Die schwierige Zeit hat uns zusammengeschweißt
Ein Interview mit dem geschäftsführenden Vorstand der bkp Valentin Holub.
a3kultur: Wie wurde die bkp auf Ben-Haim aufmerksam?
Valentin Holub: Vor vielen Jahren hat mich ein Mitglied unseres Freundeskreises un-schätz-bar im Gespräch nach einem Konzert auf den Komponisten Paul Ben-Haim und seine Verbindung zu Augsburg aufmerksam gemacht. Damals hat eine sehr kurze Recherche ergeben, dass es sich hier um eine sehr interessante Persönlichkeit handelt, mit einem hierzulande fast vollkommen unbekannten Gesamtwerk.
Wie verläuft bei der bkp der Entscheidungsprozess, ob so ein großes Projekt angegangen wird? Zuerst wird die Idee mit dem Vorstand durchgesprochen und die Planung skizziert und dann der Mitgliederversammlung vorgestellt.
Was reizt Sie und Ihre Kolleg*innen im Ensemble an Ben-Haims Musik?
Seit ihrer Gründung vor 32 Jahren beschäftigt sich die bkp mit den Werken verfemter, ausgegrenzter und zu Unrecht vergessener Komponistinnen und Komponisten. Paul Ben-Haim hat durch seine Geburt in München und seine mehrjährige Tätigkeit als Kapellmeister am Augsburger Theater eine besondere Beziehung zu Bayern und speziell eben auch zu unserer Stadt (damals noch als Paul Frankenburger). Es gibt eine Handvoll Werke, die er genau für unsere Kernbesetzung, das Streichorchester, geschrieben hat. Eine bessere Ausgangslage konnte es kaum geben. Wir haben uns das erste Mal im Herbst 2017 musikalisch an seine Werke herangetastet.
Konnten Sie mit Menschen sprechen, die Ben-Haim noch gekannt und erlebt haben?
Hier in Deutschland leider nicht, dafür aber habe ich mit Menschen aus Israel sprechen können, die sich noch gut an Paul Ben-Haim erinnern. Ein zurückhaltender, bescheidener Mann, der mit starkem deutschen Akzent Hebräisch gesprochen hat und in Palästina und dem späteren Israel das musikalische Leben mit einem in einem positiven Sinne hohen (deutschen) Organisationsgrad aufgebaut hat.
Wie geht man so ein Projekt denn überhaupt an – mithilfe von CDs, Konzerten, Dokus? Zuerst muss viel recherchiert werden, da war der Leerlauf während des ersten strengen Lockdowns verbunden mit einem Künstlerstipendium hilfreich. Ich habe Biografien gewälzt, das Werk gesichtet, Partituren studiert, Aufnahmen gesucht und angehört. Wir konnten für die wissenschaftliche Arbeit Dr. Tobias Reichard vom Ben-Haim-Forschungszentrum, das an die Hochschule für Musik und Theater München angeschlossen ist, gewinnen. Für die CD konnten wir unseren langjährigen Partner BR-Klassik und unser Label Avi-Music überzeugen. Bei den Konzerten muss man immer viele Klinken putzen, besonders wenn es sich um »exotisches« Repertoire handelt.
»Einen sehr großen Teil hat allerdings ein Mitglied unseres Freundeskreises privat gespendet.«
Wie finanziert man so ein Projekt?
Das ist tatsächlich immer die Gretchenfrage, da wir als freies Ensemble nicht über ein festes Budget verfügen können und unser Sponsoring und unsere Förderung komplett in unsere Konzertreihe fließen. Für die CD-Produktion war es eine Kombination aus Unterstützungen von BR-Klassik und der Stadt Augsburg, einen sehr großen Teil hat allerdings ein Mitglied unseres Freundeskreises privat gespendet. Ohne diese Unterstützung hätte dieses Projekt nicht stattfinden können. Für die Umsetzung der acht Konzerte in diesem Jubiläumsjahr (125. Geburtstag Paul Ben-Haims) hat uns das zweite Neustart-Kultur-Programm des Bundes entscheidend geholfen, zusätzlich gibt es aber auch eine Unterstützung des Kulturfonds des Freistaats und für das Augsburger Konzert eine finanzielle Hilfe der Stadt. Das Neustart-Programm soll speziell der freien Szene helfen, wieder Fuß zu fassen. Wir wollten die Chance ergreifen, auch dort Kultur hinzubringen, wo sie in den letzten Jahren am wenigsten stattgefunden hat, nämlich im ländlichen Raum bei kleineren Veranstaltern, die eine wichtige Arbeit leisten. Gleichzeitig wollten wir die Chance des Neuanfangs aber auch nutzen, um dem oft recht schmalspurigen Konzertkanon eine Repertoireerweiterung angedeihen zu lassen.
Wenn man die Werke von Ben-Haim oder aber auch anderer verfolgter, geflüchteter und bedrohter Künstler*innen spielt, deren Schicksal uns präsent ist, weil gegenwärtig oder noch nicht allzu lang vergangen, wie macht sich diese Geschichte in der Arbeit mit dem Werk bemerkbar?
Besonders die historische Einordnung des Komponisten, speziell das Ende der Augsburger Zeit, hat uns sehr erschüttert. Dass er als erfolgreicher 1. Kapellmeister bereits 1931 nach einem Intendantenwechsel unter vorgeschobenen Spargründen seinen Job verloren hat und in ganz Europa keine Folgeanstellung fand, zeichnet ein düsteres Bild des vorherrschenden Antisemitismus bereits zwei Jahre vor der schicksalhaften Wahl, die Deutschland ins Dritte Reich führte. Dann gibt es aber die Emigration nach Palästina und den unermüdlichen Aufbau des Musiklebens im neuen Staat Israel, verbunden mit einem großen Werkverzeichnis – das alles gibt Hoffnung und Zuversicht. Bleiben nur noch die Frage, warum Ben-Haims Werk hierzulande so unbekannt ist, und die Hoffnung, dass wir das ein bisschen ändern können.
