Politik & Gesellschaft

No Future

a3kultur-Redaktion

Hat sich Julian Warner mit dem Motto für das vom ihm geleitete Brechtfestival auf eine selbsterfüllende Prophezeiung eingelassen? Ein Kommentar

Das Ende des Weihnachtsfriedens nahm DAZ-Herausgeber Siegried Zagler zum Anlass, nach Heilige Drei Könige in seiner Internetzeitung zum Sturm auf Konzept und Programm des Augsburger Brechtfestivals zu blasen. 

Bei diesem Ritt verwies er zum Abschluss auch darauf, dass Festivalleiter Julian Warner 2020 Unterzeichner eines offenen Briefes war, der sich für die Rücknahme eines gegen den BDS gerichteten Bundestagsbeschlusses stark machte. BDS steht für »Boycott, Divestment and Sanctions« und ist eine transnationale politische Kampagne, die Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will. 

Das für das Festival verantwortliche Augsburger Kulturreferat befand daraufhin in einer Stellungnahme unter anderem, Zaglers Beitrag würde Hass säen. Ein harter Vorwurf, der so nicht zu halten ist. Ebenso wie es Warner freisteht, seinen Namen ggf. auch unter fragwürdige Forderungen zu setzen, steht es Zagler frei, darüber zu berichten, ohne von Politik und Verwaltung angegangen zu werden. Der Journalist selbst spricht in dem Zusammenhang von versuchtem Rufmord. 

Die DAZ-Berichterstattung zeigte Wirkung. Der Druck auf Warner verstärkte sich, als die als Medienpartner seines Festivals agierende Augsburger Allgemeine, sowie überregionale Medien sich des Themas annahmen. 

Dem Festival drohte ein Skandal und droht ihm vielleicht noch immer. Schließlich sah sich Warner gezwungen, seinerseits eine Stellungnahme zu veröffentlichen, in der er sich eindeutig vom Inhalt der von ihm mitgetragenen Forderung distanzierte und seine Unterschrift zurückzog. Dort heißt es im Wortlaut: »Im Rückblick muss ich […] eingestehen, dass der Offene Brief wie auch die Initiative Weltoffenheit […] eher zu einer Normalisierung von israelbezogenem Antisemitismus beigetragen haben. Dies bedauere ich sehr.« 

Damit befriedete er fürs Erste die Situation, zerlegte aber auch die einen Tag zuvor veröffentlichte Stellungnahme der Stadt Augsburg mit den Vorwürfen gegen die DAZ. Sein Festivaltitel »No Future« wäre um ein Haar zum Thema für Warners eigenen Schwanengesang geworden. 

Derweil feiern rechtsradikale Kreise den entstandenen Wirbel als Erfolg in eigener Sache und klopfen sich angesichts des Theaters auf die braunen Schultern. Ihnen, denen sowohl Brecht als auch ein Künstler wie Warner, ein grün geführtes Kulturreferat und ein freies Medium wie die DAZ ein Dorn im Auge sind, sehen in den Vorgängen das Beispiel für einen Kulturbetrieb, den es nach ihrer Vorstellung in seiner jetzigen Form schleunigst abzulösen gilt.

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