Politik & Gesellschaft

Nachrufe

Friedhof

Ein Beitrag von Michael Friedrichs

»Nachruf« ist eigentlich ein merkwürdiger Begriff, klingt zunächst harmlos, alltäglich. Jemand ist weggegangen, und ich rufe ihr oder ihm noch was nach, vielleicht einen Hinweis oder Ratschlag, oder etwas was man vergessen hat zu sagen, wofür keine Zeit mehr war, oder was man sich nicht getraut hat, ins Gesicht zu sagen, freundlich oder unfreundlich. Aber meistens wird das Wort Nachruf anders verwendet, nämlich wenn ein verstorbener Mensch gewürdigt werden soll. Das letzte halbe Jahr hat für mich verdammt viel Anlass geboten, auf Beerdigungen zu gehen.

Der erste war mein Freund Dieter Ferdinand. Ich habe ihn kennengelernt als Redakteur der Stadtzeitung Podium in den 80er-Jahren. Entschiedener Standpunkt gegen Kernkraftwerke, guter Netzwerker. Dabei war er persönlich eher leise, nachdenklich, gewissenhaft, beharrlich. Hatte früh seine Frau verloren und alleinerziehend die Tochter betreut, wodurch eine Berufstätigkeit kaum möglich war. War lange Zeit für die Grünen im Stadtrat. Eine Lungenerkrankung vor einigen Jahren zehrte massiv an ihm. Aber er schrieb noch regelmäßig Veranstaltungskritiken und Buchrezensionen für a3kultur. Ende Dezember war die Trauerfeier.

Den Yasar Dogan hat jeder gekannt, der mit dem Kulturcafé Neruda und den Kültürtagen vertraut ist. Musiker, Schauspieler, Macher von Kulturveranstaltungen, voller Vitalität und von einer überschäumenden Freundlichkeit. In drei Sprachen zu Hause, türkisch, hochdeutsch und oberbayerisch. Er starb durch einen Autounfall. Es gab eine rappelvolle Gedenkfeier im Kulturcafé Neruda. Die für dieses Jahr geplanten Veranstaltungen der Kültürtage mussten abgesagt werden, die Lücke, die Yasar hinterlassen hat, ist einfach zu groß.

Auch Peter Feininger ist gestorben. Als ich 1980 nach Augsburg kam, lernte ich ihn kennen, wir waren beide aus der Studentenbewegung gekommen, schrieben an gegen den Kapitalismus. Später hat er zwanzig Jahre lang die Internetplattform »Forum solidarisches und friedliches Augsburg« betrieben. Er redete niemand nach dem Mund, blieb kantig, hielt aber viele Verbindungen.

Reinhard Gammel kannte ich ebenfalls schon ewig. Auch er war von der Studentenbewegung geprägt, veröffentlichte 1986 eine Doktorarbeit beim Augsburger Maro-Verlag, Thema »Herrn Bacons Idole – Strukturelemente neuzeitlichen Denkens«. Aber es schloss sich für Reinhard Gammel keine Hochschullaufbahn an, er war international unterwegs, mit Verbindungen nach Südamerika und Afrika. Er schrieb und malte, oft in provokatorischer Absicht, er versuchte ein Literaturmagazin in Augsburg zu starten, in dem auch Texte von mir erschienen, fand aber zu wenig Inserenten und Abnehmer. Sein kritisches Buch »Augsburg – Kaff der guten Hoffnung« ist in der UB zugänglich. In den letzten Jahren hat er in seiner Wohnung ein offenbar erfolgreiches Bücher-Antiquariat betrieben.

Siggi Zagler wurde auf dem Alten Ostfriedhof beigesetzt. Er war der Erfinder und meinungsstarke Hauptautor der »daz«, ein unabhängiges und unverkäufliches Internetprojekt, das sogar der »Augsburger Allgemeinen« Respekt abnötigte. Wahrgenommen und gelesen von vielen, vor allem in Augsburger Kontroversen, etwa um die Theatersanierung und das Brechtfestival, auch um manche Personalentscheidung im FCA. Mich hat er ein paarmal zu Brecht angerufen, er war 2014 dem Brechtkreis beigetreten.

Ich weiß, jeden Tag sterben Leute. Aber nicht jeden Tag sterben Freunde und gute Bekannte, jedenfalls nicht in Ländern ohne Krieg. Liegt es an meinem Alter, dass es sich jetzt so gehäuft hat? Hat die kritische Haltung was damit zu tun? Ich hätte jetzt gern ein paar Monate ohne Friedhofsbesuch. 
 

Das könnte Sie auch interessieren

Mira Emke
Politik & Gesellschaft, Workshop

»Mit vereinten Kräften«

Am 20. September wird in ganz Deutschland der Weltkindertag gefeiert.
Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte, Politik & Gesellschaft

Sport verbindet

Eine neue Ausstellung widmet sich dem Spannungsfeld von Ausgrenzung und Diskriminierung im Sport.
Jürgen Kannler
Politik & Gesellschaft

Glück, Kultur, Rendite

Das Glück

Die glücklichsten Großstadtmenschen Bayerns findet man in Augsburg. Im nationalen Vergleich liegt unsere alte Römerstadt auf Platz 2. Getoppt von Erfurt in Thüringen. Dieses Ergebnis brachte eine Studie der SKL unter deutschen Kommunen über 100.000 Einwohner*innen an den Tag.