Politik & Gesellschaft

Netzwerkarbeit ist ein Schlüssel

a3kultur-Redaktion

In diesem Jahr feiert der Bezirk Schwaben seinen 70. Geburtstag. Jürgen Kannler traf sich mit dem Bezirkstagspräsidenten Martin Sailer, um zum Jubiläum über unser kulturelles Selbstverständnis, die Besonderheiten des schwäbischen Bewusstseins und die Frage nach dem Ort, der Heimat heißt, zu sprechen.     

a3kultur: Ihr Haus unternimmt seit geraumer Zeit einiges, um einen stärkeren Platz im Bewusstsein der Menschen in Schwaben zu erlangen. Sie könnten Ihre Aufgaben – von denen nicht wenige Pflichtaufgaben sind – wohl auch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit erledigen. Warum streben Sie diese stärkere Sichtbarkeit an? 

Martin Sailer: Unser Haushalt beträgt im Jahr knapp eine Milliarde Euro. Das ist viel Geld. Die Menschen hier sollen wissen, was mit ihren Steuern gemacht wird. Der Bezirk Schwaben bearbeitet ein sehr weites Feld. 
Der größte Teil unserer Arbeit findet im sozialen Bereich statt: Rund 25.000 Menschen nutzen unsere sozialen Angebote und beziehen von uns Leistungen wie Eingliederungshilfe oder Hilfe zur Pflege. Sie sind auf unsere Arbeit angewiesen.
Neben dem sozialen Bereich engagieren wir uns im Bereich Kultur. Wir stärken die kulturelle Landschaft in Schwaben – in unseren Bezirksmuseen, durch Förderungen, Preise und unsere Bezirksheimatpflege. Dazu kommen Themen wie Bildung, Umweltschutz und europäische Partnerschaftsarbeit.
Wie vielfältig die Aufgaben des Bezirks sind, ist der Öffentlichkeit nicht immer bewusst. Das wollen wir ändern. Die Menschen hier haben einen Anspruch darauf, zu sehen, wie wir unsere Arbeit machen.

Wie verhält sich da der Etataufwand für Soziales im Vergleich zur Kultur?

Im Haushaltsjahr 2023 liegen die geplanten Ausgaben für soziale Sicherung bei ca. 898 Millionen Euro, die für Wissenschaft, Forschung und Kulturpflege bei ca. 20 Millionen Euro. Der Umfang, den die Kulturarbeit in unseren Teams einnimmt, liegt jedoch zwischen 15 und 20 Prozent.

Über lange Zeit war Kulturarbeit – nicht nur beim Bezirk Schwaben – stark von Themen wie Brauchtum und Tradition geprägt. Heute genießen auch popkulturelle Themen und Gegenwartskunst breite Aufmerksamkeit, und eine Ausstellung im Museum Oberschönenfeld über Grenzgänger*innen in Schwaben wird zum Publikumserfolg. Wie gehen Sie mit Reibungspunkten um, die so eine Transformation vom rein Bewahrenden hin zum aktiv mitgestaltenden Prozess mit sich bringt?

Das darf auf den ersten Blick ein Widerspruch sein, aber eben nur auf den ersten Blick. Ich sehe die Bereiche als gleichwertig. Wir öffnen uns für neue und für jüngere Zielgruppen. Netzwerkarbeit in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft ist dabei ein Schlüssel. 
Um diese Öffnung zu vollziehen, sollten wir als Bezirk anders wahrgenommen werden. Hier spielen Begriffe wie Offenheit, Wertschätzung, Transparenz und ein lösungsorientiertes Handeln auf Augenhöhe eine wichtige Rolle. Die Einbeziehung dieser Werte in die Alltagsarbeit ist auch Grund für die Aufbruchsstimmung in der Verwaltung. Unser neues Leitbild ist ebenso werte- wie kundenorientiert.
 

