Nacht und Nebel
Entschleunigtes Kopfkino in Öl: Zwei junge Künstler aus Bayern zu Gast beim BBK Schwaben Nord und Augsburg
Warum sollten junge Menschen im Jahr 2024, 460 Jahre nachdem ein gewisser Michelangelo Buonarroti, oder kurz: Michelangelo, für immer den Pinsel weglegte, diesen wieder in die Hand nehmen und Bilder auf über Holz gespannten Leinenstoff malen?
CGI-generierte Bilder schaffen heute perfekt ausgeleuchtete Landschaften und Raumansichten. Die Künstliche Intelligenz nimmt uns das Träumen ab und füllt die Räume mit zum Teil aberwitzigem Leben. Das alles kostengünstig und bequem vom heimischen Sofa aus. Wer macht sich da noch die Finger dreckig und saugt den scharfen Terpentindampf in die Lungen?
Zumindest zwei junge Künstler aus Nürnberg und München wollen diesen althergebrachten Weg weitergehen, wenngleich ihre Inhalte neue sind. Auf Einladung des BBK Schwaben Nord und Augsburg brachten Jan Gemeinhardt (*1988) und Manuel Rumpf (*1987) eine Auswahl ihrer Bilder und einige dreidimensionale Werke nach Augsburg, wo diese nun bis 14. Juli an vier Nachmittagen in der Woche in der Galerie des BBK im Glaspalast besichtigt werden können.
Was da unter Einsatz von viel Schwarz und glänzender Firnis enstanden ist, wirkt zunächst einmal nicht grundsätzlich neu. Der Einfluss der früheren Meister, von Caspar David Friedrich bis zu den Vertrtern des Realismus ist durchaus erkennbar. Und doch haben es beide Künstler dieser Generation geschafft, der Tradition noch eine kleine, zeitgenössische Komponente hinzufügen.
»Man kämpft sich hin an ein Bild«
Manche Landschaften Jan Gemeinhardts erinnern an Shooter-Spiele wie das Ende der 1990er-Jahre populäre Game »Quake«, bei dem die Spieler*in zu harten Klängen z.B. von Nine Inch Nails auf apokalyptische Monsterjagd gehen und auch selbst eigene Levels bauen durfte, wobei der Fantasie keine Grenzen gesetzt waren, und war das Ergebnis auch noch so bizarr. Bei Gemeinhardt ist es schon einmal eine im Nichts herumstehende Leinwand, wie aus einem Autokino, auf der von unbekannter Quelle eine Projektion läuft – für wen auch immer, denn von Menschen ist in dieser kargen Felslandschaft weit und breit nichts zu sehen.
Wie die Spieler*innen besagten Spiels ist auch Gemeinhardt auf seine Weise ein Schöpfer. Seine fantastischen Landschaften entstehen ohne Vorbilder in seinem Kopf. An schnellen, zweckorientierten Ergebnissen ist er nicht nicht interessiert. »Man kämpft sich hin an ein Bild«, sagt er, meint damit aber keine Stresssituation, sondern freut sich an der Entschleunigung und der analogen Tätigkeit. Für ihn ist die Malerei »ein Gegenpol zu dem ganzen Instagram-Gewische«.
In eine ähnliche Kerbe schlägt sein Kollege Manuel Rumpf. Seine Arbeiten sind weniger der Phantastik verschrieben, haben aber nicht weniger Erzählkraft. In seinen, verblüffend realistisch geschichteten Bildern werden wir zu Komplizen einer unsichtbaren Person, die nachts durch dunkle Winkel streift, immer eine Handbreit von der Zivilisation entfernt. Oder wir werfen einen melancholischen Blick auf nächtliche Stadtszenerien, in denen der Nebel droht, uns in den nächsten Minuten den Vorhang ganz zuzuziehen.
Im Gegensatz zu seinem Kollegen Gemeinhardt liegen Rumpfs Bildern Fotos von durchaus realen Orten zu Grunde, bei deren Transfer ins Tafelbild er sich jedoch zu Gunsten der Dramaturgie ud Lesbarkeit gewisse künstlerische Freiheiten herausnimmt. Der Maler als Location Scout für den Film im Kopf der Betrachter*in.
Der Mensch fehlt
Düsteres, Rätselhaftes und Beklemmendes also, von zwei dem Auftreten nach gar nicht so schwermütigen Millenials, die bei der Vernissage – unglücklicherweise am Abend des Fußball-EM-Eröffnungsspiels, entsprechend mangelte es auch hier an so mancher menschlichen Präsenz – zugegen waren.
Die beiden Künstler kannten sich vor dieser gemeinsamen Ausstellung nicht. Umso erstaunlicher ist es, wie gut die Arbeiten harmonieren. Bei den in gläsernen Vitrinen ausgestellten 3D-Ödlandschaften mit verlassenen Hütten und Jägerhochsitzen ist die Zuordnung zum einen oder anderen gar nicht so einfach. Der Mensch fehlt, hier wie dort, doch seine Hinterlassenschaften sind präsent und ersetzen ihn eigentlich als Motiv vollkommen.
Die BBK-Mitglieder Nina Zeilhofer und Josef Zankl waren es, die die beiden zusammenbrachten. Und man muss dem Kurator*innenduo und auch dem Vorstand und den Künstlerkolleg*innen danken, dass sie den Blick über das eigentliche Einzugsgebiet des BBK Schwaben Nord hinaus geweitet haben. Mit diesem Gastspiel und dem Einblick in die Gedanken- und Fantasiewelten junger Künstler auch aus anderen Teilen Bayerns haben sie sich und dem Augsburger Kunstpublikum ein glänzendes kleines Geschenk gemacht.
jan-gemeinhardt.de
manuelrumpf.de
kunst-aus-schwaben.de
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