Rausch und Kater
Der aus Italien stammende Mauro Bergonzoli verwandelt das Schaezlerpalais in ein poppig-buntes Comicheft. Der Spagat zwischen postmodernem Unernst und Albernheit gelingt nicht immer.
Die Epoche des Rokoko war zumindest auf ästhetischer Ebene keine Zeit für Tiefstapler. Vorbei sind schon mit dem Barock die Zeiten der nüchternen Kirchenbauten und der Mahnungen der Calvinisten zu Demut und Genügsamkeit. Spätestens Mitte des 18. Jahrhunderts brechen dann alle Dämme, sind Erotik, überbordende Natur und pompöse Selbstinszenierung, zumindest im höfischen Umfeld, tonangebend.
Insofern ist es nur konsequent, wenn Mauro Bergonzoli zur Eröffnung der Ausstellung »Magic Rococo« selbst als Gesamtkunstwerk in Begleitung seiner Ehefrau und Muse Franziska Gräfin Fugger von Babenhausen erscheint, im schimmernden Zweireiher mit Camouflage-Schal und pinken Einstecktuch, die Dame an seiner Seite mit Goldtressen am Blazer.
Bergonzoli kommt aus der Werbebranche und weiß um die Bedeutung von Sichtbarkeit. Und er weiß, dass man immer noch eins drauflegen muss, vor allem, wenn man neben den sowieso schon üppigen Meisterwerken im prunkvollen Ambiente des Schaezlerpalais bestehen will. Und er hat sich offensichtlich mit der dort vertretenen Kunst auseinandergesetzt. So stand für die »Marie Antoinette« eindeutig das Gemälde »Bildnis einer unbekannten Dame« von Johann Heinrich Tischbein (um 1750) Pate. 300 Jahre später wird es allerdings zum fröhlich-poppigen Remix mit dem Motiv der Gattin Ludwigs XVI. sowie Elementen des Kubismus (z.B. des ebenfalls nicht als Leisetreter bekannten Pablo Picasso) oder des kleinteiligen Pop-Art-Gewimmels eines James Rizzi.
Und so wird alles, was dem 1965 geborenen Mailänders, der inzwischen im schwäbischen Kirchheim lebt und arbeitet, vor die Flinte kommt, in diesem Stil durchdekliniert: Von belegten historischen Szenen – immerhin tanzte Marie Antoinette im Jahre 1770 tatsächlich in diesen Mauern Menuett – bis zum eindeutig von Milos Formans filmischer Interpretation »Amadeus« von 1984 inspirierten Mozart-Comicbild.
So arbeitet man sich Raum für Raum vor, durch rauschhafte Ball- und Boudoir-Szenen und Schlachtenszenarien, alles knallig-bunt und meist mit streng definierter Linie, bis zum letzten Raum mit diversen Seerosendarstellungen (die kunstgeschichtlichen Bezüge dürften bekannt sein).
Und kurz bevor der Rausch des Comic-Rokoko ob seines auf Dauer schmerzlich vermissten Tiefgangs und der Albernheit von 1970er-Jahre-Schmuddelfilmen von einem veritablen Kater abgelöst zu werden droht, verlassen die Farben die schwarzen Outlines, gewinnt die Farbe an Eigenwert, wird der Werbegrafiker tatsächlich zum Künstler, der Comic zur Graphic Novel. Wenn dann über einer leicht apokalyptischen Seenlandschaft (mit einem dunklen Wald? Oder der Skyline einer verlassenen Stadt?) kaum merklich ein verlorenes Comic-Häschen schwebt, ist tatsächlich so etwas wie eine Attitüde erkennbar.
Die Sonderausstellung »Mauro Bergonzoli – Magic Rococo« ist noch bis 24. April in der Deutschen Barockgalerie im Augsburger Schaezlerpalais zu sehen.
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
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