Öffnungsszenarien und Schließungsmodalitäten

26. März 2021 - 15:18 | Jürgen Kannler

Zu Beginn des zweiten Corona-Jahres laufen wir Gefahr, dass die Mehrheit unserer Gesellschaft den Glauben an die Steuerkraft der Politik durch diese Pandemie hindurch verliert. Von Jürgen Kannler

Öffnungsszenarien und Schließungsmodalitäten werden von weiten Teilen der Bevölkerung zunehmend als ungerecht, willkürlich und zuweilen als erkauft wahrgenommen. Als Verhandlungssache, in der undurchsichtige Lobbyarbeit und Populismus oft mehr Gewicht haben als wissenschaftlich gesicherte Fakten. Wo Politiker*innen auf Bundes- und Länderebene mit Corona ihren Wahlkampf befeuern und zuweilen ihre persönliche Gier befriedigen. Jüngste Entscheidungskapriolen, wie um die sogenannte Osterruhe, tun ihr Übriges, die für eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung entscheidende Vertrauensbasis zwischen Bürger*innen, Politik und Verwaltung auf eine harte Probe zu stellen. Wo über ein Jahr Verfassungsrechte beschnitten werden, ist im Gegenzug zumindest ein Höchstmaß an Seriosität von den Entscheidungsträger*innen zu erwarten. Diesem Anspruch wird unsere Politik derzeit nicht gerecht. Den Preis dafür, so ist zu befürchten, wird unsere freiheitliche Gesellschaft noch sehr lange abbezahlen.

Auch die regionale Politik trägt Verantwortung an dieser Misere. Viel zu lang verharrten die meisten Städte und Kreise in einer Art Denk- und Entscheidungsstarre, scheinbar nur darauf bedacht, die Vorgaben aus München und Berlin zu erfüllen. Erst seit einigen Wochen kommt langsam wieder Leben in diese durch Handlungslähmung erstarrte Politik. So forderte CSU-Landrat Martin Sailer vor einigen Wochen mehr Gerechtigkeit bei den bayerischen Öffnungsstrategien und erntete damit ebenso Zuspruch bei den Bürger*innen wie harsche Kritik vonseiten seiner Parteiführung.      

Dass vor Kurzem das sogenannte Tübinger Modell auch von der Augs­burger OB für ihre Stadt ins Spiel gebracht wurde, um den Corona-Alltag vor Ort besser zu bewältigen als bisher geschehen, war zu erwarten. Die württembergische Unistadt arbeitet seit Monaten – wie Rostock – erfolgreich an eigenen Konzepten, der Pandemie zu trotzen. Dieser Sonderweg bringt den dortigen Verantwortlichen, nun zu Recht, viel Anerkennung, öffnete aber auch immer wieder Raum, um sie ins Kreuzfeuer der Kritik zu nehmen. Ein Risiko, dem sich die aus ihrer Schlafmützigkeit langsam erwachende Augsburger Stadtspitze wohl nicht aussetzen wird.

Welche Wirkung die unberechenbaren Öffnungsszenarien und Schließungsmodalitäten auf die Kulturorte in unserer Region haben, lesen Sie am Beispiel des Friedberger Schlosses (Foto Schlosstor © Sonja Weinfurtner) mit seinen vielfältigen Programmstrukturen auf Seite 3 unserer April-Ausgabe. Download unter: www.a3kultur.de/ausgabenarchiv

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