Ausstellungen & Kunstprojekte

OP am offenen Kunstwerk

a3kultur-Redaktion

Die Ausstellung »KEBAB« im Diözesanmuseum St. Afra beleuchtet die Arbeit von Restaurator*innen an zum Teil stark beschädigten Kunstwerken und wirft Fragen zum Bewahren und Präsentieren von Kulturgut auf. Manuel Schedl sprach mit der Kuratorin Dr. Eva-Maria Bongardt.

a3kultur: Frau Bongardt, wer entscheidet eigentlich, wann ein Kunstwerk restauriert werden muss?

E.-M. Bongardt: Der Titel »KEBAB« steht für »Kulturgut erhalten, bewahren, ausstellen, begreifen«. »Ausstellen« steht dabei für die Präsentation einzelner Werke, »begreifen« für die Arbeit des Museums im Rahmen der Kunstvermittlung, »erhalten« und »bewahren« sind die besonderen Schwerpunkte dieser Sonderausstellung.

Man muss sich vor Augen halten, dass nur etwa 1-2% des gesamten Bestandes an Kunst von Museen in Ausstellungen präsentiert werden. Vieles ist in sehr schlechtem Zustand und nicht vorzeigbar. Mal war der Holzwurm im Holz, mal sind Fassungen nicht mehr stabil, mal platzt etwas ab.

Bei jedem Neuzugang aus Kirchen- oder Privatbesitz gibt es ein Gutachten und eine Einschätzung von einer Restauratorin oder einem Restaurator, und dann muss das Verhältnis von Aufwand und Nutzen gegeneinander abgewogen werden. Manchmal erfolgt nur eine »Notsicherung«, manchmal beschließt man, das Werk dauerhaft zu sichern.

Es geht auch um Geld.

Die Arbeit einer Restaurator*in ist mühevolle Kleinarbeit. Auch ich habe durch die Ausstellung erst einen Einblick bekommen, wie kleinteilig und zeitintensiv diese Tätigkeit ist. Das ist Handwerk mit der Chirurgennadel. Zur Fingerfertigkeit gesellt sich Fachwissen bezüglich der Materialien, das seinen Preis hat.

Was die Finanzierung angeht: Einen speziellen jährlichen Etat gibt es für Restaurierungen im Haushalt des Museums nicht. Das Diözesanmuseum untersteht dem Bistum Augsburg, das hierfür auf Antrag Geld zur Verfügung stellen kann. Aber auch Spenden oder ein Förderverein haben schon manche Restaurierung ermöglicht.

Was bedeutet Restaurieren? Versucht man, das ursprüngliche Erscheinungsbild der Skulptur oder des Bildes wiederherzustellen?

In der Vergangenheit wurde oft etwas übermalt, z. B. Kirchenfresken wieder ergänzt. Speziell bei sakraler Kunst steht das Bedürfnis der Gläubigen über dem der Kunstwissenschaften. Im Museum neigt man dazu, das Kunstwerk in seinem aktuellen Zustand zu erhalten und lediglich weitere Erosion und Schäden zu vermeiden.

Das heißt, wo der Holzwurm drin war, bleiben die Spuren erhalten und werden nicht zugespachtelt. Durch sachgemäße Lagerung versucht man aber, weiterem Befall vorzubeugen. Auch bei Textilien wie der bei uns ausgestellten Kasel (= liturgisches Gewand – Anm. mls) wird kein neues Gewebe eingearbeitet.

Reagieren einzelne Besucher*innen nicht ein wenig enttäuscht, wenn Kunstwerke nach all der Arbeit nicht »in neuem Glanz« im Museum erstrahlen?

»In neuem Glanz« ist so ein Bauchwehsatz für alle Restaurator*innen. Es geht darum, das Original so wenig wie möglich zu verfälschen. Das bedeutet, dass man hinnehmen muss, dass Schäden irreversibel sind. Was weg ist, ist weg.

