Ausstellungen & Kunstprojekte

»Running away is easy, it’s the leaving that’s hard«

Running Away Kunstverein © Mauricio and Pi
Gastautor

Im Kunstverein Augsburg zeigt das Künstlerpaar Mauricio Hölzemann und Pierre-Yves Delannoy ihre knapp ein- stündige Videoarbeit »running away is easy, it’s the leaving that’s hard«

Das Liebespaar nimmt uns mit auf eine (Zeit-)Reise, die sie emotional auf die Probe stellt und bewusst die eigentliche Bedeutung von »Zuhause« infrage stellt. Definiere ich mein Zuhause, oder definiert mein Zuhause mich? Queer und auf dem Land aufgewachsen, fanden sie sich in der freien Entfaltung der eigenen Person eingeschränkt – ein fluchtartiges Verlassen folgte. Durch die Rückkehr an die Orte, die sie vor langer Zeit hinter sich ließen, wird deutlich, dass Identität nur zum Teil an Heimat gebunden ist. Doch was bleibt von diesem Platz, der ja trotzdem ein so prägender für die eigene Entwicklung war? War es zwar ein Entkommen, so finden sich hier auch glückliche Erinnerungen. Das Wiederaufleben alter Leidenschaften und schließlich das Wiedersehen mit Menschen, die ihnen nahestanden, lassen sie den Abschied nehmen, der zuvor nicht möglich war. Nicht entwurzelt, wohl aber etwas entfremdet wandeln die beiden durch die Orte ihrer Jugend, die unveränderlich wirken, als stünde die Zeit still. Sie werden eingefangen in lange anhaltenden Einstellungen und erzeugen so eine Atmosphäre, die von idyllisch bis trostlos reicht, in jedem Fall aber eine sommerliche Nostalgie erweckt. Dies geschieht im Wechsel mit inszenierten Sequenzen, dokumentarischen Reiseaufnahmen und Momenten, die Einblicke in den intimen Austausch des Paares geben, ohne dabei performativ zu wirken. Humorvolle Albereien und skurrile Aktionen runden die Arbeit ab, sodass letztlich Raum für Unterhaltung wie auch für Kontemplation entsteht. Dabei wird eine echte Annäherung an die Emotionen und Gedanken der Künstler angeboten, für alle, die sich darauf einlassen. Das Projekt wirkt weniger wie ein Aufreißen alter Wunden, als das Betrachten und Besprechen von Narben, die längst Teil von einem selbst sind. Es mag den Künstlern zur Verarbeitung einer vielleicht verdrängten, aber niemals vergessenen Kindheit dienen. Ohne gar zu politisch aufgeladen zu sein, gibt es außerdem Einblick in queere Lebensrealitäten. Vielleicht kann es nicht jeder nachempfinden, aber jeder kann versuchen, es zu verstehen. 

Die ausdrückliche Empfehlung: Sich eine Stunde Zeit nehmen und diese Ausstellung besuchen. Sie ist bis zum 18. Oktober im Kunstverein Augsburg zu sehen. 

Weitere Informationen unter: www.groundfloor-playground.de 

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