Film

Ein Name – zwei Leben

Leni Riefensthal mit (von links) Filmregisseur Arnold Fanck, Pilot Ernst Udet und Schauspieler Paul Kohner ca. 1932 © Public Domain

Erinnerungskultur im Film: a3kultur-Autor Thomas Ferstl empfiehlt in seiner Kolumne »Projektor« Spielfilme zu diesem Thema.

Nachdem ich Ihnen in der letzten Ausgabe eine kleine Einführung zum Thema Erinnerungskultur und Film ausgehend von der Studie »Kine­matografie der Erinnerung« der Literatur- und Medienwissenschaftlerin Dr. phil. Irina Gradinari gegeben und die Augsburger Dokumentationen »Anna, ich hab Angst um dich« (2017) und »Die Stille schreit« (2019) von Filmemacher Josef Pröll sowie Martin Pfeils »Keine Eier im Winter – Augsburg vor und nach dem Krieg« (2023) ans Herz gelegt habe, möchte ich in diesem zweiten Teil das Thema exemplarisch auf den Spielfilm ausweiten.

Magdalena (Johanna Thanheiser), 1937 von einer Augsburger Jüdin (Natalia Wörner) geboren, wächst als Pflegekind »Leni« (1993) auf dem Aibele-Hof im Allgäu auf. Johann Aibele (Hannes Thanheiser) und seine Frau Alwina (Christa Berndl) wissen wenig von ihrer Herkunft, bis Lenis leibliche Mutter auftaucht, um ihr Kind wenigstens einmal zu sehen. Der Bürgermeister (Armin Schmid) und der NS-Gauleiter (Vitus Zeplichal) machen Aibele darauf aufmerksam, mit dem kleinen Mädchen stimme etwas »abstammungsmäßig« nicht. Der Antisemitismus im Dorf wächst, auch der Pfarrer (Georg Leumer) ist längst Teil des menschenverachtenden Systems. Vom Bürgermeister werden Aibeles vor eine grausame Wahl gestellt: Entweder muss das Kind weg oder Johanns geistig behinderter Bruder (Martin Maria Abram), der als Knecht auf dem Hof arbeitet.

In diesem Werk arbeitet der Allgäuer Filmemacher Leo Hiemer die wahre Geschichte des Mädchens Gabriele Schwarz-Eckart auf. Ihre Mutter war Charlotte Margarete Eckart, geb. Schwarz, die aus einer wohlsituierten jüdischen Kaufmannsfamilie in Augsburg stammte. Trotz einer Taufe um Lenis Geburt herum und eines Fluchtversuchs in die USA wurde Charlotte 1941 in Augsburg verhaftet und 1942 im KZ Ravensbrück ermordet. In der Zwischenzeit lebte Gabriele auf dem Einödhof von Josef und Theresa Aichele in Stiefenhofen im Westallgäu. 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und mit fünf Jahren ermordet.

In klaren Bildern, ganz ohne Gewaltszenen und spektakuläre Effekte zeigt der Film das harte, aber scheinbar glückliche und idyllische Allgäuer Landleben. Aber auch das Verhalten der Verantwortlichen vor Ort im Wandel der NS-Zeit wird nicht ausgespart. Als Schüler hat mir dieser Film vor etwa 15 Jahren auf subtile Weise gezeigt, wie das Naziregime funktionierte, und mir eindringlich vor Augen geführt, was unter dem Begriff »Schreibtischtäter« zu verstehen ist. Dieses exemplarische Einzelschicksal, das stellvertretend für die vielen Millionen Opfer des Nationalsozialismus steht, berührt bis heute.

Hiemer, dessen Mutter Leni gekannt hat, schrieb mehrere Bücher über das Mädchen und konzipierte mit der Kuratorin Regina Gropper und der Gestaltungsprofessorin Claudia Frey eine Wanderausstellung dazu. Den Film, weitere Infos zu den Büchern und zur Ausstellung sowie Zeitzeugenberichte finden Sie unter anderem über die Website www.geliebtegabi.de.

