Film

Nichts zu lachen im Lichtspielhaus

a3kultur-Redaktion

Ohne große Vorrede möchte und muss ich Ihnen in diesem Monat zwei Filme vorstellen, die unter die Haut gehen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bei Ihnen noch weit über den Kinobesuch hinaus nachhallen werden. Projektor – die Filmkolumne von Thomas Ferstl:

»All of us Strangers« (8. Februar, Cinemaxx, Liliom) beginnt im London der Gegenwart: Der Drehbuchautor Adam (Andrew Scott) lernt eines Abends in dem fast leeren Hochhaus, in dem er wohnt, zufällig Harry (Paul Mescal) kennen. Der mysteriöse Nachbar bringt seinen Alltag gehörig durcheinander. Als sich Adam und Harry näherkommen, reist Adam plötzlich durch eine Zeitschleife dreißig Jahre in die Vergangenheit. Er kehrt in sein Elternhaus zurück und trifft dort auf seinen Vater (Jamie Bell) und seine Mutter (Claire Foy). Adam muss feststellen, dass er seinen Eltern kurz vor deren gemeinsamen Tod begegnet.


Der Film von Andrew Haigh (Buch und Regie) basiert auf dem Roman »Sommer mit Fremden« von Taichi Yamada aus dem Jahr 1987. Es ist nach dem japanischen Film »The Discarnates« (1988) die zweite Verfilmung des Romans. In der Romanvorlage und im Film von 1988 ist die Figur des Harry einer Frau zugeschrieben. Haigh, selbst homosexuell, änderte dies entsprechend. So bot er Andrew Scott, der die überwältigenden Emotionen, die sich in Adam aufstauen, oftmals nonverbal auszudrückt, die Gelegenheit, zu einer Karrierebestleistung aufzulaufen. Getragen von solch einfühlsamen und nachdenklichen Darstellungen ist »All of Us Strangers« ein herzzerreißender und eindringlicher, aber auch heilsamer Blick auf »das Menschsein«, der noch lange nach dem Verlassen des Kinos in Erinnerung bleiben wird.

Lange nach dem Verlassen des Kinos wird Ihnen auch »The Zone of Interest« (29. Februar, Liliom) in Erinnerung bleiben: Rudolf Höß (Christian Friedel) ist Lagerkommandant im Konzentrationslager Auschwitz. Mit seiner Frau Hedwig (Sandra Hüller) und fünf Kindern lebt die Familie an der Lagermauer in einem zweistöckigen Haus mit großem, idyllischem Garten.


Inspirationsquelle für den Film von Regisseur und Drehbuchautor Jonathan Glazer war der gleichnamige Roman (2014) des 2023 verstorbenen Autors Martin Amis.


Es ist die Art und Weise, wie Glazer das Haus filmt, mit Digitalkameras, die wie im Reality-TV in jedem Raum mitlaufen, mit direkten Einstellungen, die von Raum zu Raum schneiden, die Routine einfangen. Und es ist die Art und Weise, wie Glazer filmt, sobald es nach draußen geht, wie er die Augen knapp unter der Horizontlinie hält und nur selten andeutet, was jenseits der Mauer passiert. Als Zuschauer*innen wissen wir es aber. Wir können es hören, das Knallen, die Öfen, die Schreie. Hüller und Friedel, die ihre Rollen mit einer wunderbaren Leidenschaftslosigkeit spielen, machen ihre Figuren und das Gesamtkunstwerk noch viel schauriger, als es das ohnehin schon gewesen wäre. »The Zone of Interest« schlägt Szene für Szene in die Magengrube und wird sicherlich noch Monate, wenn nicht Jahre nachhallen. Ein erschreckender, aber umso wichtigerer Film, nicht zuletzt angesichts des Wiederauflebens des Faschismus, der heute einen Großteil des politischen und medialen Diskurses beherrscht und zu einem zentralen Thema geworden ist, dem wir gezielter und entschlossener als in den vergangenen Jahrzehnten entgegentreten müssen.


Die Koproduktion zwischen Deutschland, Polen, den USA und dem Vereinigten Königreich wurde als britischer Kandidat für den Auslandsoscar 2024 ausgewählt.
 

Kinoevents im Februar

MO 05.02. KINODREIECK – Architektur.Film.Jazz: »Sagrada«
DI 06.02. Alle Kinos – Best of Cinema: »Das fünfte Element« | LILIOM – Retrospektive Denis Villeneuve: »Prisoners«
MI 07.02. CINEMAXX, CINEPLEX – Royal Ballet London: Massenets »Manon« live
DI 13.02. LILIOM – Retrospektive Denis Villeneuve: »Enemy«
MI 14.02. CINEPLEX Königsbrunn – Königsbrunner Kulturkino: »The Quiet Girl«
SO 25.02. CINEPLEX Aichach – UFF Umwelt Film Forum: »Holy Shit«
 

Kinostarts im Februar

DO 01.02. Alle Kinos – Eine Million Minuten | CINEMAXX, CINESTAR, CINEPLEX – Argylle // Butterfly Tale // Ella und der schwarze Jaguar | CINEMAXX, KINODREIECK – A Great Place to Call Home | CINEMAXX – Peppas Kino-Party // Baby Boom: Czyli Kogel Mogel 5 | KINODREIECK – Green Border | THALIA – Rickerl: Musik ist höchstens a Hobby
DO 08.02. CINEMAXX, CINESTAR – Die Farbe Lila // Night Swim // Feuerwehrmann Sam: Tierische Helden | CINEMAXX, LILIOM – All of Us Strangers | KINODREIECK – Reality | LILIOM – Geliebte Köchin 
MI 14.02. CINEMAXX – Madame Web
DO 15.02. CINEMAXX, CINESTAR – Bob Marley: One Love | KINODREIECK, LILIOM – Rückkehr zum Land der Pinguine | CINEMAXX – Schock | LILIOM – Colonos 
DO 29.02. CINEMAXX, CINESTAR, LILIOM – Dune: Part Two 
 

Filmfigur des Monats: 
Sandra Hüller

  • Geboren: 30. April 1978 in Suhl 
  • Beruf: Theater- und Filmschauspielerin
  • Ausbildung: 1996 bis 2000 Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, Berlin
  • 2006: erste bedeutende Filmrolle als Michaela Klingler in Hans-Christian Schmids Film »Requiem«
  • 2023: Goldene Palme für »Anatomie eines Falls« und Großer Preis der Jury für »The Zone of Interest« in Cannes; Nominierung beim Europäischen Filmpreis für beide Filmrollen als erste Doppelnominierung in einer der Darstellerkategorien in der Geschichte dieser Auszeichnung – gewonnen für »Anatomie eines Falls«

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