Festival
Theater & Bühne

Parasiten der Intelligenz Brechts

Im Rahmen von Worldwide Brecht waren am letzten Festivalwochenende Filme aus den USA, Indien, Israel und Afghanistan zu sehen. Das Gesehene ging unter die Haut.

Den Start machten die Student*innen der Truman State University in Missouri, die sich Brechts Text »An die Nachgeborenen« in einem »Learning Play« annahmen. Getarnt als Reality-Doku über die Proben eines Theaterstücks, entpuppt sich diese als eigentlicher Beitrag für das Festival. Die Student*innen erfahren darin von der großzügigen Finanzierung durch die Macher des Brechtfestivals und schließlich stellt sich die Frage, für was das Geld verwendet werden soll. Spannungen zwischen den Projektteilnehmer*innen führen letztlich zu einem großen Streit. Eine der jungen Schauspieler*innen artikulierte zu Beginn ihre letztlich unbegründete Befürchtung, dass die Festivalbesucher*innen resümieren könnten »The Americans tried their best«. »The Americans did great«, wäre angebrachter.

Soumyabrata Choudhury nimmt sich in seinem Film »A migrant walk« Brechts Fortschrittsoptimismus, den Mythos vom neuen mobilen Menschen, der tollkühn im Alleingang nonstop den Ozean bezwingt und setzt ihn in Bezug zur Lebensrealität der erzwungenen Mobilität und Schutzlosigkeit indischer Wanderarbeiter*innen, die millionenfach aus den Dörfern in die Metropolen ziehen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Als 2020 von heute auf morgen in Indien ein Lockdown ausgerufen wurde, steckten zig tausende Wanderarbeiter*innen in den Großstädten fest und kamen weder vor noch zurück. »A migrant walk« arbeitet das Schicksal dieser Menschen auf sehr künstlerische Art auf. Ausgehend von Brechts »Lindbergh-Flug« entwarf Choudhury eine dokumentarische Karikatur. Im Vorgespräch mit Choudhury schlussfolgerte dieser schließlich »Wir sind alle Parasiten der Intelligenz Brechts«.

»Es ist die Geschichte unseres Landes«

Der israelische Regisseur, Schauspieler und Autor Yotam Godal ließ sich für seinen großartigen Beitrag von Brechts »Lesebuch für Stadtbewohner« leiten. Godal packte sein Filmteam ein und stellte sich in eine Fußgängerzone in Jaffa, wo sie vorbeigehenden Passanten Brecht vorlasen. Ein Araber fühlte sich durch Brechts Worte an seine eigene Lebenssituation erinnert. Godal entscheidet seine Geschichte in einem Film neu zu interpretieren. Nicht ohne das sich das Team selbst fragen muss, ob aschkenasische Juden die Geschichte eines Arabers nacherzählen dürften. Innerhalb seines kurzen Films wirft Godal wichtige gesellschaftliche Fragen auf, die weit über die Grenzen Israels Bedeutung haben.

»Wir sind noch am Leben und wir haben Hoffnung!«

Der letzte Beitrag des Nachmittags lieferte das Simorgh Theater aus Herat, Afghanistan. Jeder konnte bereits aus dem Herkunftsland schließen, dass dieser Beitrag intensiv und berührend werden wird. Was aber letztlich zu sehen war, überstieg alle Erwartungen. Zwölf Frauen erzählen von ihrem Leben vor und nun mit den Taliban, von dem Leben im Untergrund oder auf der Flucht, der Angst entdeckt zu werden und der Gefangenschaft im eigenen Leben, ohne Einkommen, allein aufgrund der Tatsache, dass sie Frauen, Schauspielerinnen in einem Theater waren. Wütend und mit den Tränen in den Augen, kann man anschließend nicht mehr dem Nachgespräch folgen, zu tief geht das Gesehene.

Am gleichen Abend war zum Abschluss eines aufwühlenden Kulturtages die Compagnie Louxor de Lomé aus Togo mit »Mère Courage/Mutter Courage und ihre Kinder« zu sehen. Regisseur Ramses Alf lässt seine Inszenierung in Afrika spielen, die Mutter sind die Erntehelferinnen und Straßenverkäuferinnen in seiner Heimat. Wie Brechts Mutter Courage befinden sich diese Frauen in einem Krieg, aber in einem dauerhaften, der gegen ein System gerichtet ist, das sie auf der untersten Stufe der kapitalistischen Verwertungskette gefangen hält. Die Compagnie überzeugte mit ihrer unglaublichen Spielfreude und großartigem Gesang. Chapeau vor den Schauspieler*innen die einen Teil nicht auf Französisch, sondern auf Deutsch spielten.

Die Theatertruppe spielte nach ihrer Vorstellung in der Brechtbühne wahrscheinlich noch ein beeindruckendes, nur so von Lebensfreude geprägtes Konzert im tim. Nach diesem intensiven Kulturtag und stets mit einem Blick auf das Weltgeschehen, war mir aber leider nicht zum Tanzen zumute.

Bilanz

Brecht ist aktueller denn je, das wurde die letzten zehn Tage klar. Dafür können Kühnel und Kuttner wenig, aber sie verabschieden sich aus Augsburg mit einem Paukenschlag. Vor allem die internationalen Beiträge waren tief berührend und zählen zu den Highlights dieses Festivals.

Die aufgezeichneten Beiträge und Digitalprojekte sind noch weiter in der Mediathek unter www.brechtfestival.de verfügbar.

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