Römerland Bayern
Antike in Augsburg: Der Blick über den Tellerrand verleitet zum Stochern in einer schwärenden Wunde. Ein Gastbeitrag von Martin Kluger
Mit noch plumperer Schleichwerbung hat an dieser Stelle wohl bislang kein Gastbeitrag begonnen. Es ist nämlich so, dass jetzt mit dem neuen Kulturreiseführer »Die Römer zwischen Alpenrand und Limesland« mein mittlerweile 53. oder 56. oder wievieltes Buch auch immer zu einem süddeutschen Thema erscheint, und dass ich natürlich froh wäre, wenn recht viele Leserinnen und Leser dieser Zeilen das 268-seitige Taschenbuch kaufen würden. Das ist gut für den Buchhandel, gut für unseren kleinen Verlag und natürlich für mich – aber vielleicht halt ein bisschen auch für Augsburg. Weil: Es könnte gut sein, dass es dem oder der einen oder anderen genauso geht wie mir. Ich war trotz gewisser Vorkenntnisse am Ende doch überrascht, wie stark die römische Epoche sowohl Augsburg als auch sein Umland – vom Oberallgäu bis zum Limes in Mittelfranken und Niederbayern – geprägt hat.
Die Redewendung, dass einem etwas wie Schuppen von den Augen fällt, ist heute wohl nicht mehr sehr geläufig. Doch genau das war es, was mir beim Schreiben des Römer-Reiseführers passiert ist. Erstens, weil darin 351 (!) Fotografien konkret vor Augen führen, wie viel Römisches in unserer Region tatsächlich noch zu sehen ist, und zweitens, weil die beschriebenen Stationen dicht an dicht liegen. Man kennt ja in der Regel dies und das. Dass aber alle paar Dörfer lang schon wieder etwas irgendwie Antikes – sei es als Ausgrabung, in Form eines Bodendenkmals oder Gedenksteins, eines Exponats im Museum oder gleich als komplettes Römermuseum, wie dem todschicken Limeseum in Ruffenhofen – am Weg liegt, erstaunt dann doch. Wer das alles erkundet, wird vielfach überrascht werden.
Da ist zum einen die Tatsache, dass schon wieder etwas wie Schuppen von den Augen fällt: Denn weil die Regensburger zu ihrem Glück das Pech haben, dass an etlichen Stellen ihrer Stadt römische Mauern den Verkehr behindern, denkt man beim Thema »Römer in Bayern« üblicherweise zunächst an die Welterbe-Stadt an Donau und Regen, und nicht an die an Lech und Wertach. Derart fehlgeleitetem Denken schiebt aber der Untertitel meines neuen Römer-Reiseführers schon mal einen Riegel vor: »Die römische Provinz Raetien: Keimzelle des Kulturlandes Bayern« steht da nämlich zu lesen. Das ist in mehrfacher Hinsicht richtig und wichtig. Denn erst Kempten, bald danach Augsburg waren die Hauptstädte der römischen Provinz, die große Teile des heutigen Bayern und ein Stück Baden-Württemberg abdeckte. Hier liegen die Anfänge der Stadtkultur unterm weiß-blauen Himmel, hier spielte die Musik bei Wirtschaft und Handel, Kunst und Baukunst, Götterglauben und erstem Christentum. Das römische Regensburg ist – das vergisst man leicht – rund 200 Jahre jünger als Augsburg. Aus heutiger Sicht wären wir da – was den Abstand in Jahren betrifft – im Postkutschenzeitalter und gerade der Rokoko-Perücke entkommen. Und der Limes? Der ist heute wie Regensburg zwar UNESCO-Welterbe – aber letztlich bloß ein Denkmal römischer Militärpräsenz.
