s‘Anger Is An Energy
Eine Einzelausstellung in der »Ecke Galerie« mit neuen Werken von Stefan Wanzl-Lawrence vereint laute und leise Töne oft im selben Bild und zeigt Lust und Elend des Menschen in unserer Zeit.
Es möge dem Autor dieser Position verziehen sein, dem schrillen Ex-Sänger der Punkband »Sex Pistols« John Lydon den Titel seiner Autobiografie entwendet und mit dem eigentlichen Ausstellungstitel »s‘wonderful / s‘marvelous« zusammengemixt zu haben, welcher ebenfalls einen Musikbezug hat: Es handelt sich dabei nämlich um einen Titel von George Gershwin für das Musical »Funny Face« aus dem Jahre 1927.
Und wie eine Musik-Playlist, die zunächst keiner Ordnung zu folgen scheint, aber eben das musikalische Spektrum ihrer Nutzer*in abbildet, liest sich auch das Werk des 1965 geborenen Stefan Wanzl-Lawrence: Radikale Stimmungswechsel, ständig wechselnde Farbpläne, Streifzüge durch die Kunstgeschichte, von der dunklen Romantik bis zur Neuen Sachlichkeit, und Ausflüge in schrill-poppige bzw. -punkige Gefilde. Dabei steht immer der Mensch im Vordergrund; mal sehr grob als Skizze, dann wieder fein ausgearbeitet als fast klassische Aktzeichnung.
Musik spielt im Leben Wanzl-Lawrence‘ eine große Rolle. Schon in jungen Jahren prägten Punkbands, die Namen wie »Infektiöser Abfall« trugen, ihr Leben in der verschlafenen bayerischen Provinz. Laute Klänge, die das Renaissance-Idyll, das von ärmlichen Arbeiterbehausungen konterkariert wurde, erbeben ließen. Doch der von vielen Anhängern dieser Subkultur glorifizierte Absturz war nicht Wanzl-Lawrence‘ Ding. Sie versuchte, der Welt auf höherem Niveau den Spiegel vorzuhalten, ging nach Augsburg, studierte Kommunikationsdesign, erlernte die Druckkunst und die Malerei.
Und so entstanden alleine in den letzten Jahren zahlreiche Arbeiten, von denen 61 derzeit in der Ecke-Galerie (die in den Wintermonaten auch wieder von der Künstlervereinigung Die Ecke e. V. bespielt wird, bevor im Frühjahr wieder die Galerie Cyprian Brenner das Ruder übernimmt) zu sehen sind: Aquatinta-Radierungen, Ölgemälde, Buntstiftzeichnungen, vom A4-Format bis zu großformatigen Gemälden; immer wieder Akte und Porträts – keine Schönheiten wie aus Modekatalogen, oft auf halber Strecke aufgegeben, unfertig, grotesk-höhnisch überzeichnet, dann wieder respektvoll dominant, oft additiv nebeneinander statt in Gemeinschaft verbunden; und in ihrer Verletzlichkeit oft bedrängt von schreienden Farbtönen und aggressiven Mustern. Charles Bukowski meets Albrecht Dürer.
Man möchte der in ihrem Auftreten sehr zurückhaltenden Künstlerin solche Ausbrüche gar nicht zutrauen. Aber ihre Arbeiten sind oft das Ergebnis zahlreicher Sitzungen in höchst unterschiedlichen Gefühlslagen, und diese sind nicht zuletzt von der Musik beeinflusst, von getragener Klassik bis zum lärmenden Punkrock.
Das ist auf jeden Fall sehr physisch und sehr sinnlich. Ist es auch politisch? Gemälde wie »Regelung und Steuerung« gemahnen sowohl durch ihren Titel wie auch durch ihre rätselhafte, aber doch irgendwie nicht unbekannte Thematik des mit Lanzen und Flammenwerfern posierenden toxischen Mitbürgers an aktuelle oder vergangene finstere Zeiten. Und wenn einem vom gleichnamigen Bild die geschriebene Parole »Arsch retten« entgegengeworfen wird, kann man dies auf die unfertigen Körper darunter beziehen, aber auch auf den durch aktuelle Krisen noch verstärkten Selbsterhaltungstrieb in unserer Zeit.
Das Letzte, was der/die Besucher*in beim Verlassen der Ausstellung sieht, ist jedoch ein Selbstporträt (?) der Künstlerin – hüllenlos, natürlich – zwar mit kühlem Blick, aber kokett gespitztem Mund. Am Ende siegt doch die Liebe. Oder?
Die Ausstellung »s‘wonderful / s‘marvelous« ist noch bis 24. Februar in der Ecke-Galerie am Elias-Holl-Platz zu sehen.
Künstlergespräch mit Stefan Wanzl-Lawrence und Thomas Sing:
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