Schrecklich berührend
Fotografische Aufstellung »Sichtungen« von Rudolf Zimmermann im MUGS.
Die Fotografie, gibt Museumsleiterin Dr. Doris Hafner unumwunden zu, sei gar nicht so ihr Ding – zu eindimensional. Rudolf Zimmermann, der Schwabmünchener Kunst- und Kulturpreisträger von 2021, gilt ihr als große Ausnahme: So tiefgründig wirken seine ab 2018 entstandenen »Sichtungen«. Anlass für Zimmermanns höchstpersönliche Fotoserien war die Auflösung seines Elternhauses, in dem über 60 Jahre praktisch nichts weggeworfen wurde. Zeit für den praktizierenden Kunsttherapeuten, eigene Familienhintergründe zu reflektieren – und sich ein kindlich-spielerisches Herangehen auf brillantem Niveau zu gestatten.
Als spärlich oder gar nicht bekleideter Mann, Jahrgang 1953, sucht er sich in privaten, sorgfältig arrangierten Milieus selbst – und strahlt dabei seltene Würde aus. Willkürlich spießt er Menschenschicksale auf, beleuchtet das Zwielicht seiner bigotten Brutstätte, inszeniert Abgründe aus seiner langjährigen therapeutischen Praxis. Teils fotografisch, teils installativ wirbelt Zimmermann verdrängte Altlasten auf und formt sie zu bizarren Arrangements, die fröstelnde Assoziationsfluten auslösen. Immer wieder umkreist er dabei religiöse Themen, Missbrauch und Kriegstraumata. In feinen Details zitiert er sein Vorbild Joseph Beuys, der zutiefst an das künstlerische Potenzial jedes Menschen glaubte.
Beim tiefen Blick in vergilbte Gesangbücher oder auf abgegriffene Rosenkränze seiner Uroma erschließt der detailgenaue Fotokünstler ganz neue Welten. Er nennt sie »Dialog« oder »Gebundene Landschaften« – tatsächlich tun sich hier Formationen auf, die zum Freeclimbing einladen oder wie Blitzableiter aus samtiger Oberfläche ragen. Es ist und bleibt der gedruckte Mythos von Glaube, Liebe, Hoffnung, den Zimmermann in seiner Arbeit immer wieder hinterfragt. Für ihn steht fest: Nur Schönes zu schaffen, langweilt. Sein Werk soll vielmehr dazu ermutigen, das eigene Selbst zu finden und zu leben – auch wenn das innere Stärke erfordert, kraftvoll dargestellt in seinem entschlossenen Selbstbild »Abgrenzung«.
Die Ausstellung »Sichtungen« läuft bis zum 6. Januar 2026. Sie ist bei freiem Eintritt geöffnet: mittwochs 14 – 19 Uhr, samstags und sonntags 10 – 17 Uhr, an Feiertagen 14 – 17 Uhr.
Am 7. Dezember findet um 15 Uhr ein Künstler*innengespräch statt.
Vom 8. November 2025 bis zum 1. Februar 2026 lädt das MUGS außerdem zur Weihnachtskalender-Sonderschau »Winterzeit & Türchenzauber« ein.
Termine & Infos: https://www.kultur-schwabmuenchen.de/museum
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