Sehen, riechen, hören
»Groundfloor Playground«, das experimentelle Ausstellungsformat des Kunstvereins Augsburg, geht mit Philipp Zrenner und Tabata von der Locht in die dritte Runde.
Wer die Tür zum Augsburger Holbeinhaus öffnet, dessen Blick fällt unwillkürlich auf eine Kaskade quadratischer Steinplatten im zentralen Raum – ähnlich einer Wendeltreppe hängen Gehwegplatten, von Netzen und Ketten gehalten, von der Decke bis zum Boden herab. Philipp Zrenner, der mit seiner Kollegin Tabata von der Locht aktuell den »Groundfloor Playground« bespielt, hat hier den direkten Außenraum einbezogen, indem er aus der Pflasterung des Innenhofes eine Plattenreihe entnommen und in dieser Installation verbaut hat. Die draußen hinterlassene Leerstelle markieren zahlreiche Gläser, die sich allmählich mit Regenwasser füllen werden. Der Inhalt dieser Gläser wird regelmäßig auf die Galerie getragen und dort in einen Kanister geleert, aus dem das Wasser dann allmählich herabtropft, bis es auf der untersten – beheizten – Platte verdampft. Hierbei entsteht ein zarter, aber prägnanter allen Stadtmenschen vertrauter Geruch, leider durch die obligatorische Maske gemindert …
Ebenso aus dem direkten Umfeld des Holbeinhauses stammt ein Zweig, der, angetrieben von einem Scheibenwischermotor, unbeirrt kratzend Fein- und Grobstaub von seinen Blättern auf eine Leinwand wischt und so die Verschmutzung der Umwelt malerisch sichtbar werden lässt.
Von diesem Dualismus aus Pragmatismus und Poesie geprägt sind auch Zrenners aus gelben Tennisbällen gefertigte künstliche Steine. Sie tauchen als Objekte an verschiedenen Stellen des Hauses auf, sind aber auch in einem Video in Bewegung zu erleben, wenn sie, vom Künstler geworfen, elegant übers Wasser springen.
Zrenners Spielpartnerin Tabata von der Locht, die in ihr Werk ebenfalls Alltagsmaterialien und Spuren aus der Umgebung des Holbeinhauses holt, filtert und verunklart diese aber entschiedener. Die Künstlerin näht farbige Textilien auf die Rückseite der Nesselbespannung von großformatigen Keilrahmen, sodass sie sich schattenartig auf der Vorderseite abbilden. Dort wiederum zeigen sich Abdrücke der Farbspuren von Tabatas Arbeitstisch, die sie wie bei einem Handabzug in den Stoff reibt. Genauso transferiert die Künstlerin auch auf Wände gesprühte Tags, die sie in der Umgebung des Holbeinhauses gefunden hat. Der dünne Nesselstoff gewährt immer auch einen schemenhaften Durchblick auf die Gitterstruktur des Keilrahmens, die so Teil der Bildkomposition wird, zugleich aber auf den Ort verweist, denn die Keilrahmenkonstruktion wiederholt die Rahmenprofile der Fenster. Von der Locht kommentiert in ihren Bildern die Situation im Holbeinhaus, indem sie sie den Fenstern gegenüberstellt oder diese zustellt.
Fenster entstehen auch innerhalb der Bilder, denn die Künstlerin tränkt Rechtecke oder andere Formen mit einem speziellen Lack, der auf der Bespannung eine opake Transparenz erzeugt. Manchmal geht sie auch den umgekehrten Weg und verstellt den Blick durch deckende Farbschichten. Dieses Verstellen und Gewähren von Durchblick schafft verschiedene Bildebenen und lässt Raum in der Fläche entstehen. Wenn frau will, lassen sich die zarten Spuren eines außerhalb des Bildes existierenden Geschehens auch als vage Erinnerung an das Turiner Grabtuch lesen …
Beide Künstler*innen integrieren in ihr Werk Alltagsmaterialien und nutzen vorhandene Spuren aus ihrer jeweiligen Arbeitsumgebung, sie beziehen aber auch Objekte und Verweise aus der Umgebung des Ausstellungsortes ein. Die so erlebbare beiläufige Poesie des Zufälligen wird durch die konzeptuelle Strenge der Kompositionen in der Spur gehalten. Die Spannung dieses ausgesprochen reflektierten Zusammenspiels ergibt sich aus der sehr verschiedenen Sicht- und Verfahrensweise der beiden: Wo Zrenner klar, zupackend – auch ein wenig ironisch – zu Werke geht, setzen von der Lochts leise und kluge Arbeiten einen nachdrücklichen Kontrapunkt.
Das Obergeschoss des Holbeinhauses ist den Jahresgaben 2021 vorbehalten – der Kunstverein präsentiert hier seinen Mitgliedern erschwingliche junge Kunst, darunter Werke der bisherigen Protagonist*innen des »Groundfloor Playground«. Abbildungen sowie weitere Info finden sich auch auf der Website. (bek)
www.groundfloor-playground.de | Groundfloor Playground #3 | Holbeinhaus | bis 30. Januar 2022
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