Paul Ben-Haims Augsburg
Sieben Jahre verbrachte Paul Ben-Haim von 1924 bis 1931 als Kapellmeister am Augsburger Theater. Ein Zeitporträt der Stadt in der Weimarer Republik.
Gerade einmal 27 Jahre war Paul Ben-Haim als er 1924 ans Stadttheater Augsburg wechselte. Bertolt Brecht siedelte im selben Jahr gerade nach Berlin über. Ben-Haim wurde zunächst Chorleiter, später 3. Kapellmeister und ab 1929 1. Kapellmeister. Dort lernte er auch die Tänzerin Helene Acham kennen, die er 1934 heiratete. Ganze sieben Jahre, bis zu seiner Entlassung 1931 blieb Ben-Haim am Stadttheater, bevor er 1933 in Folge der nationalsozialistischen Machtergreifung nach Tel Aviv emigrierte. Vorher war einem Studium in München zwischen 1915 und 1920 an der Akademie der Tonkunst eine Assistenz bei Bruno Walter an der königlichen Hofoper in München und bei Hans Knappertsbusch an der Bayerischen Staatsoper in München gefolgt.
Ben-Haim lebte während der politischen Wirren der Weimarer Republik in Augsburg. Bayern war seit Kriegsende und der Novemberrevolution Freistaat, ausgerufen vom unabhängigen Sozialdemokraten Kurt Eisner. Die Revolution führte freilich zu einem Kampf um die Frage: Wohin mit der neuen Republik? Wie auch in anderen Teilen des Deutschen Reichs wurde im neuen Freistaat die Räterepublik ausgerufen und später niedergeschlagen. In Augsburg führte dies 1919 zu den blutigen Osterunruhen in den Arbeitervorstädten an Lech und Wertach. Die Krisenjahre der Weimarer Republik hielten bis zur Währungsreform 1923 und dem Ende der Inflation an, die Stabilisierung bis 1929. Danach folgten der Niedergang und die Auflösung mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933.
Die im November 1923 eingeführte Rentenmark sollte einen Übergang zur Einführung der Reichsmark im August 1924 bilden. Eine Rentenmark entsprach dabei einer Billion Papiermark, 4,2 Rentenmark waren umgerechnet 1 US-Dollar. In seinem Beitrag zur Geschichte der Augsburger Arbeiterbewegung konstatiert Eugen Nerdinger für Januar 1924 die Augsburger Wirtschaftsziffern noch in Billionen bzw. in Milliarden: »1 Pfund Brot 180 Milliarden, 1 Semmel 25 Milliarden, 1 Liter Milch 240 Milliarden, 1 Kubikmeter Gas 200 Milliarden, 1 Automatengasmark 100 Milliarden, 1 Straßenbahnfahrt mit vier Weichen 100 Milliarden, mit sechs Weichen 200 Milliarden, mit mehr Weichen 300 Milliarden.«
Durch mehrere Eingemeindungen in den Jahren vor und während des Ersten Weltkriegs sowie Kriegsheimkehrer wuchs Augsburg stärker als andere Städte. Insbesondere die Eingemeindung der späteren Arbeiterviertel verlieh der Stadt einen anderen Charakter im Vergleich zu den übrigen Städten im Freistaat. Die Sozialdaten entsprachen »denen von Industriestädten an Rhein und Ruhr, in Sachsen oder an der norddeutschen Küste«, konstatiert der Historiker Gerhard Hetzer in einem Beitrag zum Augsburger Stadtlexikon. Dem gegenüber stand auch eine niedrigere Bildungsquote. Dieses Bevölkerungswachstum brauchte Wohnraum. Insbesondere in den Vororten und Vorstädten rund um die Innenstadt setzte sich der genossenschaftliche und kommunale Wohnungsbau durch, dessen Höhepunkt 1928/29 erreicht war.
Der große Zuzug in die Stadt schien mit der Währungsreform und dem vorläufigen Ende der Krisenjahre beendet. Ab 1923 pendelte sich Augsburgs Bevölkerung auf etwa 167.000 ein und steigerte sich erst um 1930 wieder in einem spürbaren Trend. Am 16. Juni 1925 kam es zu einer Volkszählung, mit folgendem Ergebnis: Von den 165.522 Bürgern sind insgesamt 98.800 im Hauptberuf erwerbstätig, darunter 59.945 Männer und 38.855 Frauen. Der mit Abstand größte Teil der Männer (12.778) ist im Maschinen-, Apparate- und Fahrzeugbau tätig. Erst deutlich dahinter kommen die Bereiche Textilindustrie (6.239), Handelsgewerbe (5.954), Baugewerbe (4.869), Verwaltung (4.555) und Verkehrswesen (4.234). 5.105 werden ohne Beruf und Berufsangabe gelistet. Bei den Frauen arbeitet der mit Abstand größte Teil in der Textilindustrie (9.568), darauf folgen häuslicher Dienst (4.383), Handelsgewerbe (3.999) und Bekleidungsgewerbe (3.588). 9.071 Frauen werden ohne Beruf und Berufsangabe gelistet. Als beim Arbeitsamt gemeldete Arbeitssuchende sind 1.261 Personen genannt. Bereits Ende 1925 sollte diese Zahl wieder ansteigen und sich bis 1930 zwischen 4.000 und stellenweise knapp 11.000 einpendeln, um ab 1931 einen deutlichen Aufwärtstrend einzuleiten. 18.155 Arbeitssuchende gab es im März 1932.