Zurück ins bayerische Schwaben. So wie die alten Germanen von den Römern irgendwann das Siegen lernten, kann Augsburg vom Limes und von Regensburg das Siegen lernen, im Übrigen auch von Kempten und vom Allgäu. Alle vier genannten Destinationen beziehungsweise Reiseziele machen schon heute ziemlich viel aus ihrer römischen Vergangenheit, vor allem im Kulturtourismus – aber nicht nur. In Regensburg lief es wohl auch deswegen recht gut mit der Vermarktung der Antike, weil dort Klemens Unger, Kulturreferent von 1999 bis 2019, vom Kulturtourismus in die Politik wechselte (freilich auch, weil das antike Zyklopenmauerwerk dort in der Tat imposant wirkt). Es sind aber nicht nur die Großen, die zeigen, wie es geht: So gibt es etwa in Epfach, einem 450-Seelen-Dörfchen im Landkreis Landsberg am Lech, ein Römermuseum – klein zwar, aber pfiffig gemacht, mit einem Römerpfad durchs ehemalige Abodiacum. Dort schafft man es sogar, Unterlagen für den Geschichtsunterricht bereitzustellen. Doch auch das Allgäu ist nicht eben schlecht unterwegs in Sachen Römer: vorneweg Kempten, das im Römerpark Cambodunum natürlich viel römisches Mauerwerk herzeigen kann. Doch es macht auch Spaß, durch das neu gestaltete Museum zu schlendern und dabei sogar der Göttin Cloacina, also der Göttin der Versitzgruben und Abwasserkanäle, zu begegnen. Und wo eigentlich gar nichts zu sehen ist, stellen die cleveren Allgäuer einfach ein paar überdimensionale hölzerne Legionäre in die Landschaft. Kaum zu übersehen, das.
Ist das jetzt eine wortreich verkleidete Kritik an der Augsburger Stadtregierung, der es seit Jahr und Tag nicht gelingt, ein neues Römisches Museum auf die Beine zu stellen und damit zu zeigen, was Sache ist: »Augsburg ist eine der wichtigsten Römerstädte«, wie Prof. Dr. Gunther Gottlieb am 4. Februar 2022 in einem Gastkommentar im Feuilleton der Augsburger Allgemeinen schrieb? Nein, ist es nicht. Weil: Erstens ist es furchtbar leicht, von anderen Lösungen zu fordern, und zweitens noch leichter, von anderen den Einsatz von Geld zu verlangen, das nun mal nicht da ist. Augsburgs Kulturreferent Jürgen Enninger hat das Thema Römisches Museum dieser Tage jedenfalls als »ein Herzensanliegen« bezeichnet. (Ich habe es schriftlich.)
Es schmerzt halt, zu sehen, was anderswo möglich wurde. Da die Mühlen noch lange mahlen werden, bis am Ende etwas für Augsburgs Römer herauskommt, sei es wenigstens erlaubt, mit dem verbalen pilum in der ohnehin schwärenden Wunde zu bohren. Das Thema darf jedenfalls nicht von den Ablagerungen der Jahrhunderte überdeckt werden, wie der römische Silbermünzenschatz an der Wertach. Selbst den hat man ja irgendwann gefunden. Fände man eine Lösung für Augsburgs Römisches Museum, die etwas weniger lang dauert, wäre das eine feine Sache. Bis dahin empfehle ich meinen neuen Kulturreiseführer »Die Römer zwischen Alpenrand und Limesland« als Lust auf mehr machende Lektüre. Für den hat übrigens Markus Blume, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, freundlicherweise ein Nachwort spendiert. Vielleicht machen er oder die Bayerische Staatsregierung ja auch mal was für ein Römisches Museum in Augsburg locker? Sich in laienhafter Unkenntnis etwas zu wünschen, das darf man ja. Schließlich: »Ein bissel was geht immer«, hieß das hoffnungsfrohe Motto des Monaco Franze. »Schau’n mer mal«, hat ein anderer Münchner Franze gesagt.
Für 2028 plant die Staatsregierung eine große Landesausstellung zum Thema Römer. Dabei sollen Kempten und Augsburg als große Ausstellungsorte bespielt werden. a3kultur wird das Projekt medial begleiten und das historische Erbe der Provinz Raetien sichtbarer machen.
Martin Kluger ist Leiter des Context Verlags Augsburg und Mitinhaber zweier Werbeagenturen, begleitete als Autor Augsburgs Weg zur Aufnahme der Wasserwirtschaft in die UNESCO-Welterbeliste
von Anfang an.
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