»Neugierig, wer denn da kommt«
Jan T. Wilms im Gespräch mit Jürgen Kannler
a3kultur: Herr Wilms, nun sind Sie seit einem knappen Jahr Leiter des Zentrums für Gegenwartskunst der Kunstsammlungen und Museen Augsburg mit den beiden Hallen H1 und H2 im Glaspalast. Sind Sie denn in Augsburg gut gelandet?
Jan T. Wilms: Ja, ich bin sehr gut aufgenommen worden. Es sind bereits viele neue Kontakte geknüpft und Verbindungsfäden gesponnen worden. Viele Menschen, gerade Kreative und Akteur*innen aus der Augsburger Kulturszene, waren sehr neugierig, wer denn da nun kommt – nach der langen Ära meines geschätzten Vorgängers Thomas Elsen. Ich habe mich in Kaufbeuren und mit meinem Amt als dortiger Kunsthaus-Direktor sehr wohl gefühlt, aber bisher habe ich den Wechsel nach Augsburg an keinem Tag bereut.
Wie kommen Sie mit der speziellen Chemie von Museen und Galerien im Glaspalast klar?
Die Mischung bei den zahlreichen anderen Nutzer*innen im Glaspalast ist schon sehr besonders. Gerade mit den Nachbar*innen aus dem Bereich der modernen und zeitgenössischen Kunst – also mit dem BBK Nordschwaben und Augsburg, der Gesellschaft für Gegenwartskunst, aber auch mit dem Kunstmuseum Walter – bestehen bereits sehr fruchtbare Kontakte. Das wird aktuell in der Ausstellung »New Connections« sichtbar, die noch bis Anfang Oktober läuft. Ich empfinde es auch als große Bereicherung, das Dance Center No. 1 in direkter Nachbarschaft zu haben, das noch einmal ganz andere Besucher*innengruppen anspricht. Sogar die örtliche Nähe zu den Kolleg*innen von der ILS des Amts für Brandschutz hat uns schon mehrfach auf sehr kurzem Wege geholfen.
Generell – ist Augsburg ein gutes Pflaster für Gegenwartskunst?
Ja und nein. – Ja, es gibt eine große Vielfalt an Preisen und Fördermöglichkeiten für Kunstschaffende, nicht nur vonseiten der Stadt, sondern auch des Bezirks. Für tatsächlich sichtbare zeitgenössische Projekte könnte Augsburg ein mehr als gutes Pflaster sein – und auch bundesweit oder international zu einer Größe werden. Aber hier sehe ich noch viel Luft nach oben. Die institutionell bzw. museal präsentierte Gegenwartskunst hat in Augsburg leider keine besonders große Lobby. Dem muss man leider so klar ins Auge sehen.
Mit Ihrem Antritt haben die KMA die Galerie im Höhmannhaus geschlossen. Zerreißt es einem Museumsmann wie Ihnen nicht das Herz, wenn er noch vor Amtsantritt ein so attraktives Schaufenster für Gegenwartskunst in der City verliert?
Nun ja, von Verlust würde ich hier nicht sprechen. Das Nutzungskonzept für die Galerie im Höhmannhaus wird gerade überarbeitet. Ausstellungen und Projekte aus dem zeitgenössischen Spektrum werden dort auch in Zukunft von zentraler Bedeutung sein.
In den letzten Jahren waren Dutzende großartiger Künstler*innen dort mit zuweilen ebenso beeindruckenden wie intimen Schauen zu Gast. Können Sie diesen Verlust im Glaspalast kompensieren oder glauben Sie nicht an dieses spezielle Format?
Ich kann und möchte diese beiden völlig unterschiedlichen Kunstorte – das Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast und die Galerie im Höhmannhaus mitten in der Innenstadt – nicht direkt vergleichen. Lage und Raumsituation sind vollkommen verschieden. Der Glaspalast könnte zum kulturellen Herzstück im Textilviertel werden. Das geht aber nur im Schulterschluss mit anderen Akteur*innen im Quartier und auf Grundlage einer klugen, strategisch durchdachten und auch finanziell unterfütterten Marketingstrategie für das Areal.
Mit den beiden Hallen H1 und H2 verfügt Ihr Haus über rund 2.700 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Wie lernt man, solche Räume mit einem Projektetat von knapp 40.000 Euro zu bespielen?
Das lernt man nicht – und das kann man nicht. Es ist kein Geheimnis, dass das Museum, dessen Leitung ich übernommen habe, dramatisch unterfinanziert ist. Solange ich im Zentrum für Gegenwartskunst nicht auf ein solides Mindestbudget und eine entsprechende personelle Ausstattung zugreifen kann, wird sich die Situation weiter verschlechtern. Denn die Kosten werden künftig in nahezu jedem Bereich steigen. Natürlich gibt es Wege, über Förderung und Sponsoring Drittmittel zu generieren. Dafür muss man ständig im Austausch mit potenziellen Unterstützer*innen bleiben. Wechselnde Ausstellungen mit überregionaler Reichweite werden sonst noch schwieriger umzusetzen sein.
Die aktuelle Ausstellung »New Connections« läuft länger als geplant. Auch sonst scheinen die Laufzeiten im Zentrum für Gegenwartskunst oft sehr gedehnt. Es wirkt, als müssten Sie das Programm strecken, um die Räume zu füllen. Wie sehen Sie das?
Augsburg ist nach München und Nürnberg die drittgrößte Stadt im Freistaat. Ich bin der Ansicht, dass sich diese Bedeutung auch sichtbar im Programm und der Ausstattung der Museen zeigen sollte. Aber solange sich die Ausgangslage – finanziell wie personell – nicht spürbar bessert, werden sich auch die langen Laufzeiten nicht ändern lassen. Im Gegenteil: Wir werden mehr in Richtung wechselnder Sammlungspräsentationen gehen müssen, da für innovative Sonderausstellungen mit entsprechender Reichweite schlicht die Ressourcen fehlen.
