Schatten der Vergangenheit
Wie das NS-Regime eine ganze Region zum Komplizen machte: Orte der Zwangsarbeit in Schwaben
»Der Gau Schwaben. Ein Wirtschaftsgebiet von Weltgeltung« – so titelte 1935 die Neue National-Zeitung, das amtliche Organ der NSDAP im Gau Schwaben. Was spätestens ab 1938 zwingend beachtet werden muss: Dieser wirtschaftliche Aufschwung basierte zu großen Teilen auf der systematischen Ausbeutung von Zwangsarbeiter*innen. Von der Rüstungsindustrie bis zur Landwirtschaft, von großen Konzernen bis zu kleinen Handwerksbetrieben – das System der Zwangsarbeit durchzog alle Bereiche des wirtschaftlichen Lebens in Schwaben.
Die Orte der Zwangsarbeit sind bis heute im schwäbischen Raum präsent, oft unscheinbar und auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar. Sie finden sich in stillgelegten Fabrikhallen wie der ehemaligen Weberei in Kaufbeuren, in Militäranlagen wie dem Flugplatz bei Oettingen oder in Stadtquartieren wie der Augsburger Messerschmitt-Siedlung. Einige dieser Orte, wie die »Halle 116« in Augsburg, sind heute Gedenkstätten. Andere warten noch darauf, als historische Zeugnisse wahrgenommen zu werden.
Die systematische Erforschung dieser Geschichte ist eine kontinuierliche Aufgabe. Unter anderem die Bezirksheimatpflege Schwaben, die Erinnerungswerkstatt Augsburg und die Fachstelle für Erinnerungskultur arbeiten daran, diese Orte zu dokumentieren und ihre Geschichte aufzuarbeiten. Diese Reportage führt zu bekannten und weniger bekannten Schauplätzen der Zwangsarbeit in unserer Region. Sie zeigt auf, wie allgegenwärtig dieses System war, beleuchtet die Schicksale der Opfer und dokumentiert den aktuellen Stand der Forschung über dieses dunkle Kapitel schwäbischer Geschichte.
Ballonfabrik:
Unter der Leitung von Kommerzienrat August Riedinger entwickelte sich die 1897 gegründete Ballonfabrik zum Weltmarktführer im Ballonbau. Das Unternehmen spezialisierte sich auf Drachenballons nach dem Konstruktionsprinzip von August von Parseval und Hans Bartsch von Sigsfeld. Vor allem militärische Aufträge, zu denen auch die Lieferung von Motorwinden für Fesselballons gehörte, trugen zum Erfolg bei. Bis zum Ersten Weltkrieg wuchs die Belegschaft auf 800 Mitarbeiter an. In der NS-Zeit wurde die Produktion durch den systematischen Einsatz von Zwangsarbeiter*innen aufrechterhalten. Unter ihnen befanden sich zahlreiche jüdische Bürgerinnen und Bürger aus Augsburg, deren Schicksale dokumentiert sind: das Ehepaar Eugen und Emma Karolina Oberdorfer, Jenny Wassermann und Minna Wolf – Letztere hatte zuvor ein Schuhgeschäft in der Stadt geführt und ihre Tochter mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht. Auch Frieda Rosenstiel, Ernestine Levi, der Religionslehrer Emil Liffgens sowie Gertrud Charon und ihre Tochter Erika wurden hier zur Arbeit gezwungen. Viele dieser Schicksale sind von der Erinnerungswerkstatt Augsburg gesammelt und veröffentlicht worden. Heute ist die Ballonfabrik eines der Kreativquartiere der Kulturpark West GmbH und unter
anderem auch der Sitz der a3kultur-Redaktion.