»Das oft verbreitete Image unserer Region ist viel zu behäbig und war eigentlich schon gestern von vorgestern.«


Zum Jubiläum. Wenn Sie die Wahl hätten: Mit welchem Missverständnis über Schwaben würden Sie gerne aufräumen?

Die Menschen in Schwaben sind durchaus weltoffen und zugänglich. Das oft verbreitete Image unserer Region ist viel zu behäbig und war eigentlich schon gestern von vorgestern. 
Wir haben nicht nur die Vielfalt der Dialekte und Kulturlandschaften, mit denen wir unglaublich punkten können. Schwaben ist der Wirtschaftsmotor Bayerns. 

Eine starke Wirtschaftsregion braucht eine spannende und starke kulturelle Szene. Auch in diesem Bereich gibt es noch viel Netzwerkarbeit zu leisten. Wir müssen lernen, Unternehmen und Kulturorte besser zusammenzubringen. 

Das sollte gelingen. In uns steckt nämlich mehr Gemeinsamkeit und Gemeinsinn, als allgemein wahrgenommen und registriert wird. Ich würde mir in dem Zusammenhang mehr schwäbisches Selbstbewusstsein wünschen, das auch nach außen gelebt wird.

Wie sieht Ihr Modell für ein schwäbisches Bewusstsein aus, sofern es so etwas überhaupt gibt?

Ich glaube schon, dass es so ein Gefühl der Zusammengehörigkeit gibt, und dass dieses Gefühl wichtig ist. Als Bezirk Schwaben müssen wir uns immer wieder fragen: Wo stehen wir und wo wollen wir hin, um dieses Bewusstsein zu stärken? Um Antworten zu bekommen, brauchen wir regelmäßige und ehrliche Faktenchecks. 
In der Folge sind oft neue Vernetzungsformate wichtig. Wir müssen Menschen zusammenbringen, das Miteinander aufbauen und pflegen.
Auch das sind alles Voraussetzungen dafür, eine wahrnehmbare Heimat zu haben. Wenn ich sehe, wie viele Menschen in den letzten Jahren hier zugezogen sind, weiß ich, dass wir nicht nur als Wirtschaftsstandort attraktiv sind, sondern gleichzeitig auch eine Region, die vielen eine neue Heimat gegeben hat.
Ein Bewusstsein für seine Heimat entwickelt man im Wesentlichen auch über Kunst und Kultur. Da spielt auch unser Umgang mit Baudenkmälern und Kulturlandschaften eine Rolle. Man fühlt sich angekommen, wenn man sich zuhause fühlt.

Es gibt ein Narrativ von Augsburg als der armen Stadt. Es wird nicht zuletzt von der Politik und manchen Medien immer wieder bedient. Das mag, gemessen am Durchschnittseinkommen der Menschen in Süddeutschland, eine statistische Relevanz haben. Dennoch, wir leben in einer der reichsten Regionen der Welt. Die Speckgürtelstädte, mit denen Augsburg zusammengewachsen ist, sind wohlhabend. Was kann Schwaben tun, um seiner »armen« Hauptstadt auf die Sprünge zu helfen? 

Augs­burg ist nicht arm. Die Stadt ist strahlend und lebenswert und in vielen Bereichen extrem erfolgreich – natürlich auch getragen von den Umlandgemeinden. Als ich vor bald 20 Jahren (2005) in den Landtag kam, war immer die Rede von »Augsburg an der Jammer«. Das hat sich geändert. Aber auch hier braucht es wohl an manchen Stellen ein stärkeres Selbstbewusstsein, das auch nach außen strahlt. Wenn sich eine Region ständig arm spricht, wer hat da noch Interesse, hinzugehen?

An welcher schwäbischen Besonderheit oder welchem Wesenszug würden Sie die Menschen – abseits unserer Bezirksgrenzen – besonders gerne partizipieren lassen?

Wir sind extrem zuverlässig und bodenständig. Das ist doch was.

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