Sie verlängern die Große Schwäbische Kunstausstellung, die am 29. November eröffnet wird, um rund sechs Wochen. War die bisherige Laufzeit dieser Traditionsschau regionaler Künstler*innen zu kurz?
Ja, die Laufzeit von fünf Wochen war tatsächlich viel zu kurz. Sie müssen sehen, dass mit den Vorbereitungen der Großen Schwäbischen Kunstausstellung – von Ausschreibung und Einlieferung der Werke über Jurierung und Dokumentation bis zur Eröffnung – rund acht Wochen vergehen, in denen die Ausstellungshalle für Besucher*innen unzugänglich ist. Zum Vergleich: Normalerweise werden rund drei Wochen für den Wechsel zwischen Ausstellungen benötigt. In Anbetracht dieses Vorlaufs und des Aufwands ist eine Laufzeit von fünf Wochen einfach zu kurz – zumal sich das Format großer Beliebtheit erfreut.
Im Herbst startet Ihre neue Schau im H1. Worauf dürfen sich die Besucher*innen freuen – und welche Erwartungen verknüpfen Sie mit der Ausstellung?
Die Ausstellung ist ein Herzensprojekt. Unter dem Titel »Symbiosis« widmet sie sich dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur – und den Möglichkeiten, dieses Verhältnis mittels künstlerischer Übersetzungen sichtbar und spürbar zu machen. Die Besuchenden dürfen sich auf eine vielschichtige Schau freuen, die Arbeiten von fünf international agierenden Künstler*innen in Augsburg vereint: Installationen, Videoarbeiten, Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen. Mein Anliegen ist es, Impulse zu geben und Denkräume zu öffnen – für ein Publikum, das bereit ist, sich auf komplexe Verflechtungen einzulassen. Die Ausstellung soll zum Dialog anregen: zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Besuchenden und Werken, zwischen Gegenwart und Zukunft. Gleichzeitig wollen wir mit »Symbiosis« auch die Rolle des Zentrums für Gegenwartskunst als Plattform für gesellschaftlich relevante Themen weiter stärken. Übrigens steht diese Ausstellung am Anfang einer Reihe thematisch verwandter Ausstellungen, die ich in den kommenden Jahren mit unterschiedlichen Schwerpunkten fortführen möchte.
Wie viel Vorlauf rechnen Sie für ein solches Projekt?
Das hängt davon ab, wie viele Kunstschaffende beteiligt sind und wie deren zeitliche Verfügbarkeit – und die ihrer Werke – aussieht. Erfolgreiche Künstler*innen sind oft weit im Voraus verplant, national wie international. Das muss man einkalkulieren. Auch die Antragsfristen für bestimmte Förderprogramme können eine Rolle spielen. Mit der Planung von »Symbiosis« habe ich kurz nach meinem Amtsantritt begonnen. Es hat zeitlich alles sehr gut gepasst. Viel später hätte ich mit einem so ambitionierten Projekt – zumal mit Begleitpublikation – nicht starten dürfen.
Sie haben im Glaspalast beeindruckende Kunsträume, wenn auch die Infrastruktur deutliche Mängel hat (Erreichbarkeit, Sichtbarkeit, Aufenthaltsqualität mit Shop, Café, Ruhezonen). Der Projektetat ist – wie erwähnt – bescheiden. Gleichzeitig fallen jährlich Mietkosten von rund einer halben Million Euro an. Das ist mehr als das Zwölffache des Projektetats. Kommen Ihnen bei diesen Zahlen keine Zweifel, ob der Weg mit zwei großen Ausstellungsräumen der richtige ist?
Das sind sehr viele, sehr unterschiedliche Punkte. Die schlechte Erreichbarkeit des Museums mit dem ÖPNV ist tatsächlich eine unserer größten Herausforderungen. Und ja, es besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Mietkosten für das Museum im Erdgeschoss des Glaspalasts und der budgetären Ausstattung des Programms, das dort stattfinden soll. Aber diese Entscheidungen wurden von den zuständigen städtischen Gremien getroffen, die sich aus gewählten Vertreter*innen der Bürger*innen zusammensetzen.
Vielleicht hätten die KMA eher H1 als die Galerie im Höhmannhaus schließen sollen?
Erstens: nein. Und zweitens ist die Galerie im Höhmannhaus nur temporär geschlossen. Ihre künftige Nutzung wird – wie gesagt – derzeit überarbeitet.
2029 findet die Bayerische Landesschau »Römerwelten« auch im Glaspalast statt. Diese Veranstaltung wird wohl nicht in Ihren Verantwortungsbereich fallen. Welche Erwartungen verknüpfen Sie dennoch mit dem Termin?
Ich versuche, nicht allzu früh allzu genaue Erwartungen zu hegen. Aktuell laufen die Planungen für die Ausstellung 2029 an, und wir arbeiten hier eng mit der Stadtarchäologie und der Archäologischen Staatssammlung München zusammen. Ich hoffe, dass wir viele neue Gäste und Interessensgruppen erstmals zu einem Besuch im Glaspalast bewegen können – und sich darüber auch erschließt, welche enorme Konzentration an Kultur und Kunst hier zu finden ist. Auch im Hinblick auf das Programm zur modernen und zeitgenössischen Kunst, denn wir werden parallel zur Landesausstellung natürlich ein eigenes Programm entwickeln – das dann in meinem Verantwortungsbereich liegt.
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