durch die Gemeinschaft konnte ein Netzwerk an Akteur*innen geschaffen werden, die die nachhaltige Entwicklung vorantreiben. Hierbei kooperieren städtische Institutionen wie das Büro für Nachhaltigkeit in Augsburg mit 29 Agenda-Foren, die aus Initiativen der Stadtbevölkerung gebildet werden. Die Stadt betont, dass die »Lokale Agenda ein lebendiger, vielseitiger und innovativer Prozess [ist], mit dem Ziel, Nachhaltigkeit als gemeinsame Aufgabe und Verantwortung anzugehen, und auf Augenhöhe«. Deshalb wird auf eine offene Struktur gesetzt, die leichte Partizipation für Bürger*innen ermöglicht. Als inhaltliche Grundlage und Leitbild des Nachhaltigkeitsprozesses dienen die Zukunftsleitlinien (siehe Abbildung rechts).
Ein Leitbild für Augsburg
2015 werden dann die Augsburger Zukunftsleitlinien vom Stadtrat beschlossen. Da eine Gesellschaft verschiedene Aspekte des gemeinschaftlichen Lebens umfasst, kann ein zukunftsorientiertes Nachhaltigkeitskonzept nicht allein aus dem Thema Ökologie bestehen. Es bietet zwar die Grundlage für weitere Felder der Stadtentwicklung, muss allerdings immer im Kontext betrachtet werden. Die Augsburger Zukunftsleitlinien teilen sich zunächst in drei Dimensionen auf: Ökologie, Ökonomie und Soziales. 2018 werden sie um die Komponente Kultur ergänzt, um ein ganzheitliches Lebenskonzept zu gestalten. Die vier Dimensionen sind mit jeweils fünf untergeordneten Nachhaltigkeitszielen versehen. Die Umsetzung der Zukunftsleitlinien ist Aufgabe der gesamten Stadtgesellschaft. Neben der Motivation zur Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft werden die Zukunftsleitlinien auch als Kriterien für Beschlüsse und Entscheidungen der Regierung eingesetzt. Inwieweit sie in der Praxis zum Tragen kommen, soll Teil dieser Dokumentation sein.
Die zukunftsorientierte Entwicklung einer Stadt ist ein kooperativer Prozess. Wir haben Augsburger*innen befragt: Was bedeutet für sie Nachhaltigkeit und wie funktioniert die Umsetzung in der Stadt? Hier die ersten Ergebnisse:
Sylvia Hank, Werkstatt Solidarische Welt e.V.
»Nachhaltigkeit ist bei uns ein sehr zentraler Begriff, weil wir in globalen Zusammenhängen denken. Es geht nicht nur darum, dass wir hier noch in 20, 30 oder 50 Jahren ordentlich leben können, sondern es geht um die planetaren Zusammenhänge. Die Auswirkungen, die unser Lebensstil mit sich bringt – Klimawandel, Katastrophen, Überschwemmungen etc. –, betrifft Menschen im globalen Süden viel stärker als uns. Natürlich häufen sich auch hier diese Auswirkungen, aber letztendlich gibt es in südlich liegenden Ländern eine viel deutlichere Zunahme an Katastrophen, die aber dann leider relativ zügig aus den Nachrichten verschwinden. Ich glaube, dass Augsburg auf einem ganz guten Weg ist. Natürlich ist da immer Luft nach oben. Es gibt viel bürgerschaftliches Engagement und es entsteht auch ein Bewusstsein, dass man die Stadt lebenswert machen muss und nicht nur an die Wirtschaft anpassen oder an die Automobilität. Augsburg ist wahnsinnig bunt. Die sozialen Milieus sind ganz unterschiedlich und es wäre sehr wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, dass man Augsburg auch mit diesen ganz unterschiedlichen Facetten denkt und viele mitnimmt. Ich würde mir wünschen, dass Augsburg in seinen gastronomischen Angeboten viel mehr fair gehandelten Kaffee einsetzt. Das ist erst einmal nur ein kleiner Beitrag, aber ich sehe darin einen wichtigen Bestandteil, dass die Kaffeebauer*innen mit einer fairen Bezahlung ein menschenwürdiges Auskommen erhalten.«
Klaus Weiß, Biomarkt Mutter Erde
»Wir sind seit 37,5 Jahren mit unserem Laden Mutter Erde nachhaltig, da war dieses Modewort noch gar nicht im Umlauf. Wir versuchen Mensch, Tier und Pflanze in Einklang zu bringen und möchten so wirtschaften, dass unsere Zuliefernden, Veredler*innen, Transporteur*innen und Anbauer*innen alle ein Auskommen haben. Wenn die Qualität der Zuliefernden stimmt, bestellen wir zuverlässig. Das ist für die Anbauer*innen eine Zusicherung, dass sie das, was sie anbauen, auch wirklich absetzen können.«