Die bkp spielt ein sehr breites Repertoire – gab es Überlegungen, sich noch mehr zu spezialisieren?
Das muss kein Gegensatz sein. Die Musik ist zu spannend und unser Publikum zu aufgeschlossen, um bei einem Repertoire hängenzubleiben. Gleichzeitig macht es unglaubliche Freude, sich intensiv in ein bestimmtes Repertoire hineinzuarbeiten, die gewonnenen Erkenntnisse und neuen Spielarten sind oft auch für andere Epochen dann wieder einsetzbar oder zumindest hilfreich.
Die Musiker*innen der bkp sind kein festes Ensemble – wie findet man sich, was hält zusammen? Es gibt einen festen Mitgliederstamm und einen großen Pool von Musikerinnen und Musikern, die uns seit vielen Jahren begleiten. Die Begeisterung für die Herausforderung, immer wieder Neues zu entdecken und Altbekanntes frisch zu erarbeiten, sind ein wichtiger Faktor. Freundschaftliche Verbundenheit nicht nur unter den Ausführenden, sondern auch mit unserem treuen Publikum, das uns auch in den vergangenen zweieinhalb Jahren nicht im Stich gelassen hat, kommen hinzu. Die für die Kultur schwierige Zeit hat uns in jedem Fall noch mehr zusammengeschweißt.
Was sind die nächsten großen Themen bei der bkp?
Wir freuen uns jetzt erst einmal auf eine neue Saison mit zahlreichen Konzerten und Gastspielen, hoffentlich ohne große Einschränkungen. Wir sind sehr gut in den Vorverkauf gestartet und wollen hoffen, dass wir an unsere gute abgelaufene Saison mit überwiegend ausverkauften Konzerten anschließen können. Im Hintergrund laufen bereits die Planungen für die nächsten Jahre.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit un-schätz-bar?
Der Freundeskreis war immer ein wichtiger Faktor, das hat sich besonders in der Pandemie überdeutlich gezeigt. Ohne die großartige finanzielle und emotionale Unterstützung der einzelnen Mitglieder hätten wir diese Zeit vielleicht gar nicht überstanden.
Begeisterung für die Herausforderung
Neues zu entdecken und Altes frisch zu erarbeiten sind Markenzeichen der bkp.
Das Ensemble wurde 1990 in Augsburg gegründet. Markenzeichen des Orchesters sind die starke Einbindung und künstlerische Energie jedes einzelnen Mitglieds, die sich vor allem im Musizieren ohne Dirigat auf höchstem Niveau äußern.
Um ihre außergewöhnlichen Konzertprogramme verwirklichen zu können, veranstaltet die bayerische kammerphilharmonie seit 2004 die Reihe »un·er·hört«, deren Konzerte zu den Sternstunden des Augsburger Kulturlebens gehören.
Das Orchester reiste zu internationalen Festivals auf die Kanarischen Inseln, durch ganz Europa, die USA, Brasilien und Südkorea. Es konzertierte u. a. in der Dresdner Frauenkirche, der Kölner Philharmonie und der Wiener Staatsoper. Eine tiefe musikalische Verbundenheit hat das Ensemble mit dem Alte-Musik-Spezialisten Reinhard Goebel. Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Christopher Hogwood, Albrecht Mayer, Simone Kermes, Martin Grubinger, Mstislaw Rostropowitsch, sowie den Jazzmusikern Dave Brubeck, Chick Corea und dem Saxofonisten Marius Neset bezeugt die erstklassige Qualität der Augsburger Musiker.
Die bayerische kammerphilharmonie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wie dem europäischen »Förderpreis für Musik«, dem »Diapason d’or« oder dem ECHO Klassik. Knapp 30 CD-Einspielungen des Orchesters liegen bei den wichtigsten europäischen Labels vor. Zum 125. Geburtstag von Paul Ben-Haim ist in diesem Jahr eine CD mit seinen Werken für Kammerorchester erschienen. Auf dem YouTube-Kanal des Ensembles sind mehrere Videoproduktionen höchster Qualität mit Solisten wie Sarah Christian und Maximilian Hornung zu sehen.
Die Offenheit des Orchesters für zeitgenössische Musik spiegelt sich in zahlreichen Auftragswerken und Uraufführungen von Komponisten wie Moritz Eggert, Malin Bång, Richard Dünser, Henning Sieverts und Manuela Kerer wider. Zum 30-jährigen Jubiläum des Ensembles entstand ein Werk des Augsburger Komponisten Patrick Schäfer.
Seit 2018 werden unter dem Label »young bkp« mit der Konzertpädagogin Stefana Titeica Familienkonzerte und interdisziplinäre Projekte zur Kinder- und Jugendförderung angeboten. Im November diesen Jahres ist das Ensemble mit dem Süddeutschen Kammerchor mit Bruckners Requiem auf Deutschlandtournee. Im März 2023 ist das Ensemble erneut Gast beim Festival Música-Musika in Bilbao.
Die bayerische kammerphilharmonie zählt mit ihrem Projekt zum Komponisten Paul Ben-Haim zu den Stipendiaten des NEUSTART KULTUR Programms der Bundesregierung in der Saison 22/23.
Mehr zu Ben-Haim oder der bkp auch in unserer Sonderveröffentlichung.
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