Politik & Gesellschaft

»Rom« bedeutet Mensch

Fabian Linder
29. Oktober 2021

Stadt und Regionalverband deutscher Sinti und Roma Schwaben e.V. veranstalteten eine öffentliche Diskussionsrunde zum Thema Diskriminierung von Sinti und Roma. Fabian Linder war für a3kultur vor Ort und berichtet von seinen Eindrücken.

Seit 2015 wird am 2. August der Porajmos als Europäischer Holocaust-Gedenktag an die Verfolgung der Sinti und Roma begangen. »Porajmos« bedeutet im Romanes, der Sprache der Sinti und Roma, »Verschlingen«. Zum ersten Mal sei der Gedenktag dieses Jahr von der Stadt gemeinsam mit dem Regionalverband deutscher Sinti und Roma begangen worden, erklärt Thomas Weitzel, für die Stadt als Veranstalter präsent. Dort sei die Idee entstanden, zusammen eine Diskussionsveranstaltung zu organisieren.

Zu Gast war mit Romani Rose nicht nur ein Mitbegründer, sondern auch der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Im Gespräch mit Moderatorin Sabine Pusch erzählt der 1946 in Heidelberg geborene Rose von seiner Kindheit im »Schatten von Auschwitz«. Die Eltern hätten darauf bestanden hier wieder Existenzen aufzubauen, um den Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Die vielen Wunden bei den Hinterbliebenen der verfolgten und in den Lagern getöteten Sinti und Roma seien allerdings nie verheilt, wie Rose anmerkte. Er erinnerte sich an ein Gespräch zwischen seinem Vater und einem Cousin, bei dem er zum ersten Mal bemerkt habe, wie belastend die Vergangenheit für seine Eltern gewesen sein musste.

Die Verfolgung der Eltern, aber auch die Tatsache, dass viele der Täter später nur die Uniform gewechselt hätten, waren auch die Beweggründe, warum der heute 75-Jährige begann, sich für die Gleichberechtigung der Minderheit einzusetzen und Diskriminierung den Kampf anzusagen. Auch wenn die Anerkennung der NS-Verfolgung erst 1982 erfolgte, habe sich auf politischer Ebene etwas geändert. Die gesellschaftlichen Vorurteile säßen allerdings tief, konstatiert Rose. Dabei sei dies »auch unser Land«. Man blicke auf eine über 600-jährige gemeinsame Geschichte zurück. Gegenwärtig ginge es nicht nur darum Speisekarten zu »überarbeiten«, sondern Diskriminierung zu bekämpfen. Etwa bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche.

Der Koblenzer Rapper Neco 309, selbst Sinto, begleitete den Abend mit seinen inhaltsstarken und kraftvollen Songs, in denen er Themen wie Diskriminierung verarbeitet. Seine Musik sei dabei nicht nur ein Ventil. Ganz bewusst singt Neco auf Deutsch, um aufzuklären, wie er im Gespräch erzählt. Angesprochen auf die Umfragen, wonach immer noch sehr viel Ablehnung gegenüber Sinti und Roma existiere, äußerte sich Neco kritisch: »Das ist erschreckend, das in der zivilisierten Welt noch so viel Abneigung gegenüber Sinti und Roma besteht.« Es brauche Aufklärung, um immer noch geltende Klischees abzubauen.

Für den Regionalverband Deutscher Sinti und Roma Schwaben war Marcella Reinhardt als Vorsitzende vertreten. Reinhardt sprach unter anderem über ihre Kindheit im Augsburger Fischerholz. Einer Gegend im Nordwesten der Stadt, wo nach dem Krieg viele Sinti und Roma unterkamen. Der Regionalverband setzt sich für die Belange der eigenen Minderheit ein. Neben Reinhardt auf dem Podium, sprachen drei junge Betroffene über die anhaltende Diskriminierung, von Staatenlosigkeit und langwieriger Einbürgerungsprozesse, obwohl man hier geboren sei. Reinhardt appellierte an die Öffentlichkeit, »sprecht mit uns, nicht über uns.« Schließlich liege die Zukunft in den Händen unserer Jugend. Es komme darauf an, was man den Kindern beibringe.

 

 

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