Stichwort: »Rette Wolfgang!«

Wir versuchen in der Ausstellung auch, die Geschichte des Objekts sichtbar zu machen. Ein gutes Beispiel ist hier die hölzerne Skulptur des heiligen Wolfgang aus der Zeit der Gotik um 1500. (diese wird im Rahmen der Ausstellung »live« vor Publikum restauriert – Anm. mls) Reinigung und Konservierung ja, aber es wird nichts wieder ergänzt oder angemalt.

Um den Besucher*innen aber einen Eindruck zu geben, wie das Original einst ausgesehen haben könnte, gehen wir den digitalen Weg und haben unseren interaktiven Multimedia-Tisch mit Touchscreen zum zentralen Bestandteil der Ausstellung gemacht. Hier wurde ein 3D-Scan der Wolfgang-Skulptur verwendet und fehlende Teile virtuell ergänzt, sodass die Figur von allen Seiten fast in ihrem Ursprungszustand betrachtet werden kann.

Bei einem Museum für sakrale Kunst denkt man zunächst einmal an eine Anhäufung von vor allem alten Kunstgegenständen und weniger an eine mediale Schau.

Mir war das Thema Medien immer sehr wichtig. Als ich 2019 den Dienst im Diözesanmuseum St. Afra antrat, waren die Anfänge in Sachen Multimedia schon gemacht. Ich habe hier viel Anstrengungen unternommen, das digitale Angebot weiter auszubauen.

Besonders in den zwei Pandemiejahren mit ihren Lockdowns, als auch die Museen sehr unter den strengen Auflagen und dem Ausbleiben der Besucher*innen zu leiden hatten, hat sich dies als glückliche Strategie erwiesen. Wir konnten uns über Plattformen wie Facebook und Instagram nach außen präsentieren und haben sehr viel Zulauf und positives Feedback erfahren.

Aber auch jetzt, wo die Menschen wieder ins Museum dürfen, arbeiten wir weiter an digitalen Strategien. So finden sich in den Vitrinen mit den Originalen auch Leuchtdisplays, und im Eingangsbereich werden Filme von der Arbeit der Restauratorin Maria Winner gezeigt, welche auch auf Instagram nachgeschaut werden können. Und die Inhalte des Multimedia-Tischs werden über das Ende der Ausstellung hinaus im Internet zugänglich sein.

Museum per Bildschirm. Die Jungen wird’s freuen.

In der Tat besteht unser Publikum keinesfalls nur aus alten Leuten. Nach unseren Erhebungen sind sogar 70 % unserer Besucher*innen zwischen 29 und 55 Jahre alt. Umgekehrt haben die Älteren auch ihren Spaß an unserem interaktiven Angebot und erwerben Zusatzwissen über die Spiele, in denen z.B. die unterschiedlichen schädlichen Umwelteinflüsse auf Materialien wie Holz, Metall, Papier oder Textilien aufgezeigt werden.

 

Viel Aufwand für an sich Kaputtes. Wozu das alles?

Museen sind für die Gesellschaft wichtige Orte. Sie bewahren Kulturgut und machen es der Bevölkerung zugänglich. Anderswo kann dieser Erhalt nicht garantiert werden, z.B. in Kirchen, in denen es im Winter kalt und im Sommer heiß und im Winter wieder kalt ist.

Digital lässt sich das Erscheinungsbild konservieren, daneben bietet das Museum aber auch eine Ausstellungsfläche für den direkten Dialog mit dem Original.

Vielen Dank für das Gespräch.



Die Sonderausstellung »KEBAB – Kulturgut erhalten, bewahren, ausstellen, begreifen« ist bis zum 4. Dezember 2022 im Diözesanmuseum St. Afra zu sehen. Am 20. November um 15 Uhr wird es noch einmal eine Restauratorinnenführung mit Theresia von Waldburg zum Thema Textilien geben. Am 27. November kann von 15 bis 17 Uhr noch einmal der Restauratorin Maria Winner bei ihrer Arbeit über die Schulter geschaut werden.


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