Vitaluccio Bellano, Gastronom Picnic
»Nachhaltigkeit bedeutet, dass man Dinge so lange wie möglich benutzt, damit man so wenig wie möglich an Ressourcen verschwendet. Es bedeutet, dass man intelligent einkauft, dass man intelligent mit Lebensmitteln umgeht. Das ist vor allem auch ganz wichtig im Gastronomiebereich, man sollte wenig wegschmeißen. Wir setzen hier auch auf umweltfreundliche Alternativen wie Pappstrohhalme und recycelte Verpackungen im To-go-Bereich. Nachhaltigkeit war von Anfang an Teil der Planung des Konzepts des Picnic. Wir setzen auf Naturverbundenheit und auch vermehrt auf vegetarische und vegane Gerichte. Nachhaltigkeit versuchen wir überall anzuwenden, auch die Mitarbeitenden sind bei uns mittlerweile so geschult, dass sie mit den Ressourcen richtig umgehen. Ich würde mich freuen, wenn ein Mehrwegsystem eingeführt wird. Vor allem für abends, damit die Leute überall ihre Cocktailbecher abgeben können. So könnte man den vielen Plastikmüll, der vor allem Samstag- und Sonntagmorgen auf den Straßen herumliegt, vermeiden. Da muss sich auf jeden Fall etwas ändern. Aber da ist die Stadt dabei. Sie haben ja schon ein Konzept entworfen, sie müssen es nur noch umsetzen.«
Und wie sieht die Zukunft dieser Dokumentation aus? Nachhaltigkeit ist facettenreich, deshalb planen wir, die Zukunftsleitlinien einzeln genauer zu betrachten. Wir sprechen mit dem Team des Nachhaltigkeitsbüros, porträtieren Unternehmen, die Nachhaltigkeitsstrategien verfolgen, und fragen, welche Rolle das Thema für die Kulturmacher*innen unserer Region spielt.
Die Nachhaltigkeitsmaschine
Der lange Weg vom Engagement zur Realität
Der Treibstoff für das Nachhaltigkeitsengagement – also Inspiration, Energie, Solidarität, Wissen – kommt aus unserer Gesellschaft. Er »sickert« seit Jahren in lokale Strukturen wie das Agendaforum (1), den Nachhaltigkeitsbeirat (2) und einige weitere, kleinere Initiativen unserer Stadt ein. Er ist die fortwährende Belebung des Themas.
In den Nachhaltigkeitsbeirat werden vom Stadtrat Expert*innen aus den Bereichen Ökonomie, Ökologie, Soziales und Kultur berufen. Diese entwickeln die Zukunftsleitlinien als organischer Prozess (3). Diese Leitlinien sind politisch nicht bindend, dienen aber der Verwaltung bei der Erarbeitung der Beschlussvorlagen für die Rathauspolitik. (4)
Letztendlich entscheidet der Stadtrat, ob und in welcher Form den Zukunftsleitlinien Bedeutung beigemessen wird. Auch auf die Arbeit des Nachhaltigkeitsbeirats ist der Einfluss der Parteien nicht unerheblich. Wie überall in der Politik ist das Ergebnis auch vom Wirken diverser Interessengruppen abhängig. (5)
Stimmt der Stadtrat für einen Prozess ohne Beachtung der Leitlinien, wandert das Thema zurück in die Stadtgesellschaft und verstärkt den dort herrschenden Druck. (6)
Bei einem Go gelangt das Thema von den Entscheidungsträger*innen in den Transformationsinkubator (7). Hier werden aus Entscheidungen Realitäten, also ein neuer Kindergarten, eine Industrieansiedlung, verringerter CO2-Ausstoß oder ein neues Staatstheater. Dass die erzielten Ergebnisse zuweilen von den getroffenen Entscheidungen abweichen, liegt oft an diesem äußerst undurchsichtigen Modul. Hier spielen Faktoren wie Kosten, Öffentlichkeit, Machtverhältnisse, Laune, Glück und Gier eine Rolle.
Ein Thema, das es durch den Inkubator geschafft hat, gelangt nun gesättigt an den Werten der Leitlinien zurück in die Gesellschaft und bringt diese ein klein wenig mehr zum Leuchten. Lebenslust und Image der Stadt entwickeln sich. Außerdem ist eine positive Energierendite als weiterer Gewinn zu verbuchen.