Halle 116:
Als Teil einer Luftnachrichtenkaserne entstand die Halle in den 1930er-Jahren und wurde zunächst für militärische Fahrzeuge genutzt. Nach der Zerstörung des KZ-Außenlagers Haunstetten durch alliierte Luftangriffe verlegte man im Mai 1944 bis zu 2.000 KZ-Häftlinge in das Gebäude. Diese mussten Zwangsarbeit für die Messerschmitt AG leisten. Die US-Armee integrierte die Halle nach Kriegsende in die Sheridan-Kaserne, wo sie verschiedene Funktionen erfüllte – von der Fahrzeugwerkstatt bis zur Bibliothek. Die als »Halle 116« bekannte Gedenkstätte steht Besucher*innen als Erinnerungs- und Lernort für historisch-politische Bildung, im heutigen Sheridan-Park, offen. Dort ist auf rund 600 Quadratmetern eine Ausstellung zur Augsburger Zeitgeschichte zu sehen. Themen sind neben der KZ- und Zwangsarbeit in Schwaben, der Aufstieg des Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit und der vielfältige Einfluss der amerikanischen Besatzer in Augsburg.
Öffnungszeiten der Ausstellung: Mittwoch 10:00 - 15:00 Uhr, Samstag und Sonntag 10:00 - 16:00 Uhr
Weitere Informationen hier.
KZ-Außenlager Kaufbeuren:
Ein Außenlager des KZ Dachau befand sich von Frühjahr 1944 bis zum 15. April 1945 in einer ehemaligen Produktionsstätte der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Kaufbeuren. Zwischen 300 und 600 männliche Häftlinge wurden hier zur Arbeit für zwei Unternehmen gezwungen: BMW und die Schwäbische Formholz AG, eine Tochtergesellschaft der Messerschmitt AG. Wer mehr über die Geschichte der Zwangsarbeit in Kaufbeuren erfahren möchte, dem sei die aktuelle Sonderausstellung »Massenverbrechen Zwangsarbeit« im Stadtmuseum empfohlen, die verschiedene lokale Zwangsarbeitsstätten dokumentiert.
Michel-Werke:
Die Michel-Werke, spezialisiert auf die Herstellung von elektrischen Schaltapparaten, Steckdosen und Relais, produzierten fast ausschließlich für militärische Zwecke. Die enge Verbindung zum NS-Regime spiegelte sich in der Auszeichnung als »Kriegsmusterbetrieb« und der Ernennung des Firmengründers Johann Michel zum »Wehrwirtschaftsführer« im Jahr 1943 wider.
An der Ulmer Straße in Kriegshaber entstand ein KZ-Außenlager der Michel-Werke, in dem 500 jüdische Frauen aus Ungarn interniert waren. Die Zwangsarbeiterinnen, die bei ihrer Ankunft in Augsburg bereits einen langen Leidensweg hinter sich hatten, mussten in Tag- und Nachtschichten nicht nur in den Michel-Werken selbst arbeiten, sondern wurden auch an die Firma Keller & Knappich sowie die Industriewerke Lohwald bei Neusäß »verliehen«. Wer den brutalen Arbeitsbedingungen nicht mehr standhalten konnte – sei es durch Verletzungen, Krankheit oder Erschöpfung –, wurde deportiert.
Straßenbahnausbau Linie 4 (Messerschmitt-Siedlung):
Die wachsende Zahl von Fachkräften bei den Messerschmitt-Werken führte zu einer angespannten Wohnungssituation in Augsburg. Als Reaktion darauf wurde nicht nur die Messerschmitt-Siedlung in Haunstetten erweitert, sondern die Augsburger Wohnbaugesellschaft errichtete auch im Hochfeld 18 neue Wohnblöcke mit 474 Wohnungen.
Der Ausbau der Infrastruktur folgte: Die Straßenbahnlinie 4 nach Haunstetten wurde zweigleisig ausgebaut und modernisiert. Für die Hauptverkehrszeiten entstanden Abstellgleise an der Haunstetter Straße und der Ilsungstraße, wo zusätzliche Straßenbahnen bereitgehalten werden konnten. Parallel dazu entwickelte die Stadt Augsburg ein System von »Sammellagern« für die wachsende Zahl der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Bei der Planung dieser Lager wurde bewusst Abstand zu Wohngebieten gehalten – sie galten im Falle von Luftangriffen als besondere Gefahrenquellen. Drei dieser Lager wurden realisiert: Sammellager II im Norden an der Donauwörther Straße, Sammellager IV an der Zugspitzstraße und Sammellager V an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße, wo auch die Zwangsarbeiter*innen der Messerschmitt-Werke untergebracht waren.