Auch politisch war das Jahr 1924 nach den vorangehenden Krisenjahren turbulent. Gleich zweimal wurde der Reichstag gewählt, einmal der Landtag und einmal der Stadtrat. Bis 1924 war die Bayerische Volkspartei (BVP) in Augsburg führend, danach setzen sich in der stark durch Arbeiterviertel geprägten Stadt die Sozialdemokraten durch. Das stärkste Ergebnis bei den Landtagswahlen am 6. April 1924 fuhr in Augsburg die BVP mit 28,7 Prozent ein. Den Sozialdemokraten, erst 1922 wiedervereinigt, gelang es, immerhin 24,6 Prozent zu holen. Der Völkische Block erreichte 23,2 Prozent und die KPD 11,5 Prozent. Die Ergebnisse der Landtagswahl wichen stark von denen zur Wahl des Reichstags und des Stadtrats ab. Bekam die SPD bei den ersten Reichstagswahlen im Mai 1924 noch 25,7 Prozent, waren es im Dezember bei der zweiten Wahl bereits 35 Prozent. Dies ging vor allem zulasten der KPD (9,1 und 6,8) sowie des Völkischen Blocks (20,6 und 4,1). Die BVP konnte immerhin um einen Prozentpunkt zulegen. Die zum ersten Mal in Augsburg aufgelistete nationalistische und antisemitische Deutsch-Nationale Volkspartei DNVP kam aus dem Stand auf 8,3 Prozent und verbesserte sich im Dezember 1924 auf 14,9 Prozent. Bei der Wahl zum Stadtrat war die Parteienlandschaft fragmentierter. Die Sozialdemokraten sind mit 31,9 Prozent stärkste Kraft, die BVP mit 25,8 zweitstärkte. Dicht dahinter lagen mit 24,3 Prozent sonstige Parteien. Den Oberbürgermeister stellte jedoch von 1919 bis 1933 durchgehend die BVP. Die Gemeinderatswahl 1924 war die erste, bei der die NSDAP in Augsburg gelistet war (1,3 %). Der Trend hält bis zu den Krisenjahren 1929 an, die BVP avanciert zur stärksten Kraft, aber der Einfluss der NSDAP wird spürbar stärker. Diese konnte bei den kommenden Wahlen stetig zulegen und war im März 1933 bei den Reichstagswahlen mit 32,3 Prozent stärkste Kraft in Augsburg. Bereits 1922 gründete sich in Augsburg eine NSDAP-Ortsgruppe, nur ein Jahr später eine Abteilung der SA. In den Zwanzigerjahren nahm der Antisemitismus stetig zu, ein Augsburger Beispiel dafür ist eine Schändung des jüdischen Friedhofs in der Haunstetter Straße im Juli 1924. Der Parteigründer Adolf Hitler, der 1921 zum ersten Mal Augsburg besuchte, verbüßte bis 1924 seine Festungshaft im nahe gelegenen Landsberg am Lech. Grund war der misslungene Putschversuch der Nationalsozialisten vom November 1923.
Das Stadttheater kämpfte um 1924 wegen des von Gastspielen der Münchner Kammerspiele dominierenden Spielplans regelmäßig mit schlechter Presse. Erst mit dem neuen Intendanten Karl Lustig-Prean von 1927 bis 1931 änderte sich dies. 1929 wurde auch die Freilichtbühne offiziell eröffnet und diente als Sommerspielstätte. Das Augsburger Stadttheater erarbeitete sich einen besonderen Ruf. Ben-Haim wurde von der Presse gefeiert. Seine Entlassung hängt auch mit dem Intendantenwechsel 1931 zusammen. Lustig-Prean verteidigte bis zuletzt das Theater gegen rechte Angriffe, während sein Nachfolger Erich Pabst alle jüdischen Ensemblemitglieder entließ. Zwar rechtfertigte der Operndirektor die Entlassung aus wirtschaftlichen Gründen, Ben-Haim schrieb hingegen in Briefen über den täglichen Antisemitismus am Theater. Lustig-Prean musste 1931 gehen. Bereits Ende 1931 fanden erste Schauspiele mit nationalsozialistischer Prägung ihren Eingang ins Theater. 1937 bis 1939 kurz vor Kriegsbeginn, diente der Augsburger Ludwigsbau (heute: Kongress am Park) während einer Renovierung als Zwischenspielstätte. Das markanteste Ergebnis dieser Renovierung war neben dem Ausbau auch die Erweiterung der Gebäudefront. Die neue Fassade erhielt fünf statt bisher drei Bögen. Hintergrund dieser Idee war die Sichtachse zum Augsburger Adolf-Hitler-Platz (Königsplatz).
Der als Paul Frankenburger geborene Komponist nannte sich erst nach seiner Emigration nach Palästina Ben-Haim (hebräisch: Ben-Chaim). Damit schuf er einen bewussten religiösen Bezug zu seinem Vater. Während seiner Zeit in Augsburg existierte seit 1861 die sogenannte zweite jüdische Gemeinde. Die heute bekannte Synagoge der Stadt war nach Paul Ben-Haims Zuzug nach Augsburg gerade einmal seit sieben Jahren fertig gebaut, sie wurde 1917 mitten im Ersten Weltkrieg eröffnet. Für 1925 werden 1.203 Gemeindemitglieder genannt, was etwas weniger als 1 Prozent der damaligen Stadtbevölkerung entsprach. Die Synagoge diente als Zentrum des jüdischen Lebens in der Stadt. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 und der damit einhergehenden Verfolgung existierte die jüdische Gemeinde am 28. März 1938 offiziell nicht mehr.
Mehr dazu auch in unserer Sonderveröffentlichung zu 125 Ben-Haim.