Ein Nachruf
»Probuch«, der kleine Buchladen an der Göggingerstraße, schließt zu Weihnachten. Peter Bommas mit einem Nachruf auf die Buchhandlung.
»Als Willy Brandt Bundeskanzler war …«
Diese Songzeile von Funny van Dannen mit ihrem melancholisch-erinnerungsschwangeren Touch ist mir spontan eingefallen, als mir Irene, die Frau, die 50 Jahre lang an der Göggingerstraße im Antonsviertel die Seele des einzigen links-alternativen Buchladens der Stadt war – ja, ab heute gilt die Vergangenheitsform – vor wenigen Wochen sagte: Ich höre auf, das Probuch macht zu, alles muss raus!
Und damit endet eine Ära, schließt der Laden, in dem ich 50 Jahre lang fast alle meine Bücher kaufte, der Laden, der zu Beginn und während meines (langen) Studiums, noch lange danach und eigentlich bis heute, die Zentralstation des politischen Diskurses, der Treffpunkt aller angefixten Politjunkies von linken SPDlern über alte Kommunisten, neue Linke, alternative Friedensbewegte, AKW-Gegner*innen, Graswurzel-Anarchos und Literatur-Aficionados als Tauschbörse, Ideengeber, Wohnzimmer galt. Es war über all die Jahre ein Ort der Inspiration, dort gab es von Anfang an den kompletten Brecht, die ganze Suhrkamp-Theorie-Reihe, die Raubdrucke der linken Intelligenz der 20er- und 30er-Jahre – Horkheimer, Reich, Adorno, Benjamin, Marcuse – die gesammelten Bände der MEW von Marx und Engels, Lenins »Was tun?«, die Veröffentlichungen und Flugschriften der Neuen Linken, obskure Texte von Anarchisten und Freiheitskämpfer*innen, alles über die Dritte Welt und den Feminismus von Simone de Beauvoir bis Judith Butler. Selbstverlegtes stand neben arrivierter Belletristik – es gab einfach alles zu lesen, was es sonst in der Stadt nirgends gab – und wenn etwas nicht vorrätig war, dann sorgte Irene immer dafür, dass es beim nächsten Besuch da war.
Gegründet wurde der Buchladen von 10 Student*innen und Assistent*innen der 1970 gegründeten Reformuni Augsburg als links-alternatives Projekt und Anti-Pol zu den behäbigen, arrivierten Buchhandlungen der Innenstadt, irgendwann wurde aus dem Projekt eine funktionierende GmbH und doch gab es immer für uns alle, die dort kauften, bestellten, sich austauschten, Freund*innen fanden und manchmal auch wieder zu (politischen) Feinden wurden nur eine Konstante, die alles zusammenhielt: Eben Irene (von 1985 bis 2000 unterstützt vom leider viel zu früh verstorbenen, kongenialen Martin), die jetzt in Rente geht und den Laden zusperrt – aber bis zur Deadline am 24. Dezember freut sie sich noch über alle, die dort nach Büchern suchen und sie mitnehmen – mit gehörigem Endzeit-Rabatt. Es gibt noch jede Menge Pretiosen aus den Bereichen Kriminalliteratur, Belletristik, gebundene Taschenbücher, feministische Theorie, linke Debattenkultur, Einzelstücke von Kleinverlagen und wissenschaftliche Grundlagenwerke aus Soziologie, Psychologie und Ökonomie. Vorbeischauen und Zugreifen!
»This is the last time« sangen die Stones – Support your local bookstore!