KZ-Außenlager in Burgau/Gedenkweg »Waldwerk Kuno«:
In den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945 errichteten Häftlinge aus dem KZ-Außenlager Augsburg-Pfersee ein weiteres Außenlager des KZ Dachau in Burgau. Im »Waldwerk Kuno«, einer vermeintlich geheimen Produktionsstätte der Messerschmitt AG, mussten rund 1.100 Menschen Zwangsarbeit leisten – vorwiegend jüdische Frauen, die aus verschiedenen Konzentrationslagern hierher verschleppt wurden. Sie wurden zum Bau des Flugzeugmodells Me 262 gezwungen. Die katastrophalen Lebensbedingungen, geprägt von harter Arbeit und massiver Unterernährung, forderten viele Todesopfer. Ein heute eingerichteter Gedenkweg durch den Scheppacher Forst ermöglicht es Besucher*innen, sich mit dem ehemaligen »Waldwerk Kuno« als düsterem Kapitel der Geschichte auseinanderzusetzen.
Militärflugplatz Oettingen:
Zwischen 1934 und 1937 entstand bei Oettingen im Ries ein Militärflugplatz, der 1939 um eine Fliegerhorst-Kommandantur erweitert wurde. Das weitläufige Areal verfügte neben einer Start- und Landebahn über verschiedene Gebäudekomplexe. Ab 1941 diente das Gelände auch als Kriegsgefangenenlager für mehr als 300 sowjetische Zwangsarbeiter*innen. Nach Kriegsende wurden hier sudetendeutsche Heimatvertriebene untergebracht. Seit 2008 erinnert ein Denkmal in Heuberg an die Geschichte des Ortes, an dem die ausgedehnten Überreste des ehemaligen Militärflugplatzes bis heute sichtbar sind.
Opfergruppen:
Die Zwangsarbeit in Augsburg zwischen 1939 und 1945 erfasste Menschen aus fast allen Teilen Europas. Sie waren in sämtlichen Wirtschaftsbereichen tätig – von großen Industriebetrieben bis zu kleinen Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Die Verschleppung erfolgte in Wellen: Nach dem Überfall auf Polen 1939/40 kamen zunächst polnische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter*innen, nach dem Westfeldzug 1940 folgten Menschen aus Belgien und Frankreich. Später wurden auch Zwangsarbeiter*innen aus Jugoslawien, Ungarn, Skandinavien, den Niederlanden und Italien nach Augsburg gebracht. Die mit Abstand größte Gruppe stellten jedoch Menschen aus der Sowjetunion.
Zahlen verdeutlichen das Ausmaß: Waren am 8. Mai 1942 noch 3.141 Ausländer in Augsburg zur Arbeit gezwungen, stieg ihre Zahl bis April 1943 auf 8.022 und erreichte im Oktober 1944 mit 11.655 Personen ihren Höhepunkt. Damit waren 32,7 Prozent der Augsburger Arbeiterschaft ausländische Zivilarbeiter*innen und 3,9 Prozent Kriegsgefangene. In der Rüstungsindustrie lag der Anteil noch höher: Bei Messerschmitt waren 47,5 Prozent der Beschäftigten ausländische Zivilarbeiter*innen, bei MAN arbeiteten 23,6 Prozent zivile und 7,3 Prozent kriegsgefangene Ausländer*innen – Tendenz bis März 1945 steigend.
