Prima Klima in der Inner City?
Die Augsburger Innenstadt im superheißen Juni – kein Ort zum Verweilen. Ein Gastbeitrag von Peter Bommas
Was in etlichen Stadtteilquartieren im Rahmen der Stadtentwicklung teilweise gelungen ist – die grüne Aufenthaltsqualität zu verbessern, Wasser, Bäche und Kanäle sowie Bepflanzung und Beschattung zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden – gilt für die zentrale Innenstadt nicht: Fehlanzeige!
Vor dem Hintergrund der europaweiten Sommerdiskussion um Hitze, Klima und Grün in den Großstädten und anknüpfend an das Narrativ eines städtischen Bade- bzw. Schwimmkonzepts unter Einbeziehung der Kanäle sowie der Flüsse Lech und Wertach wird die Suche nach grünen Oasen im grau versiegelten Beton- bzw. Pflasterareal unserer Innenstadt zu einer großen und wichtigen Herausforderung für die Stadtgesellschaft.
Zur Beweisführung ein Stadtrundgang mit einer Schulklasse. Treffpunkt: Rathausplatz an einem heißen Tag im Juni – gleich das erste Fragezeichen. Kein Baum, kein Busch, kein Grün. Der Brunnen ohne Wasserspiele, rundum alles versiegelt, im Bezahlmodus beschirmt, und jugendliche Sitzkreise werden ungern geduldet. Als zentraler urbaner Platz mit Geschichte deutlich verbesserungswürdig.
Dann die Stufen hinunter zum Elias-Holl-Platz, begrenzt mit einer ost- und nordseitigen Baumreihe, unter der mehrere Bänke angebracht sind, von denen man den Platz gut im Blick hat. Es gibt dort aber – seit dem Ende von »La Piazza« – kaum etwas zu sehen. Die Bänke und der Platz bleiben meist leer. Aufenthaltsqualität wäre vorhanden, würde man sich konkrete Gedanken machen und sich in anderen Städten Rat holen: ein zentraler Boule-Platz unter Bäumen, ein kleiner mobiler Kiosk zur Nahversorgung – und schwupp, wäre diese graue Fläche ein Hingucker, ein Mehrgenerationen-Tummelplatz.
Wir setzen den Gang fort, an der Kresslesmühle und der alten Stadtmetzg (eigentlich der ideale Ort für ein bisher nicht vorhandenes Stadtmuseum!) vorbei zum Platz »Hinter der Metzg«. Auch hier wurde über viele Jahre hinweg unter einem Zirkuszelt Theater gemacht, es gab Bäume und Bänke, der Platz wurde als »Filiale« von »La Piazza« zelebriert, Altstadtkinder haben hier gespielt. Jetzt wechselt der Ort seit Jahren zwischen Parkplatz und Baustelle. Grün, Schatten, spielende Kinder? Fehlanzeige. Aufenthaltsqualität: gleich null. Gibt es hier einen zukunftsfähigen Gestaltungsplan?
Dann zurück, an der Mühle vorbei zum Hinteren Lech, zum Holbeinplatz. Eigentlich eine Aufenthaltsoase zwischen dem Ausstellungsort Kunstverein und attraktiven kleinen Ladengeschäften. Auch hier wäre mehr Grün ein Gewinn – ein großer Baum in der Mitte, Bänke, von denen aus man nicht an die Hauswand gegenüber blickt, sondern in den Himmel über Augsburg.
Spazieren wir weiter am Kanal entlang zu St. Ursula und dann zur City-Galerie: Der Platz davor – eine Bausünde sondergleichen. Keine Aufenthaltsqualität und regelmäßig missbraucht für krude Unterhaltungsindustrie – von der Hüpfburg bis zum Schlittschuh-Event. Schnell weg und durch die neue, mit Steinplatten planierte Bäckergasse: kein Grün, kein Baum, keine Pflanze – gar nichts. Die Außenbewirtungen der anliegenden Pizzerien und Kneipen liegen ungeschützt in der prallen Sonne direkt neben dem Autoverkehr. Man geht schnell weiter Richtung Puppenkiste, wünscht der Haifisch-Bar ein oder zwei Bäume vor der Tür zum chilligen Draußensitzen und landet schließlich am alten Spital. Dort: ein neu versiegelter kleiner Platz, der praktisch nicht nutzbar ist, aber eigentlich als kreativ begrüntes Pendant zur kleinen Biergartennische der Guinness-Fans an der Mauer der Toranlage sehr gut passen könnte. Großes Fragezeichen – denn der Platz wurde erst letztes Jahr als »schönes Stück Stadtentwicklung« gefeiert.
Dann durch die kleinen, putzigen Gässchen mit ihren einfallsreich begrünten Hinterhöfen und Gärtchen Richtung St. Ulrich und Maxstraße. Dort trifft einen die Hitze mit voller Wucht. Weit und breit kein Baum, kein Grün, kein Schatten. Gut, dass es die Höfe der Patrizierhäuser gibt – soweit man sie betreten darf. Und da kommt schon die nächste Hiobsbotschaft: Nach Auskunft von Dr. Trepesch (Direktor der Kunstsammlungen) bleiben der attraktive, viel genutzte Schaezlergarten und die Innenhöfe an der Katharinengasse wegen laufender, immer wieder aufgeschobener Sanierungsarbeiten bis auf Weiteres für Flaneur*innen und Schattensuchende gesperrt!
Der Boulevard selbst ist Verkehrsachse, Parkplatz, Showstreet für Cabrios und dicke Mopeds – aber kein Raum zum Sich-Aufhalten, keine Klima-Schneise im Häuserberg. Abhilfe brächte nur die immer wieder wegdiskutierte Realisierung einer echten Fußgängerzone vom Rathaus bis zum Ulrich. Also: Autos verbannen, Anlieferungen nur mit E-Fahrzeugen, Bäume, Sträucher und begrünte Fassaden – in der Mitte ein Wasserlauf von Brunnen zu Brunnen. Nach Auskunft der Alt-Augsburg-Gesellschaft keine »Schnapsidee«, sondern ein schon länger existierender, konkreter und durchaus umsetzbarer Vorschlag. Andere europäische Städte wie Bologna, Basel oder Paris sind da längst weiter und zeigen, dass solche Maßnahmen machbar sind – und durchsetzbar. Allein: Bei uns passiert nichts!
Die Stadtrundgänger*in konstatiert für diesen von vielen touristischen wie auch einheimischen Besucher*innen genutzten Bereich der Innenstadt einen eklatanten Mangel an klimafreundlicher Phantasie. Aus den Reihen der Schüler*innen bzw. Studierenden kommen am Ende dieses schweißtreibenden Rundgangs konkrete Vorschläge: etwa die Initiierung eines generationenübergreifenden Ideenwettbewerbs im Rahmen des Agendaprozesses, eine Aufwertung und Kenntlichmachung der Innenhöfe sowie – nicht zuletzt – die Forderung nach der Installation von ins Stadtbild passenden Trinkbrunnen. Dies alles wären Hebel für umsetzungsfähige, zukunftsträchtige Maßnahmen in Richtung »Mehr Grün, mehr Klimaschutz, mehr Hitzevorsorge« – und damit einer attraktiveren, klimagerechten Innenstadt.
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