Von Leni, dem tragischen Opfer, kann man sich im Oktober auf die Spurensuche zu Leni, der Täterin, machen. Leni »Riefenstahl« (31. Oktober, Kinodreieck, Liliom) hat nur eine Darstellung ihrer Biografie zugelassen: ihre eigene. Der Nachlass einer der umstrittensten Frauen des 20. Jahrhunderts erzählt eine etwas andere. Private Filme und Fotos, aufgenommene Telefonate mit engen Wegbegleitern und persönliche Briefe – erstmals erhielten der vielfach preisgekrönte Dokumentarfilm-Regisseur Andres Veiel und die TV-Journalistin Sandra Maischberger Zugang zu Riefenstahls aus 700 Kisten bestehendem persönlichen Nachlass. Gekonnt dekonstruiert das Duo den Mythos um die Filmemacherin. 
 

Andres Veiel © Arno Declair
Filmfigur des Monats:

Andres Veiel

  • Geboren: 16. Oktober 1959 in Stuttgart
  • Berufe: Film- und Theaterregisseur, Autor
  • 1982–88: Psychologiestudium an der FU Berlin 
  • 1985–89: Regie- und Dramaturgie-Ausbildung im Rahmen der internationalen Regieseminare am Künstlerhaus Bethanien
  • 1991: erster abendfüllender Dokumentarfilm »Winternachtstraum«
  • 2001: »Blackbox BRD« erhält u.a. den Deutschen und den Europäischen Filmpreis
  • 2017: Bayerischer Filmpreis für »Beuys«, Bundesverdienstkreuz Erster Klasse

Filmstarts im November

DO 07.11. CINEMAXX, CINESTAR – Red One: Alarmstufe Weihnachten | CINEMAXX, KINODREIECK – Niko: Ein Rentier hebt ab | CINEMAXX – Caligula: The Ultimate Cut | KINODREIECK – Die Witwe Clicquot // Marianengraben // September 5 // Weisheit des Glücks
DO 14.11. Alle Kinos – Gladiator II | CINESTAR, KINODREIECK – Weihnachten in der Schustergasse | KINODREIECK – Frohes Fest: Weihnachten retten wir die Welt | Neuigkeiten aus Lappland | No Other Land | LILIOM – Des Teufels Bad 
DO 21.11. CINESTAR, KINODREIECK, LILIOM – Konklave | KINODREIECK, LILIOM – Emilia Pérez | CINEMAXX – Weihnachten der Tiere | KINODREIECK – Almar: Der Ruf des Jakobsweges | LILIOM – Vena 
DO 28.11. CINEMAXX, CINESTAR, LILIOM – Vaiana 2 | CINEMAXX, CINESTAR – Der Vierer 

Kinoevents im November

FR 01.11. CINEPLEX – Alle »Harry Potter«-Filme
SO 03.11. KINODREIECK – »Madagaskar – ein Paradies mit Licht und Schatten« Welturaufführung mit Gästen
MO 04.11. KINODREIECK – Architektur.Film.Jazz: »The Mies van der Rohes – A Female Family Saga«
DI 05.11. Alle Kinos – Best of Cinema: »Der große Diktator«
DO 07.11. CINEMAXX – Mittelerde-Marathon: »Der Hobbit«–Triple (Extended Version) 
SA 09.11. CINEPLEX – Mittelerde-Marathon: »Der Hobbit«–Triple (Extended Version)
MI 13.11. CINEPLEX Königsbrunn – Kulturkino: »Die Gleichung ihres Lebens«
SA 16.11. CINEMAXX, CINEPLEX – Konzerte im Kino: »Andrea Bocelli 30 – The Celebration« 
SA 23.11. CINEMAXX, CINEPLEX – »Der Herr der Ringe«-Triple (Extended Version) | CINEMAXX – Puccinis »Tosca« live aus der Metropolitan Opera New York 
SO 24.11. CINEMAXX – »Der Herr der Ringe«-Triple (Extended Version)
 

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