Doch nicht nur Menschen aus dem Ausland wurden zur Zwangsarbeit gezwungen. Das Schicksal des Ehepaars Oberdorfer steht beispielhaft für die Verfolgung jüdischer Bürger*innen: Eugen Oberdorfer, geboren 1875, hatte als »deutscher Patriot« im Ersten Weltkrieg gekämpft und war verwundet worden. Mit seiner Frau Emma Karolina, geboren 1884, führte er die väterliche Schirmmanufaktur, bis sie im Zuge der Arisierung gezwungen wurden, Betrieb und Haus in der Maximilianstraße weit unter Wert zu verkaufen. Beide mussten in der Ballonfabrik Augsburg Zwangsarbeit leisten. 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nur ihren beiden Kindern gelang die Flucht.
Welche Firmen im Raum Schwaben von Zwangsarbeit profitierten – eine Auswahl:
Die Messerschmitt AG steht wie keine andere Firma für die industrielle Zwangsarbeit in Schwaben während der NS-Zeit. Doch das System reichte weit über die bekannten Großbetriebe hinaus: Allein in das Zulieferernetzwerk von Messerschmitt waren über 130 Firmen direkt oder indirekt eingebunden. Neben den bereits erwähnten Michel-Werken und MAN profitierten zahlreiche weitere Unternehmen von der Ausbeutung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.
Die Zahnräderfabrik Augsburg (Renk) entwickelte sich als wichtigster schwäbischer Zulieferer für Messerschmitt und MAN zu einem zentralen Akteur der Rüstungsindustrie. Das Unternehmen, das in den 1930er-Jahren Getriebeteile für Schiffe, Fahrzeuge und Flugzeuge herstellte, erweiterte sein Produktionsspektrum kurz vor Kriegsbeginn um Torpedo- und Flakfertigung. Im vorletzten Kriegsjahr waren von 1.370 Beschäftigten mehr als 40 Prozent Zwangsarbeiter*innen – darunter 330 »Ostarbeiter*innen« sowie französische und italienische Kriegsgefangene.
Auch die Maschinenfabrik Keller & Knappich (KUKA) profitierte von ihrer frühen Verbindung zum NS-Regime. Die Firmeninhaber, frühe NSDAP-Mitglieder, bauten ihr Unternehmen von einer mittelständischen Firma zu einem Großbetrieb aus. Die Belegschaft wuchs durch den systematischen Einsatz von Kriegsgefangenen, »Zivilarbeiter*innen« und KZ-Häftlingen stetig an. 1944 waren allein im Sammellager II in der »Abteilung KUKA« 1.400 Menschen interniert.
Selbst traditionelle Textilbetriebe wie Martini & Cie. wurden Teil des Systems. Das Unternehmen stellte ab 1937 Uniformstoff her, bedruckte Zeltbahnen mit Tarnmustern und entwickelte Ersatzstoffe für die Wehrmacht. Von den 607 Beschäftigten im Januar 1944 lebte ein erheblicher Teil als »Ostarbeiter*innen« in Baracken auf dem Werksgelände.
Diese Beispiele zeigen, wie tief die Zwangsarbeit in der schwäbischen Wirtschaftsstruktur verankert war. Vom Rüstungsbetrieb bis zum Textilunternehmen – kaum ein größerer Betrieb blieb außen vor. Die Kooperation mit dem NS-Regime und die Ausbeutung von Zwangsarbeiter*innen wurde zur Normalität im Wirtschaftsleben der Region. Die Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit in Schwaben macht stetige Fortschritte. Mit der Broschüre über NS-Erinnerungsorte leistet die Bezirksheimatpflege Schwaben wichtige Grundlagenarbeit, während die aktuelle Sonderausstellung im Stadtmuseum Kaufbeuren das Thema einem breiten Publikum zugänglich macht. In Augsburg treibt unter anderem die Stelle für Erinnerungskultur unter Leitung von Dr. Felix Bellaire die wissenschaftliche Aufarbeitung voran, und die »Wege der Erinnerung«-Broschüre der Erinnerungswerkstatt Augsburg macht die Geschichte vor Ort erlebbar. Diese vielfältigen Initiativen zeigen: Die Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel der schwäbischen Geschichte ist heute lebendiger denn je - und sie bleibt eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.
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